Tom Waits "Simsalabim!"
Im Kino spielt Tom Waits den Teufel. Als Musiker den wilden Mann. Wer ist der Verwandlungskünstler hinter der Maske?
ZEITmagazin: Mister Waits, reden wir vom Teufel. In Das Kabinett des Dr. Parnassus, dem neuen Film von Terry Gilliam, spielen Sie einen sehr charmanten Teufel. Lag Ihnen die Rolle?
Tom Waits: Dieser Teufel war nicht besonders schwierig für mich. Ich spiele im Grunde nur meine Stärken aus. Es ist ja nicht so, dass ich, sagen wir mal, einen Holocaust-Überlebenden spiele. Ich bin hier innerhalb des Spektrums meiner Erfahrungen und meines Know-hows.
ZEITmagazin: Der Teufel ist ein Extremfall des Außenseiters. Eine Figur, die uns auch an Tom Waits, den Musiker, erinnert. Was hat der Teufel mit Ihnen gemein?
Waits: Er ist auch nur ein Aspekt von uns allen. Eine Energie, die immer im Raum ist. Jetzt, hier, könnten wir uns umarmen, oder ich könnte Ihnen die Kehle durchschneiden. Es gibt immer diese Wahl, und so entsteht die Spannung des Augenblicks.
ZEITmagazin: Wieso tragen Sie im Film diese Melone?
Waits: Das war Terrys Idee. Er mag Mackie Messer aus der Dreigroschenoper. So stellte er sich den Teufel vor. Ich habe die Melone später auch auf meiner Tournee getragen
ZEITmagazin: Für die Rolle haben Sie sich einen strichdünnen Oberlippenbart wachsen lassen.
Waits: Oh ja. So ein Bärtchen erschreckt richtig doll die kleinen Kinder.
ZEITmagazin: Manche Szenen des Films sehen aus, wie Ihre Songs klingen. Da ist zum Beispiel ein verfallenes Kraftwerk und mittendrin eine gestrandete Vaudeville-Truppe – wenn das nicht das Abbild eines Tom-Waits-Songs ist.
Waits: Ja, Terry und ich scheinen auf eine merkwürdige Art dasselbe Feld zu pflügen.
ZEITmagazin: Im Januar kommt Das Kabinett des Dr. Parnassus in die deutschen Kinos. Es ist der letzte große Film mit Heath Ledger, der im Januar 2008 während der Dreharbeiten starb. Hat Sie sein plötzlicher Tod getroffen?
Waits: Oh ja. Es war wirklich tragisch. Ich hatte gerade in London gedreht. Heath wollte eine Woche in New York verbringen, seine Familie besuchen, und dann nach Vancouver kommen, dort wollten wir weitermachen. In New York ist er gestorben.
ZEITmagazin: Dachten Sie: Das ist das Ende des Films?
Waits: Alle dachten das. Aber Terry ist ein echter Schausteller. Er sagt sich: Wenn das Schicksal dir Zitronen gibt, mach Limonade draus. So hat er Heath’ Rolle aufgespalten und Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law in den Film gebracht. Was er aus der Situation machte, ist wahrscheinlich noch besser, als es ohne diese Tragödie geworden wäre.
ZEITmagazin: Sie waren bereits in einigen großen Filmen zu sehen, etwa in Jim Jarmuschs Down by Law und Robert Altmans Short Cuts. Trotzdem scheint das Schauspielern nur eine Art Hobby für Sie zu sein.
Der Sänger ist am 7. Dezember 60 Jahre alt geworden. Er ist in Whittier, Kalifornien, geboren. Kürzlich ist seine Live-CD Glitter & Doom erschienen. Als Schauspieler ist Waits in dem Film Das Kabinett des Dr. Parnassus von Terry Gilliam zu sehen, der am 7. Januar in die Kinos kommt.
Waits: Na ja, wenn ich das hauptberuflich machen würde, wäre ich schon verhungert. Ich säße zu Hause und würde warten, dass das Telefon klingelt und mir jemand eine Rolle anbietet. Das würde mich verrückt machen. Für mich ist das Schauspielern eine nette Ablenkung, es fällt mir einigermaßen leicht.
