Schweiz Die FluchthelferSeite 3/3

»So dumm wie Zürich wird kein anderer Kanton sein«

Harmloser erlebte ein Textilindustrieller aus Texas seine Ausbürgerung. »Sind Sie wirklich sicher?«, hatte ihn der US-Beamte gefragt, so eindringlich freilich, als hätte er den Wunsch geäußert, Selbstmord zu begehen. Jetzt ist der Fabrikant ein Staatsbürger von St. Kitts und Nevis. Oh, nichts gegen St. Kitts, sagt er und senkt die Stimme – keinesfalls möchte er seine schwarzen Brüder und Schwestern aus seiner neuen Heimat brüskieren. Aber die Insel ist klein. Und nach vier Wochen möchte man was anderes sehen als Meer und Palmen. Gedacht hat er an Kanada. Seit er aber in seiner Zürcher Hotelsuite festgestellt hat, dass auch hier zwölf englischsprachige Fernsehkanäle zu empfangen sind, kann er sich die Schweiz durchaus als neue Heimat vorstellen.

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Groß war die Sorge der Kongressveranstalter, dass sich der ramponierte Ruf der Eidgenossenschaft auch auf ihre Stellung als Wunschziel Nummer eins vermögender Ausländer ausgewirkt hat. Das mythische Schweizer Bankgeheimnis – nur noch ein Schatten seiner selbst. Und auch die Schweizer selbst sind nicht mehr, was sie waren. Bisher konnte man sich auf ihren robusten Geschäftssinn verlassen. Jetzt beschlossen die Zürcher in einer Volksabstimmung, die Pauschalbesteuerung für vermögende Ausländer abzuschaffen. Zu ungerecht finden sie, dass Letztere mit dem Staat eine Steuersumme aushandeln können, die einen Bruchteil dessen ausmacht, was reiche Schweizer hinblättern. Selbst Milliardäre bezahlen, so sie Ausländer sind, in der Schweiz nicht mehr als maximal 23 Millionen Franken Steuern jährlich.

Das Zürcher Beispiel wirkt ansteckend; andere Kantone, Genf etwa, wollen nachziehen. Doch Peter Krummenacher schaut dem gelassen entgegen: »So dumm wie Zürich wird kein anderer Kanton sein.« Schließlich lieferten die 5000 pauschal besteuerten Ausländer dem Staat jährlich eine halbe Milliarde Franken ab. Dazu schaffe ihr Lebensstil 35.000 Arbeitsplätze, angefangen beim Chauffeur über den Caddie und Botox-Arzt bis zum Internatslehrer.

Von einem Liebesentzug spürt man dann auch beim Kongress nichts – zu groß ist die Lebensqualität der Schweiz. Jeder neue Terroranschlag, jede Revolution, jede angekündigte Steuererhöhung, wo auch immer auf der Welt, schwemmt eine neue Welle ernsthaft vermögender Einwanderer in die Schweiz. Eben rollen die Engländer an, Filmschauspieler wie Michael Caine und Ex-Formel-1-Chef Eddie Jordan: Britischen Spitzenverdienern droht eine Erhöhung der Einkommensteuer von 40 auf 50 Prozent.

Natürlich fällt das plumpe Wort Steuerflucht im Hotel The Dolder Grand, hoch über dem Nebelmeer von Zürich gelegen, kein einziges Mal. Hier spricht man von »global residence and citizenship«. Selbstverständlich können Henley & Partners nicht ausschließen, dass ihre Kunden in die unangenehme Lage kommen, sich Steuerflucht, fehlendes soziales Gewissen und mangelnde Solidarität vorwerfen lassen zu müssen. Doch für solche Fälle liefert der Rundum-Service der Firma einen zitierfähigen Satz: »Wo die Freiheit wohnt, dort ist meine Heimat.« Von Benjamin Franklin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Wie kann diese Klientel nur allen Ernstes glauben, sie sei dieses Geld wirklich wert? Und sich unter Berufung auf die Freiheit der Verantwortung entziehen? Warum lesen wir so viel über Globalisierungsgegner und so wenig über diese widerliche Spezies? Und warum nehmen wir uns nicht die Freiheit heraus, denen mit Gewalt in den Arm zu fallen, die unsere Lebensgrundlagen zu ihrem eigenen exklusiven Nutzen zerstören?

