Leipzig leuchtet. Die berühmte Kirchenmusikerstadt und berüchtigte Kirchensprengmeistermetropole tritt heraus aus der selbstverschuldeten Dunkelheit. Nein, es sind nicht nur die Lichterketten des Weihnachtsmarktes. Es gleißt nicht nur der Herrnhuter Stern in dem Gebäude mit dem Kompromissnamen »Paulinum: Aula/Universitätskirche St. Pauli«.

Es leuchtet endlich wieder das Licht der Vernunft, denn der Bauherr hat den umkämpften Gottesdienst doch stattfinden lassen – als politisches Zeichen und Konsequenz der 1989er Revolution, die hier um die Ecke in der Nikolaikirche begann.

Jetzt soll der Abschied von der Diktatur in der Paulinerkirche vollendet werden. Doch bis zuletzt wurde von unerfüllbaren Sicherheitsauflagen für den Rohbau gemunkelt: dass die Bauleitung eine Unterschrift vom Ordnungsamt benötige, die das Ordnungsamt aber nicht erteile, weil es für Baustellen nicht zuständig sei. Die Situation war ein bisschen wie in der Parabel Vor dem Gesetz von Franz Kafka. Aber vielleicht hat sich ein Verantwortlicher erinnert, dass sowohl Kafka als auch die Leipziger Universität aus Prag stammen, und wollte nicht zum Gespött der Republik werden.

Am zweiten Adventssonntag sieht die Baustelle schon sehr nach Kirche aus. Außen der spitze Giebel und das Chorfenster zum Augustusplatz. Innen die hohen gotischen Bögen und das tiefe Kirchenschiff. Man muss kein Christ sein, um das Erhabene des Moments zu empfinden. An dieser Stelle stand einst die älteste Universitätskirche Deutschlands, bis die DDR sie im Mai 1968 für ihren sozialistischen Betoncampus zerstörte. Viele Leipziger, die zusahen, und erst recht die wenigen Widerständler sagen heute, dass damit der Sozialismus für sie gestorben war.

Jetzt findet endlich ein Akt der Wiedergutmachung statt. Eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes ist die Kirche überfüllt, dreihundert Leute müssen draußen bleiben. Zu denen, die es nach drinnen geschafft haben, gehören ein altes Ehepaar, das 1968 hier den letzten Gottesdienst erlebte, und ein junger Musiker, dessen Vater das letzte Konzert spielte. Wann hat man schon Gelegenheit, selber zu erleben, wie sich der Kreis der Geschichte schließt und historisches Unrecht gesühnt wird? »Dem Gerechten muss das Licht wieder aufgehen«, heißt es in der Bibel Martin Luthers, der die Universitätskirche 1545 weihte.

Dass die Lichtmetaphorik sich dieser Tage aufdrängt, hat mit der reformatorisch-aufklärerischen Tradition dieser Universität zu tun. Erleuchtung der Welt heißt die Ausstellung zum 600. Jubiläum. Der Titel klingt etwas pompös, aber er passt. Denn Sachsen war wirklich an der Erfindung der modernen Wissenschaft beteiligt. 1409 hatten deutsche Professoren und Studenten die Prager Karls-Universität verlassen, weil sie sich dem Diktat des böhmischen Königs nicht beugen wollten, also zogen sie nach Leipzig.

Ihre neue Universität, gegründet aus dem Geist des Protests, erlebte ein Jahrhundert später in der Leipziger Disputation von 1519 den großen Konfessionsstreit um Luthers Thesen. Später wurde sie Hochburg der lutherischen Orthodoxie, noch später setzte die Aufklärung sich gegen den Widerstand der Uni-Theologen durch.