ZEITmagazin: Auf der Konzertbühne wirkten Sie schon immer wie jemand, der geradewegs aus einer verrauchten, schummrigen Bar kommt. Musikalisch haben Sie sich seit den siebziger Jahren mehrmals neu erfunden. Ihre Musik ist radikaler geworden. Was treibt Sie an?
Waits: Als ich anfing, hatte ich richtig Angst. Ich war nervös und machte mir Sorgen, ob ich meinen Platz als Musiker finden würde. Aber als ich erst mal eine Weile dabei war und mehr Selbstbewusstsein hatte... Es ist wie mit Familie und Freunden: Wenn man sich akzeptiert fühlt, bedingungslos akzeptiert, dann kann man sich entspannen und seine Persönlichkeit erweitern.
ZEITmagazin: Zu der öffentlichen Rolle als exzentrischer Trunkenbold passt die Vorstellung eines soliden Familienlebens nicht. Das scheinen Sie aber tatsächlich zu führen.
Waits: Es gibt eine Grenze zwischen meiner Arbeit und meinem Leben. Wenn du Klempner bist, dann ist das Klempnern das, was du tust – nicht das, was du bist. Es ist nicht alles. Selbst wenn du der beste Klempner der Stadt bist, rund um die Uhr arbeitest und ständig die tollsten neuen Klempnertricks erfindest – das Potenzial deiner Persönlichkeit ist nicht darauf beschränkt. Es ist so groß wie das Universum.
ZEITmagazin: Und nach dem Klempnern gehen Sie heim zur Familie und zu Ihrem anderen Leben?
Waits: Ja, genau.
ZEITmagazin: Für die Grenze zwischen Ihrer Arbeit und Ihrer Person haben sich die Leute von Anfang an sehr interessiert. Sie wollen wissen: Ist der Typ echt?
Waits: Simsalabim: Die Leute glauben nur, dass sie es wissen wollen. Wenn ich jetzt einen Zaubertrick vorführe, dann wollen Sie wissen, wie ich das gemacht habe. Bis ich es Ihnen verrate, dann sagen Sie: Ich wünschte, Sie hätten es mir nicht gesagt.
ZEITmagazin: Vielleicht ist Ihr Privatleben auch gerade deswegen so interessant, weil Sie es, anders als viele Stars, eben nicht zur Schau stellen.
Waits: Manche gehen in Talkshows und weinen da. Ich sehe mir das an und denke: Warum macht ihr das bloß? Viele denken natürlich, wenn ich nicht hingehe, gibt es mich gar nicht mehr. Die sagen: Willst du denn nichts verkaufen? Aber es ist genug Platz für alle. Manchmal kann man auch alleine still in der Ecke stehen, und die Leute kommen trotzdem zu einem.
ZEITmagazin: Bei Ihnen scheint das zu funktionieren.
Waits: Mir passieren Sachen, die wirklich bizarr sind. Es kam mal eine Blaskapelle an, aus Indonesien, glaube ich, 30 Leute, die spielten vor meinem Haus ihre Instrumente. Leider war ich da gerade nicht zu Hause.
ZEITmagazin: Sie wohnen auf dem Land bei San Francisco. Kommt man so leicht zu Ihnen?
Waits: Nein, nein, die wären natürlich beinahe von meinen Sicherheitsleuten abgeknallt worden. Wissen Sie, es gibt nicht die eine Wahrheit. Sobald man eine Geschichte erzählt, ist es Fiktion. Denn man lässt immer etwas weg. Man formt sie um, je nachdem, wem man etwas erzählt. So geht es auch mit den Songs. So entwickeln sie sich weiter. Ich habe die zweite Strophe vergessen und erfinde eine neue oder mildere den Text für Kinder etwas ab. Oder ich verwende andere Ortsnamen. Wie den Songs ergeht’s auch den Wahrheiten.
ZEITmagazin: Eine lustige Geschichte auf Ihrer Live-CD Glitter and Doom, die eben erschienen ist, handelt von einer Armbanduhr. Eine Zeitschrift, erzählen Sie dem Publikum, druckte ein Foto von Ihnen und schrieb: "Tom Waits trägt eine 300.000-Dollar-Uhr."
