Genuss Verkorkte Welt
Schon vor Jahren wurde das Ende des traditionellen Weinverschlusses ausgerufen. Doch weder Glas noch Kunststoff konnten ihn verdrängen.
© Josep Lago/AFP/Getty Images

Immer noch gebräuchlich: Weinflaschenverschlüsse aus Kork, hier in einer spanischen Variante
In regelmäßigen Abständen wird der gute, alte Weinkorken für tot erklärt. Die Gegner verweisen dann gern auf den Korkgeschmack, die teuren Tropfen eine muffige Note verpassten, und raten Winzern und Verbrauchern, auf Alternativverschlüsse zu setzen. Die Arbeit der Korkproduzenten, so prophezeite die Naturschutzorganisation WWF in einer Studie von 2006, stehe in Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Algerien und Tunesien auf dem Spiel, was einem ökologischen Horrorszenario gleichkäme, denn die Korkwälder bieten vielen gefährdeten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Drei Viertel der Korkwälder könnten bis 2015 verloren gehen und Eukalyptuswäldern weichen, so warnten die Umweltschützer.
Doch drei Jahre nach dem Bericht sieht die Lage anders aus: »Was der WWF prognostiziert hat, ist so nicht eingetreten«, sagt Ulrike Schaeidt von der Korkindustrie Trier. Es werden zwar heute weniger Naturkorken als vor ein paar Jahren verkauft, und es mussten auch einige kleine Korkbetriebe schließen. Doch der Markt für Weinverschlüsse hat sich in den vergangenen Jahren so rasant entwickelt, dass der Korkanbau derzeit nicht gefährdet scheint. Amorim beispielsweise, der weltweit größte Korkproduzent mit einem Marktanteil von 25 Prozent, wächst seit fünf Jahren zweistellig und setzt derzeit zehn Millionen Euro um. Auch sein Konkurrent M.A. Silva Corticas verzeichnet stetige Umsatzsteigerungen.
Der Grund für den Erfolg: Die Branche hat endlich ihre Hausaufgaben gemacht und ihre Verfahren verbessert. So finden sich zumindest bei den großen Herstellern heute kaum noch Korken, die das gefürchtete Trichloranisol (TCA) in den Wein übertragen. »Die Korkqualität ist heute viel besser als vor zehn Jahren«, so Martin Kössler, Weinhändler in Nürnberg. Korkgeschmack findet man heute nur noch in einem Nanogramm pro Liter, während es 2001 noch die vierfache Menge war, berichtete im Januar die Fachzeitschrift Wines and Vines. Ein Nanogramm, also ein Milliardstel Gramm ist so wenig, dass die meisten Menschen den Kork gar nicht schmecken.
In den Produktionshallen von Amorim etwa wechselt man heute beim Kochvorgang, der den Kork elastisch macht, geflissentlich das Wasser. Gleichzeitig werden über ein Dampfverfahren 80 Prozent des TCA aus dem Material herausdestilliert – im Branchenjargon heißt das »Rosa-Prozess«. Mittlerweile verzichtet man auch auf chlorhaltige Reiniger in den Anlagen, die der TCA-Bildung Vorschub leisten. 43 Millionen Euro hat sich der Korkanbieter diese und andere Neuerungen kosten lassen.
Eine andere Methode ist, einen dünnen Filter auf den Korken aufzubringen, der TCA davon abhält, in den Wein zu gelangen. Dieser Filter kann auch bei minderwertigen Korken aufgetragen werden. So macht es etwa der deutsche Verschlusshersteller Bramlage. Auch bei Verkostungen merkt man die Anstrengungen der vergangenen Jahre: 2007 haben Tester auf der International Wine Challenge, der größten Blindverkostung weltweit, nur bei 3,3 Prozent der naturverkorkten Flaschen Mufftöne festgestellt – in den Jahren davor schwankten die Zahlen zwischen 5 und 20 Prozent.
Der Deutsche Korkverband musste kürzlich trotzdem melden, dass sich der Absatz von Naturkorken von 1999 bis 2007 auf 500 Millionen halbiert hat. Sie wurden hauptsächlich bei den Billigweinen ersetzt. Schließlich kostet ein Naturkork zwischen 20 und 50 Cent, während man für einen Plastikverschluss 15 Cent und für die Schraubvariante sogar nur 10 Cent zahlen muss. Um Kosten zu sparen, nimmt etwa der Discounter Aldi seinen Lieferanten nur noch Flaschen ohne Naturkork ab.
Auch bei jungen Weißweinen wird immer häufiger geschraubt statt geploppt. Denn man erkennt Korkgeschmack in einem Weißwein erheblich schneller als in einem schweren Roten, dessen Aromen das TCA überlagern. Eine aktuelle Studie der Marktforschungs- und Beraterfirma Macrom hat ergeben, dass etwa jede dritte Weißweinflasche einen Schraubverschluss hat. Einige Winzer verschließen Weißweine auch mit Glas- oder Kunststoffstopfen. Bei Rotwein dagegen entscheiden sich heute zwei Drittel der deutschen Weingüter für Naturkork.
In Neuseeland kommen hingegen 90 Prozent der produzierten Weine bereits ohne Korken aus. In Griechenland und Österreich ist es mehr als die Hälfte. In traditionellen Weinländern wie Frankreich und Spanien findet man aber nach wie vor wenig Gefallen an den Alternativen. Insgesamt verstöpselt Naturkork weltweit noch rund 70 Prozent der Weinflaschen.
Die Alternativen haben ihre Tücken: Beispielsweise enthalten Plastikverschlüsse unerwünschte chemische Weichmacher, und mit Schraubverschlüssen versehene Flaschen müffeln schon mal gerne nach Schwefel. Der Grund: Ist der Verschluss zu dicht, gelangt kein Sauerstoff hinein.
Beim Verband der Prädikatsweingüter geht man davon aus, dass »der Naturkork weiterhin der anerkannte Verschluss für höchste Weinqualität bleiben wird«. Rainer Jung, Önologe an der Forschungsanstalt Geisenheim, glaubt sogar, dass die Verkaufszahlen insgesamt wieder steigen werden. Denn Korken haben einen entscheidenden Vorteil: eine perfekte Klimabilanz. Schließlich lagern allein die portugiesischen Korkwälder jährlich knapp fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid ein. Bei der Herstellung entstehen keine Abfallprodukte, die Korken kann man sammeln und komplett recyceln. »Kork ist eben ein Naturprodukt«, sagt Jung.
- Datum 11.12.2009 - 21:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
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Ich trinke gerne den Wein mit Korken. Dich das ist nur eine Sache der Gewöhnung. Es ist eben üblich für viele, den Korken auch zu haben.
Ich find Pastikkorken dämlich :)
Wenn der Wein schon so billig ist, dass sich ein Naturkorken nicht lohnt, kann man auch gleich einen Schraubverschluss nehmen.
Ein Großteil der angebotenen Weine ist qualitativ so minderwertig, dass völlig egal ist, was da als Stöpsel drinsteckt. Das kann sogar ein schlechter Korken sein, ohne dass dadurch etwas verschlimmert würde. Vom verbleibenden Rest wird es sich bei einem Großteil um Weine handeln, die besser jung und frisch getrunken werden. Da ist dann meist ein Schraubverschluss unproblematischer.
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