Reich und arm in Sachsen Über den Dächern von Radebeul
Die Stadt bei Dresden ist das Nizza Sachsens. Der Villen wegen leben viele Wohlhabende aus dem Westen hier. Doch die schönen Häuser spalten die Stadt: in Arm und Reich, in Einheimische und Zugezogene
© Frank Rothe

Je höher die Wohnlage in Radebeul, desto gehobener das Prestige. Oberbürgermeister Wendsches Stolz ist die niedrige Arbeitslosenrate
Jens Beck fährt in seinem Audi A6 die Meißner Straße entlang, er nennt sie die Demarkationslinie. Sie ist acht Kilometer lang und teilt Radebeul in arm und reich. Wie ein Kompass zeigt sie an, welche Stellung man in der Gesellschaft der Stadt einnimmt. Deshalb ist eine der ersten Fragen, die in Radebeul gestellt werden, stets: Wohnen Sie oberhalb oder unterhalb der Meißner Straße? Oberhalb bedeutet schön und wohlhabend, unterhalb bedeutet nicht ganz so schön und eher proletarisch. Oben Wein und Villen, unten Einkaufsmärkte und Industrie. Jens Beck arbeitet vorwiegend oben, er verkauft die Villen, er ist Makler.
Beck biegt rechts ab, in Richtung Weinberg. Je höher die Wohnlage, desto höher das Prestige. Der Chef der Tengelmann-Gruppe Erivan Haub besitzt oben ein Haus, der Prinz von Hessen, der Rektor der TU Dresden, auch Kurt Biedenkopf lebte da, als er noch Ministerpräsident von Sachsen war. Oberhalb der Meißner Straße kostet eine Villa je nach Zustand zwischen einer halben und vier Millionen Euro, in München müsste man das Dreifache zahlen. »Hier können Sie sich den Traum von einer Villa schneller erfüllen«, sagt Beck.
Als er das erste Mal in die Stadt kam, im Winter 1990, war Beck von den Villen bezaubert. Sie sahen grau aus, manche waren halb verfallen. Aber er ahnte, was aus ihnen einmal werden könnte. Anfang der Neunziger boomte der Immobilienmarkt im Osten durch günstige Preise und Steuerabschreibungsmodelle. Beck arbeite ein Jahr ohne Pause, dann zog er nach Radebeul. »Durch meinen Informations- und Wissensvorsprung konnte ich hier Dinge im Zeitraffer erreichen, die ich im Westen nie so schnell geschafft hätte.« In seiner Heimat Hamburg war alles schon verteilt.
Radebeul, der Osten, lag vor Jens Beck wie eine riesige leere Bühne. Er musste sie nur noch bespielen.
Die Villen von Radebeul – nichts beschäftigt die Einheimischen mehr. Die Villen beherrschen die Gespräche der Stadt, bisweilen scheinen sie auch das Leben ihrer Bewohner zu bestimmen. Mittlerweile sind sie auch nicht mehr grau, sondern zartrosa, gelb oder hellblau. Manche tragen Namen, als wären sie Menschen. Die Villen sind das Gesicht der Stadt, der Grund, warum Jens Beck und viele andere dorthin gezogen und geblieben sind.
Radebeul am Rande Dresdens, das sind: 33.000 Einwohner, 1200 Bauten unter Denkmalschutz, ein Theater, ein Karl-May- und ein DDR-Museum. Die Stadt liegt im Elbtal, der zweitwärmsten Gegend Deutschlands inmitten des nördlichsten Weinanbaugebietes. Deshalb wird sie das »sächsische Nizza« und seit ein paar Jahren auch das »Millionärsstädtchen« genannt. 250 Millionäre sollen in Radebeul leben, aber niemand weiß, woher die Zahl stammt. Laut Einkommensteuerstatistik gibt es hier nur 43 Menschen, die mehr als eine Viertelmillion im Jahr verdienen. Es sind die Villen, die inzwischen Millionen wert sind. Sie sind das höchste Gut Radebeuls, sie haben den Ort bekannt gemacht. Sie sind die stillen Herrscher der Stadt.