Waits: Und ich sage: Es ist zwar nur eine 9,99-Dollar-Uhr. Aber wenn jemand glaubt, dass sie 300.000 Dollar wert ist, dann ist das eben so: Wir sind hier im Showbusiness!
ZEITmagazin: Ging es um diese Uhr, die Sie jetzt tragen?
Waits: Nein, die hat wirklich 300.000 Dollar gekostet! War nur ein Witz.
ZEITmagazin: Die Zuschauer wollen Illusionen?
Waits: Sie kommen, um hereingelegt zu werden. Sie wollen wissen: Wie weit kannst du mich ins Unbekannte mitnehmen? Danach wird deine Arbeit als Künstler beurteilt.
ZEITmagazin: Dann müssten Sie sich der Hauptfigur aus Das Kabinett des Dr. Parnassus ja ziemlich nahe fühlen. Dr. Parnassus ist ein Schausteller, der einen in Traumwelten entführt. Haben Sie sich in ihm wiedergefunden?
Waits: Ja, womit ich mich besonders identifizieren konnte, war, dass er einen Deal mit dem Teufel gemacht hatte. Als ich anfing als Musiker, hatte ich einen Manager (er bewegt lautlos die Lippen, man ahnt die drei Silben), und der hat mich sehr viel gekostet. Ich habe mich mit ihm 15 Jahre vor Gericht gestritten. Mein Leben war lange Zeit sehr schwierig, seinetwegen.
ZEITmagazin: Sie sprechen von Ihrem Manager in den siebziger Jahren, Herb Cohen.
Waits: (hustet, verzieht sein Gesicht, schüttelt sich) Sagen wir: H. C. Nennen wir ihn ... Hercules Commonwealth. Jedenfalls, der Dr. Parnassus im Film möchte sein Leben ändern, er hat sich verliebt, er will eine Familie gründen. So ist es auch mir gegangen. Eines Tages sagte ich: Ich will mein Geld sehen. Ich will mir ein Haus kaufen und sesshaft werden. Damit fing der Krieg an zwischen H. C. und mir.
ZEITmagazin: Sie hatten als Künstler bis dahin in einer anderen Sphäre gelebt.
Waits: Stimmt, ja.
ZEITmagazin: Und dann wollten Sie übersiedeln?
Waits: Ja. Ich wollte mich selbst um mein Geschäft kümmern, um mein Leben. Es ist eine interessante Geschichte, eine Faust-Erzählung.
ZEITmagazin: Sie kommen aus einer Mittelschichtfamilie in San Diego und wurden in den siebziger und achtziger Jahren sehr erfolgreich. Mehrere Biografien wurden über Sie geschrieben, zu Ihrem Unmut. Was haben Sie gegen diese Bücher?
Waits: Die Autoren sind oft Leute, zu denen ich gar keine Beziehung habe und mit denen ich nicht übereinstimme. Es ist so, als ob man stirbt, und der Pfarrer, der die Trauerrede hält, hat einen noch nie getroffen.
ZEITmagazin: Warum schreiben Sie nicht selbst Ihre Lebensgeschichte auf?
Waits: Ich weiß nicht. Bob Dylan hat das sehr schön gemacht, mit seinen Chronicles. Aber auch mit Dylans Buch ist es so: Das sind lauter Geschichten, wie viel davon ist wirklich wahr? Es ist egal. Die Wahrheit wird überschätzt. Jemand wie Dylan, der ein Hausierer ist, ein Gestaltenwandler, ein Geschichtenerzähler – warum sollte der sein Leben nur mit lauter Wahrheiten erzählen? Dann hätte er ja sein Thema verfehlt.
ZEITmagazin: In Dylans wie Ihrer Musik spüren viele eine Art Wahrheit. Vielleicht fragen sie sich deshalb: Existiert dieser wilde, exzentrische Mann, der auf der Bühne steht, tatsächlich?
Waits: Wissen Sie, wenn man in eine Arztpraxis geht, dann will man, dass sie wie eine Arztpraxis aussieht. Wenn da überall Zigarettenstummel auf dem Boden lägen und die Tapete von den Wänden fiele, der Doktor hätte eine Baseballmütze auf dem Kopf – würde man sich von dem behandeln lassen? Wahrscheinlich nicht. Das gilt auch für Künstler. Man erwartet ein bestimmtes Benehmen von ihnen.