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    • Ullli
    • 13.12.2009 um 17:07 Uhr

    kümmert offenbar den neuen Bundesfinanzminister Schäuble kaum - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Steinbrück.
    Vermutlich werden jetzt auch die gelegentlichen Zollkontrollen an der deutsch-schweizerischen Grenze abgeschafft - wer weiß ?

    ... ob irgendjemand seines Geldes wirklich wert ist, findet in unserer Gesellschaft nicht statt, weder beim Wohlhabenden, oder beim Erben einer großelterlichen Eigentumswohnung, noch beim normalen Einkommen aus Erwerbstätigkeit. Sollte jemand einen solchen Check einführen wollen, wünsche ich viel Glück dabei, einen demokratischen Konsens darüber zu erreichen...

    • Ullli
    • 13.12.2009 um 17:07 Uhr

    kümmert offenbar den neuen Bundesfinanzminister Schäuble kaum - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Steinbrück.
    Vermutlich werden jetzt auch die gelegentlichen Zollkontrollen an der deutsch-schweizerischen Grenze abgeschafft - wer weiß ?

    ... ob irgendjemand seines Geldes wirklich wert ist, findet in unserer Gesellschaft nicht statt, weder beim Wohlhabenden, oder beim Erben einer großelterlichen Eigentumswohnung, noch beim normalen Einkommen aus Erwerbstätigkeit. Sollte jemand einen solchen Check einführen wollen, wünsche ich viel Glück dabei, einen demokratischen Konsens darüber zu erreichen...

    • Ullli
    • 13.12.2009 um 17:07 Uhr

    kümmert offenbar den neuen Bundesfinanzminister Schäuble kaum - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Steinbrück.
    Vermutlich werden jetzt auch die gelegentlichen Zollkontrollen an der deutsch-schweizerischen Grenze abgeschafft - wer weiß ?

    Antwort auf "Denkfehler"
  2. Systemisch das ganze, genauso wie angeblich die Banken. Die Steueroasen kommen, oder besser man lässt diese genauso weit kommen, bis der Bedarf gedeckt ist... National genauso wie International, dies trotz aller Rethorik.

    Niemand von Relevanz hat auch nur das gerigste Interesse diese systemischen Teilsysteme zu, na sage ich doch mal, Reformieren.

    Mir währe es nach wie vor am liebsten wenn jeder, aber auch wirklich jeder (speziell endlich auch die Arbeiter und Angestellten) sich sein eigenes Steuerdomizil aussuchen darf undabhängig davon wo das Einkommen generiert wird. Erst dann würde man vermutlich in letzer Konsequenz erkennen wie ausserordnetlich dumm und nachteilig diese Steuerhinterziehungsysteme für alle "modernen" Gesellschaftsysteme sind.

    • cernia
    • 13.12.2009 um 17:19 Uhr

    Danke für den sehr interessanten Artikel über die Angebote für die "ernsthaft Vermögenden" dieser Welt(ausbeuter). Schon lange habe ich nicht mehr so befreit gelacht. An seiner Ironie erkennt man die Kritik der Autorin, ohne dass sie nötig hätte, durch formulierte Vorwürfe diese Klientel einer schweizer Agentur anzugreifen. Sehr gut! Diese Art von Journalismus gefällt mir, vor allem wegen der zeugenhaften Schilderung durch eigene Beteiligung an diesem Kongress.

  3. ... ob irgendjemand seines Geldes wirklich wert ist, findet in unserer Gesellschaft nicht statt, weder beim Wohlhabenden, oder beim Erben einer großelterlichen Eigentumswohnung, noch beim normalen Einkommen aus Erwerbstätigkeit. Sollte jemand einen solchen Check einführen wollen, wünsche ich viel Glück dabei, einen demokratischen Konsens darüber zu erreichen...

