Eine »grüne Insel« sei Polen, sagte Donald Tusk Anfang vergangener Woche. Der konservative Ministerpräsident stand in der Warschauer Börse auf dem Podium, vor sich die polnische Presse, hinter sich eine große Europakarte. Auf der war Polen in grüner Farbe eingezeichnet, im übrigen Europa dominierte das Rot. »Rot« stand für ein Minus in der volkswirtschaftlichen Bilanz. »Grün« für Wachstum.

Um 1,7 Prozent, so die freudige Nachricht des Regierungschefs, hat Polens Wirtschaft im dritten Jahresviertel im Vergleich zum Vorjahr zugelegt und damit den Erfolg des ersten und zweiten Quartals eindrucksvoll bestätigt. Während die Statistiken ringsum nur Minuszahlen zeigten, blieb Deutschlands östlicher Nachbar das ganze Krisenjahr 2009 über eine Insel der Seligen. »Nicht zu glauben: Wir sind die Besten in Europa«, titelte die Zeitung Dziennik schon im Sommer. Dabei wird es auch am Jahresende bleiben. Experten rechnen damit, dass Polen 2009 mit einem Wachstum von mindestens 1,5 Prozent abschließt und damit das einzige Land der EU sein wird, das dieses Jahr im Plus beendet.

Die Polen hätten das »ausschließlich sich selbst zu verdanken«, lobte Tusk in der Börse sein Volk – ihrem Arbeitseifer, ihren Unternehmen, vor allem aber ihrer ungebrochenen Freude daran, einzukaufen. Tatsächlich liegt hier einer der Schlüssel für die von den wenigsten Fachleuten vorausgesehene Fähigkeit des Landes, dem weltweiten Wirtschaftsbeben viel besser zu widerstehen als die meisten anderen Staaten Europas: Polen hat einen großen Binnenmarkt, der Konsum trägt am Inlandsprodukt einen Anteil von rund 60 Prozent. Weil die Löhne in den Jahren vor der Krise ordentlich zugelegt hatten und eine schon vor dem globalen Einbruch beschlossene Steuersenkung zusätzlich Geld in die Taschen der Verbraucher spülte, blieben die Kaufhäuser auch 2009 voll. Zugleich half Polen seine geringere Abhängigkeit vom Export. In der Slowakei oder Tschechien werden große Teile des Wachstums auf den Auslandsmärkten erzielt, entsprechend tief war der Einbruch in der Krise. Polen dagegen erwirtschaftet nur rund ein Viertel seines Inlandsprodukts mit dem Export.

Andere Faktoren kommen hinzu. Schon vor dem großen Crash, so Lukasz Tarnawa, Ökonom an der PKO Bank Polski in Warschau, »stand Polen bei wichtigen Kennzahlen stabiler da als seine Nachbarn«. Das gilt vor allem für die Verschuldung von Haushalten und Unternehmen, die weitaus geringer war als etwa im Baltikum oder in Rumänien. In dem von den Töchtern ausländischer Institute dominierten Bankensektor stand das normale Kreditgeschäft im Vordergrund, Spekulationen mit risikoreichen Wertpapieren gab es so gut wie gar nicht. Dementsprechend musste die Regierung nicht ein einziges Mal eingreifen, um eine Bank vor dem Absturz zu retten. Dafür hatte auch eine Aufsicht gesorgt, die nach der polnischen Bankenkrise zur Jahrtausendwende verschärft worden war. So wurde es Instituten beispielsweise verboten, Immobilienkredite in Auslandswährungen zu vergeben – was eine der Ursachen für die großen Probleme in Lettland oder in Ungarn war.

»Die Gefahr ist, dass Polen sich in seinen kurzfristigen Erfolgen sonnt«

Freilich hatte Polen auch schlicht Glück. Das bestand darin, »dass hier der Wirtschaftsboom erst 2006 einsetzte und damit bis 2008 nicht jenen ungesunden Level anderer Staaten erreichen konnte, der durch eine stark steigende Verschuldung und diverse Blasen gekennzeichnet war«, sagt Leon Podkaminer. Er beobachtet das Land für das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Während der Krise half dann eine Kreditlinie über 20 Milliarden Dollar, die der Internationale Währungsfonds zur Verfügung stellte, um die Währungsspekulation gegen den polnischen Złoty zu beenden. Und es halfen der Nachbar Deutschland sowie die Europäische Union. Mit ihrer Abwrackprämie kurbelte die Berliner Regierung die Produktion in polnischen Opel- oder Fiat-Werken an; mit den Milliarden aus den Struktur- und Regionalfonds unterstützte Brüssel nicht zuletzt die polnische Bauindustrie.

Bis 2013 stehen Polen EU-Mittel in Höhe von insgesamt 65 Milliarden Euro zu. Die braucht das Land auch. Denn hinter den im europäischen Vergleich eindrucksvollen Wachstumszahlen verbergen sich längst Risiken, die 2010 für die polnische Regierung zu einem schwierigen Jahr machen dürften. Sorgen bereitet vor allem das wegen sinkender Steuereinnahmen und größerer Arbeitslosigkeit wachsende Haushaltsdefizit. Schon für 2009 muss Finanzminister Jacek Rostowski mit einem Defizit von über sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts rechnen, im kommenden Jahr wird es möglicherweise auf sieben Prozent wachsen. Weil damit die Defizitkriterien des Maastricht-Vertrags auf absehbare Zeit kaum zu erfüllen sind, wurde bereits der Plan aufgegeben, im Jahr 2012 den Euro einzuführen. Einen neuen Termin gibt es bisher nicht.