ZEITmagazin: Bedienen Sie eine Lust am Kaputten?
Waits: Wenn man über solche Sachen singt, vertrauen die Zuhörer darauf, dass man sich auskennt. Die Leute müssen einem glauben, sonst hören sie nicht zu. Und dann musst du dir selber glauben. Wie viel ist Rolle, wie viel ist echt? Das weiß niemand so richtig. Es geht eben darum, dass man bei einer Show dafür bezahlt, betrogen zu werden. Wenn ein Song dich dazu bringt, die Augen zu schließen, dann hat das nichts mit Logik zu tun.
ZEITmagazin: Sie haben Bob Dylan erwähnt. Sie waren mehrmals zu Gast in seiner Radiosendung, der "Theme Time Radio Hour", in der er auch immer wieder Ihre Platten spielt. Er hat Sie mal seinen "heimlichen Helden" genannt.
Waits: Oh ja, Mann, da fehlen mir echt die Worte. Ich kann eigentlich gar nicht darüber sprechen. Er ist für mich mehr als ein Mentor, er ist eine Vaterfigur, obwohl er nicht mal alt genug ist, um mein Vater zu sein. Als Musiker braucht man so jemanden. Mein eigener Vater ist abgehauen, als ich zehn war. Ich glaube, wenn so was passiert, geht man raus in die Welt und sucht nach dem Vater. Für mich war das Dylan. Ich bin mit seinen Songs aufgewachsen, sie haben mich dazu gebracht, selbst Songs zu schreiben. Man geht ja nicht in eine Schule, um das zu lernen. Man starrt auf die sich drehende Platte und versucht zu begreifen, wie die Musik gemacht ist.
ZEITmagazin: Stimmt es, dass Ihr Vater Ihnen, als Sie klein waren, viel Musik vorgespielt hat und seine Musik Sie stärker beeinflusst hat als der Rock’ n’ Roll jener Zeit?
Waits: Ich weiß nicht. Es war viel Harry Belafonte. Viel Mariachi. Wer weiß. Man saugt alles auf. Man klammert sich an die Sachen, die man wirklich begehrt, egal ob das Blues ist oder klassische Musik oder Jazz oder Picasso oder sonst irgendwas. Wenn man erst mal Hunger darauf hat, kriegt man nicht genug.
ZEITmagazin: Sie sind Vater von drei Kindern, die alt genug sind, ihren eigenen Musikgeschmack zu haben.
Waits: Oh ja!
ZEITmagazin: Bei Ihnen zu Hause treffen ganz unterschiedliche Geschmäcker aufeinander?
Waits: Ich stelle nicht ihre Radiosender ein. Aber meine Kinder wissen, was ich mag. Wenn ich Geburtstag habe, wissen sie, was sie mir schenken können. Mein jüngerer Sohn hört viel, man nennt es wohl: Alternative Rock. Old Crow Medicine Show, Third Eye Blind, The Frames.
ZEITmagazin: Können Sie damit was anfangen?
Waits: Klar, aber es ist nicht meine Musik. Wenn man ein älterer Herr ist wie ich, alt und mürrisch und ein bisschen festgefahren in seinen Gewohnheiten, dann trägt man seine Kleidung auf eine bestimmte Art, mag bestimmte Stühle, Autos. Meine Kinder sollen ruhig ihre eigene Musik hören.
ZEITmagazin: Auf der neuen Platte spielt auch Ihr älterer Sohn mit.
Waits: Ja, am Schlagzeug. Mein jüngerer spielt Saxofon, Klarinette und Gitarre. Wir waren zusammen auf Tournee.
ZEITmagazin: Ihre Kinder haben nichts gegen Ihre Musik?
Waits: Nein, die mögen, was ich mache. Und es ist nun mal der Familienbetrieb.
ZEITmagazin: Sie haben vor vielen Jahren einmal gesagt, dass Sie als sehr junger Mensch das Erwachsenwerden überspringen und lieber gleich 40 Jahre alt sein wollten. Ahnten Sie damals, dass Sie erst im reiferen Alter im Einklang mit sich sein würden?