Aus einer Marktanalyse des Immobilienverbands Deutschland geht hervor, dass seit Beginn der Wirtschaftskrise mehr hochwertige Häuser und Wohnungen in besonders schönen Gegenden wie Radebeul verkauft werden. Anstatt ihr Geld den Banken anzuvertrauen oder in Aktien anzulegen, investieren es Vermögende lieber in Häuser und Wohnungen. Das scheint sicherer. Aber was macht die Konzentration auf Immobilien mit einer Stadt? Sind die Villen das Geheimnis von Radebeul? Oder ist alles nur schöner Schein?
Jens Beck ist wieder zurück auf der Meißner Straße, der Demarkationslinie, er fährt vorbei an einem Autohaus mit Fensterscheiben, die bis zum Boden reichen. Dahinter parken Rolls-Royce, Ferrari, Aston Martin und Maserati. Es ist die einzige Rolls-Royce-Niederlassung in Ostdeutschland. Manchmal kommen Menschen vorbei, nur um sich in eine der Ausstellungshallen zu setzen und sich am Anblick der Luxuswagen zu weiden.
Jens Beck stoppt seinen Audi vor einer Villa oberhalb der Meißner Straße. Vor ein paar Wochen ist er dort eingezogen. Nach 18 Jahren Recherche hat er nun auch etwas für sich selbst gefunden. »Das ist die Mentalität der Deutschen, sie wollen gern Häuser haben«, sagt Beck. Wie viel er für das Haus bezahlt hat, mag er nicht sagen. Die Villa hat einen kleinen Turm, einen riesigen Garten, Handwerker haben in ihrem Inneren gerade Wandmalereien freigelegt. Bis zum Ende der Renovierung wohnt Beck mit seiner Frau und seinem wenige Wochen alten Sohn unterm Dach. Beck ist jetzt 43, er sagt: »Für mich ist die Lebensqualität hier höher als in Hamburg. Im Elbtal, das ist die heile Welt.«
- Datum 09.12.2009 - 16:40 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 10.12.2009 Nr. 51
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Fuer einen Auslandsdeutschen hoert sich das nicht nach 21.Jahrhundert an. Wo ist das Problem???? Ist der Autor auch neidisch?
Lasst doch jeden nach seiner Facon selig werden!
... und mit der Geschichte der alten Dame kann das ja wohl so nicht alles so stimmen, oder??!!
Für die Reichen das
Beste
Für die Armen die
Reste
Ich muss mir nur die Tafel hier ansehen und das die Politik nun wieder ein wenig Geld für Ihre Klientel meht hat. Es ist eben normal das es Tafeln & Suppenküchen gibt. Es ist normal das ein ex-Verkehrsminister als Lobbyist 5 Mrd stiehlt ( und nebenher noch ne menge co2 ausstösst ) und keiner sagt was.
sind doch auch ein Argument, mit dem man die Besiedelung des Ostens von Westen her begründen kann.
Schließlich können sich unsere Neuen Feudalherren und -frauen dieses "Personal" hier im Osten doch viel billiger besorgen, als im Westen.
Die geistig-moralische Wende der Herren Kohl & Genscher kann doch nicht ohne Folgen bleiben. Wundern wir uns nicht darüber, dass uns demnächst noch die Forderung ins Haus stehen wird, dass die weiblichen Bediensteten in diesen Häusern sich ihre Heiratsgenehmigung von ihrem Dienstherren wird einholen müssen und dass der Herr sich persönlich davon überzeugt, dass die Bedienstete ihren ehelichen Pflichten auch wirklich wird nachkommen können.
Dieses Deutschland ist, ohne dass es viele bemerkt haben, länst wieder im 18. Jahrhundert zurück regiert wurde. Schließlich will man ja auch wieder Herr im eigenen Hause sein.
