Und im Jahr 1968 war es die sozialistische Uni selbst, die die Sprengung ihrer wertvollen Kirche betrieb
Jahrhundertelang war hier Kirche und Aula in einem, also Toleranz. Ist damit nun Schluss? Der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, jedenfalls, der einer der schärfsten Kritiker der Glaswand ist, wurde zum Festakt nicht eingeladen – obwohl nur einen Tag vorher in seiner Kirche, die 1409 Gründungsort der Uni war, der Rektor eine Rede gehalten hatte. Offenbar müssen Leipzigs weltliche Obrigkeiten von der Kirche Kritikfähigkeit lernen.
Der Studentenrat ist da schon weiter. Sein Sprecher hält beim Festakt eine flammende Rede über jüngste Aufarbeitungsmängel. Er kritisiert, dass die Uni zu unkritisch feiere, sich zum Opfer der Geschichte des 20. Jahrhunderts stilisiere, anstatt ihre Täterrolle während der zwei deutschen Diktaturen zu thematisieren. Tatsächlich war der Nationalsozialismus hier nur allzu willkommen. Und im Jahr 1968 war es die sozialistische Uni selbst, die die Sprengung ihrer wertvollen Kirche betrieb. Doch anstatt sich endlich selbst aufzuklären, lässt die Universität einen ihrer alten DDR-Architekten über ihre DDR-Baugeschichte schreiben. Nebenbei behandelt sie den traditionsreichen Universitätschor respektlos und erschrickt, wenn ein Chormitglied beim Festakt protestiert.
Es ist ja nicht so, als hätte die Universität kein kritisches Potenzial. Bei einem wirtschaftswissenschaftlichen Kongress anlässlich der Festwoche wurde die Ökonomisierung der Universitäten scharf angeprangert. Dass der »wirtschaftende Verstand« die aufgeklärte Vernunft ersetzt, wurde als Gefahr für die gesamte Gesellschaft beschrieben. Warum erforschen nicht die Uni-Historiker mit solchem gesellschaftskritischen Schwung die Geschichte der Kirchensprengung? Nahezu gänzlich im Dunkeln liegt ja noch der Grabraub durch die Stasi, die 1968 die alten Gräber unter St. Pauli plünderte.
Wohin die goldenen Rosen und andere wertvolle Grabbeigaben verschwanden, dafür muss es noch lebende Zeugen geben. Leider hat die Uni eilends Beton über den Tatort gegossen. Am vergangenen Sonntag aber hat die ARD in ihrem Leipzig -Tatort einmal kurz in dieses brisante Thema hineingeleuchtet. Da steckt noch ein größerer, ein echter Krimi drin. Da muss noch viel mehr Licht gemacht werden in Leipzig.
Der Gottesdienst in der Paulinerkirche war immerhin ein Anfang. Nur die Predigt des Universitätspfarrers war etwas verdruckst. Viel Weihnachtliches kam vor, aber kein Wort gegen die Glaswand. Das war schade, weil mit dem Gottesdienst die Kirche buchstäblich auflebte.
Seit Herbst 2009 erst ist bekannt, dass St. Pauli niemals entwidmet wurde, dass also die Weihe Luthers noch gilt und nur die Evangelisch-Lutherische Landeskirche hier hätte bauen dürfen. So lautet das Gesetz, die res sacra, die von unserer Verfassung legitimiert ist. An der Universität gibt es darüber keine große Debatte. Wahrscheinlich müssen erst wieder streitbare Leute von außen nachhelfen. Es ist mit der Uni Leipzig momentan wie in Luthers Bauerngleichnis: »Die Welt ist wie ein trunkener Bauer. Hebt man ihn auf einer Seite in den Sattel, fällt er zur andern wieder herab.«
- Datum 09.12.2009 - 14:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
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Der erste Gottesdienst seit einundvierzig Jahren in der neuen Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig war ein überwältigendes Ereignis.
Dank an DIE ZEIT, Dank an Frau Finger für diesen wieder einmal hervorragenden Artikel!
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