Waits: Als Kind dachte ich, dass man eines Morgens aufwacht, an sich runterguckt und sieht, dass man einen Anzug anhat. Dass das nachts passiert, wenn du dich nicht wehren kannst. Dann streckst du deinen Arm aus, und da steht deine Aktentasche.
ZEITmagazin: Da haben Sie tatsächlich was übersprungen.
Waits: In Wahrheit kann man nichts auslassen – irgendwann kommt es dann doch. Das Leben ist nicht stupide chronologisch. Es ist wie beim Filmemachen: Es kann passieren, dass du gleich in der ersten Szene sterben musst. So ist das eben, sorry.
ZEITmagazin: Würden Sie sich als glücklichen Menschen bezeichnen?
Waits: Ich glaube nicht, dass das ein Zustand ist, den man erreichen kann. Ich kann manchmal nach dem Glück greifen, es kurz festhalten, dann muss ich es wieder loslassen und von Neuem suchen.
ZEITmagazin: Wovor fürchten Sie sich?
Waits: Die Frage, die man sich in meinem Alter immer wieder stellt, ist: Was kann ich mit der Zeit machen, die mir bleibt?
ZEITmagazin: Und was fällt Ihnen dazu ein?
Waits: Songs schreiben. Wer Songs schreibt, denkt dauernd über seine Themen nach. Über Klänge. Ich war neulich in einem Hotel, und auf dem Flur hat jemand einen Wagen geschoben mit lauter Koffern drauf, und der Wagen machte den unglaublichsten Rhythmus: agaga-TSCHUNGgaga – agaga-TSCHUNGgaga... Ich drehte in meinem Zimmer durch vor Begeisterung. Nach einer Weile ging ich raus, suchte nach dem Wagen, schob ihn den Flur rauf und runter und nahm das Geräusch auf.
ZEITmagazin: Für Ihre nächste Platte?
Waits: Kann gut sein. Aber so weit habe ich gar nicht gedacht, ich musste es einfach haben. Musikalische Ideen kommen einem nicht immer am Klavier, sie können überall auftauchen. Nicht unbedingt, wenn es einem gerade passt.
ZEITmagazin: Ihre Songs sind ja dicht bevölkert mit den seltsamsten Figuren, wie man sie im Alltag nicht oft trifft. Ziehen Sie auch mal hinaus in die Welt der Geschundenen, um Songs mit Ihren Beobachtungen zu füllen?
Waits: Jemand, der tatsächlich unter einer Brücke lebt, ist nicht unbedingt imstande, einen Song darüber zu schreiben.
ZEITmagazin: Aber Sie können sich in die Leute unter der Brücke hineinversetzen?
Waits: Ich verstehe sogar, was Mord ist. Dafür muss ich nicht unbedingt jemanden umbringen.
ZEITmagazin: Sie haben mal gesagt, dass Ihre Frau Ihnen das Leben gerettet hat. Wie hat sie das gemacht?
Waits: Es gibt immer tausend parallele Leben, die man auch leben könnte, wenn man andere Entscheidungen getroffen hätte. Man steht jeden Tag an einer Kreuzung. Nehme ich den Zug nach Kansas City? Oder fliege ich nach Hongkong? Oder gehe ich zu einer Prostituierten?
ZEITmagazin: Eine Ihrer wichtigsten Entscheidungen betraf den Alkohol.
Waits: Ich bin seit 16 Jahren nüchtern. Ich führe ein anderes Leben. Als ich meine Frau traf, war das eine Kreuzung. Die Entscheidung hat mein Leben verändert und ihres, unvermeidlich.
ZEITmagazin: Ihre Frau hat Ihnen geholfen, vom Alkohol loszukommen?
Waits: Wahrscheinlich schon. Aber letztlich muss man es selbst schaffen.
ZEITmagazin: Wie haben Sie das fertiggebracht?
Waits: Ich habe jemandem viel Geld gezahlt, der den Deckel von meinem Kopf abgeschraubt und darin sauber gemacht hat.
ZEITmagazin: Und dann hat er den Deckel wieder draufgeschraubt?
Waits: So halbwegs, ja.
Das Gespräch führten Jörg Burger und Jürgen von Rutenberg
- Datum 08.12.2009 - 13:47 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 10.12.2009 Nr. 51
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nennt man den "strichdünnen Oberlippenbart".
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