Ich habe in Radebeul gelebt und liebe diese Stadt; u.a. auch wegen ihrer Villen. Ja, es ist ein Traum in der Gegend zu wohnen und ja, ich bin neidisch, weil ich es nicht zu einem Haus da schaffen werde. Das liegt nicht daran, dass ich faul bin, aber ich habe weder Vermögen noch die Aussicht, durch Arbeit solche Summen zusammenzukriegen, wie sie jetzt schon fällig werden.
Das Problem ist: Die Einheimischen werden verdrängt (für ein Schätzchen kaum zu glauben, wie herzlos Geldbesitzer sein können, ich weiß). Es ist für keine Stadt gut, wenn sich nur Geldbesitzer ansammeln. Wer das nicht begreifen kann, soll sich nur mal kurz vorstellen, wie ihm Folgendes gefallen würde: Es gibt von heute an in Ihrer Heimatstadt keinen Platz mehr für Sie, wenn Sie zurückkomen wollen, Sie haben zuwenig Geld und gehören damit nicht zum Club.
PS: Die schönste Villa steht am Ende der Weinbergstrasse. Sie hat Fensterläden mit je einem ausgesägtem Herz und ist nicht saniert. Aber das Haus hat Flair.
Ich kann Ihren Frust darueber verstehen. Aber fuehrt der Zuzug von so vielen Wohlhabenden nicht auch zu besonders hohen Steuereinnahmen in der Kommune - koennen dadurch nicht mehr kommunale Projekte finanziert werden als in anderen Staedten vergleichbarer Groesse?
Ich kann Ihren Frust darueber verstehen. Aber fuehrt der Zuzug von so vielen Wohlhabenden nicht auch zu besonders hohen Steuereinnahmen in der Kommune - koennen dadurch nicht mehr kommunale Projekte finanziert werden als in anderen Staedten vergleichbarer Groesse?
Ich kann Ihren Frust darueber verstehen. Aber fuehrt der Zuzug von so vielen Wohlhabenden nicht auch zu besonders hohen Steuereinnahmen in der Kommune - koennen dadurch nicht mehr kommunale Projekte finanziert werden als in anderen Staedten vergleichbarer Groesse?
Leute mit viel Einkommen sind leider nicht zwangsläufig die besten Steuerzahler. Wenn ich an die Diskussionen denke, ob Radebeul 10000 EUR mehr oder weniger zum jährlichen Weinfest dazu gibt - nein, die Stadt ist finanziell nicht besonders gut aufgestellt.
Und, ganz ehrlich - mir als ehemaliger Radebeulerin sind weniger Zugezogene und weniger Steuern lieber. So ist es eine Art feindliche Übernahme, da können die stolzen Hausbesitzer noch so gern ihre Pforten fürs gemeine Fußvolk öffnen.
Ich habe Radebeul selbst besucht und kenne es aus der Zeit sowohl vor der Wende, als auch jetzt.
Es ist nach wie vor hübsch
und natürlich betört der schöne Ausblick von den Weinbergen Richtung Erzgebirge.
Zudem ist es eine Freude, im urigen Weinlokal bei preiswerten Schoppen zu sitzen.
Wie betrüblich ist es da zu wissen, dass die Bewohner dies-und jenseits der Meißner Straße sich nicht für einander interessieren und sich gegenseitig helfen.
Radebeul hat nun beides: Vermögende (Zugezogene) und Einheimische. Wie schön wäre es doch, wenn sich beide nicht gegenseitig abschotteten und verschmähten, sondern bei geselligen Runden näher kennenlernten.
Beide Seiten hätten sich viel zu erzählen.
Ja, Geld hilft der Denkmalpflege enorm - neben schönen Villen kann und sollte man sich doch aber auch für die (Mit-)menschen und Nachbarn interessieren...und eine Kunst-,Wein-und Kulturvilla für alle (Budgets) wäre doch ein Anfang... .
Denn im Leben mögen wir ja auch kleine Melodien und große Sinfonien.
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