Tom Waits "Simsalabim!"Seite 4/4

ZEITmagazin: Bei Ihnen zu Hause treffen ganz unterschiedliche Geschmäcker aufeinander?

Waits: Ich stelle nicht ihre Radiosender ein. Aber meine Kinder wissen, was ich mag. Wenn ich Geburtstag habe, wissen sie, was sie mir schenken können. Mein jüngerer Sohn hört viel, man nennt es wohl: Alternative Rock. Old Crow Medicine Show, Third Eye Blind, The Frames.

ZEITmagazin: Können Sie damit was anfangen?

Waits: Klar, aber es ist nicht meine Musik. Wenn man ein älterer Herr ist wie ich, alt und mürrisch und ein bisschen festgefahren in seinen Gewohnheiten, dann trägt man seine Kleidung auf eine bestimmte Art, mag bestimmte Stühle, Autos. Meine Kinder sollen ruhig ihre eigene Musik hören.

ZEITmagazin: Auf der neuen Platte spielt auch Ihr älterer Sohn mit.

Waits: Ja, am Schlagzeug. Mein jüngerer spielt Saxofon, Klarinette und Gitarre. Wir waren zusammen auf Tournee.

ZEITmagazin: Ihre Kinder haben nichts gegen Ihre Musik?

Waits: Nein, die mögen, was ich mache. Und es ist nun mal der Familienbetrieb.

ZEITmagazin: Sie haben vor vielen Jahren einmal gesagt, dass Sie als sehr junger Mensch das Erwachsenwerden überspringen und lieber gleich 40 Jahre alt sein wollten. Ahnten Sie damals, dass Sie erst im reiferen Alter im Einklang mit sich sein würden?

Waits: Als Kind dachte ich, dass man eines Morgens aufwacht, an sich runterguckt und sieht, dass man einen Anzug anhat. Dass das nachts passiert, wenn du dich nicht wehren kannst. Dann streckst du deinen Arm aus, und da steht deine Aktentasche.

ZEITmagazin: Da haben Sie tatsächlich was übersprungen.

Waits: In Wahrheit kann man nichts auslassen – irgendwann kommt es dann doch. Das Leben ist nicht stupide chronologisch. Es ist wie beim Filmemachen: Es kann passieren, dass du gleich in der ersten Szene sterben musst. So ist das eben, sorry.

ZEITmagazin: Würden Sie sich als glücklichen Menschen bezeichnen?

Waits: Ich glaube nicht, dass das ein Zustand ist, den man erreichen kann. Ich kann manchmal nach dem Glück greifen, es kurz festhalten, dann muss ich es wieder loslassen und von Neuem suchen.

ZEITmagazin: Wovor fürchten Sie sich?

Waits: Die Frage, die man sich in meinem Alter immer wieder stellt, ist: Was kann ich mit der Zeit machen, die mir bleibt?

ZEITmagazin: Und was fällt Ihnen dazu ein?

Waits: Songs schreiben. Wer Songs schreibt, denkt dauernd über seine Themen nach. Über Klänge. Ich war neulich in einem Hotel, und auf dem Flur hat jemand einen Wagen geschoben mit lauter Koffern drauf, und der Wagen machte den unglaublichsten Rhythmus: agaga-TSCHUNGgaga – agaga-TSCHUNGgaga... Ich drehte in meinem Zimmer durch vor Begeisterung. Nach einer Weile ging ich raus, suchte nach dem Wagen, schob ihn den Flur rauf und runter und nahm das Geräusch auf.

ZEITmagazin: Für Ihre nächste Platte?

Waits: Kann gut sein. Aber so weit habe ich gar nicht gedacht, ich musste es einfach haben. Musikalische Ideen kommen einem nicht immer am Klavier, sie können überall auftauchen. Nicht unbedingt, wenn es einem gerade passt.

ZEITmagazin: Ihre Songs sind ja dicht bevölkert mit den seltsamsten Figuren, wie man sie im Alltag nicht oft trifft. Ziehen Sie auch mal hinaus in die Welt der Geschundenen, um Songs mit Ihren Beobachtungen zu füllen?

Waits: Jemand, der tatsächlich unter einer Brücke lebt, ist nicht unbedingt imstande, einen Song darüber zu schreiben.

ZEITmagazin: Aber Sie können sich in die Leute unter der Brücke hineinversetzen?

Waits: Ich verstehe sogar, was Mord ist. Dafür muss ich nicht unbedingt jemanden umbringen.

ZEITmagazin: Sie haben mal gesagt, dass Ihre Frau Ihnen das Leben gerettet hat. Wie hat sie das gemacht?

Waits: Es gibt immer tausend parallele Leben, die man auch leben könnte, wenn man andere Entscheidungen getroffen hätte. Man steht jeden Tag an einer Kreuzung. Nehme ich den Zug nach Kansas City? Oder fliege ich nach Hongkong? Oder gehe ich zu einer Prostituierten?

ZEITmagazin: Eine Ihrer wichtigsten Entscheidungen betraf den Alkohol.

Waits: Ich bin seit 16 Jahren nüchtern. Ich führe ein anderes Leben. Als ich meine Frau traf, war das eine Kreuzung. Die Entscheidung hat mein Leben verändert und ihres, unvermeidlich.

ZEITmagazin: Ihre Frau hat Ihnen geholfen, vom Alkohol loszukommen?

Waits: Wahrscheinlich schon. Aber letztlich muss man es selbst schaffen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das fertiggebracht?

Waits: Ich habe jemandem viel Geld gezahlt, der den Deckel von meinem Kopf abgeschraubt und darin sauber gemacht hat.

ZEITmagazin: Und dann hat er den Deckel wieder draufgeschraubt?

Waits: So halbwegs, ja.

Das Gespräch führten Jörg Burger und Jürgen von Rutenberg

 
Leser-Kommentare
  1. nennt man den "strichdünnen Oberlippenbart".

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