    Antwort auf "Denkfehler"
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    ... stand nicht in dem Kommentar und war nicht der Denkansatz. Es wäre eher die Frage nach einem Konsens des Begriffes "Leistung". Es ist entgegen den Beteuerungen der Banken nicht das Geld, das arbeitet. 20 Prozent Rendite gibt es bei unsauberen "Ketten", in denen Umwelt und Menschen ausgebeutet werden. Rendite-Empfänger sehen sich jedoch gern als "Leistungsträger", dabei geht es eizig darum, dass sich deren Kapitalertrag wieder lohnen muss. Also am besten überhaupt nicht besteuert wird.

    ... stand nicht in dem Kommentar und war nicht der Denkansatz. Es wäre eher die Frage nach einem Konsens des Begriffes "Leistung". Es ist entgegen den Beteuerungen der Banken nicht das Geld, das arbeitet. 20 Prozent Rendite gibt es bei unsauberen "Ketten", in denen Umwelt und Menschen ausgebeutet werden. Rendite-Empfänger sehen sich jedoch gern als "Leistungsträger", dabei geht es eizig darum, dass sich deren Kapitalertrag wieder lohnen muss. Also am besten überhaupt nicht besteuert wird.

  4. Solange die Reichen sich angemessen an den Aufgaben in ihrer Gesellschaft beteiligen, habe ich kein Problem mit "den Reichen". Tun sie es? Das ist fraglich.
    Allerdings ist es durchaus nicht egal, woher sie das Geld haben, welche Mittel eingesetzt wurde, so reich werden zu können. Merke: das Geld fließt nicht von alleine, da muß man schon sehr nachhelfen. Mit welchen Methoden dies geschieht, darauf kommt es auch sehr stark an. Das ist ein weites Feld, war es schon immer.

  5. ... stand nicht in dem Kommentar und war nicht der Denkansatz. Es wäre eher die Frage nach einem Konsens des Begriffes "Leistung". Es ist entgegen den Beteuerungen der Banken nicht das Geld, das arbeitet. 20 Prozent Rendite gibt es bei unsauberen "Ketten", in denen Umwelt und Menschen ausgebeutet werden. Rendite-Empfänger sehen sich jedoch gern als "Leistungsträger", dabei geht es eizig darum, dass sich deren Kapitalertrag wieder lohnen muss. Also am besten überhaupt nicht besteuert wird.

    Antwort auf "Eine Überprüfung..."
  6. Wie tut Ihr mit leid, die ihr alle Nettobezüger von Staatsleistungen seid. Gleich wie die Politiker, die mehr Steuerehrlichkeit verlangen und gleichzeitig laufend ihre Bezüge erhöhen. Am liebsten unter dem Titel der Spesen, da sie diese dann nicht versteuern müssen.
    Die Menschen sind egoistisch. 50% schauen, wie sie noch mehr Einkommen vom Staat bekommen können. Die nächsten 25%, die vom Staat nichts bekommen, suchen eifrigst nach einer Gelegenheit, sich zulasten der Andern zu bereichern. Und die obersten 25% haben genug davon, den Rest zu finanzieren, und versuchen ihre Steuerlast zu vermindern. Und es sei es auch durch Steuerhinterziehung. Die moralische Empörung, die aus den vorhergehenden Kommentaren hervorgeht, kotzt mich an.

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    • NoG
    • 13.12.2009 um 23:04 Uhr

    bei so einem einfachen bzw verzerrtem weltbild.
    ihr weltbild produziert uebrigens jede menge aussenseiter...
    zumindest einen der sich nicht in ihre drei gruppen einorden moechte.

    • NoG
    • 13.12.2009 um 23:04 Uhr

    bei so einem einfachen bzw verzerrtem weltbild.
    ihr weltbild produziert uebrigens jede menge aussenseiter...
    zumindest einen der sich nicht in ihre drei gruppen einorden moechte.

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