Bankenskandal Die Glücksritter von Klagenfurt

Die Banker von der Hypo Alpe Adria schaufelten ihr Milliardengrab aus eigenem Unvermögen.

An diesem eisigen Montagmorgen mag tatsächlich ein »guter Tag für Kärnten« angebrochen sein, wie die trotzigen Provinzpolitiker aus dem Süden behaupteten. Für die Republik war es hingegen ein bitterböser Wochenbeginn. Sie hatte sich, der Not gehorchend, soeben nach einem 17 Stunden langen Verhandlungsmarathon in den Besitz der sechstgrößten Bank des Landes gebracht und sich dabei im Gegenzug unabsehbare Risiken eingehandelt. Die nach internationaler Bewertung schrottreife (Rating: E) Hypo Alpe Adria Group, einst der Stolz des Finanzplatzes Klagenfurt, ist ein Fass ohne Boden.

Laut einem »Positionspapier des Vorstandes«, aus dem das Magazin Format zitierte, müssen bis 2013 insgesamt 3,1 Milliarden Euro für faule Kredite zurückgestellt werden. Zu diesem Ergebnis kamen Wirtschaftsprüfer, nachdem sie knapp ein Drittel des insgesamt 37,8 Milliarden schweren Kreditportfolios unter die Lupe genommen hatten. Es war die erste nennenswerte Untersuchung, seitdem die damals beschauliche Provinzbank vor knapp zehn Jahren auf einen rasanten Expansionskurs nach Südosteuropa umgeschwenkt war. Der Leichenkeller unter der architektonisch eindrucksvollen Hypo-Zentrale am Stadtrand von Klagenfurt dürfte allerdings noch um einige Etagen tiefer sein.

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Die Vertreter der bisherigen Eigentümer, der Bayerischen Landesbank aus München, des Landes Kärnten und der Grazer Wechselseitige Versicherung, mussten lediglich ein paar Stunden Schlaf opfern, um alle Sorgen loszuwerden, die sie eigentlich zu verantworten hätten. Zwar beharrt Finanzminister Josef Pröll darauf, alle Alteigentümer hätten sich verpflichtet, einen finanziellen Beitrag zur Bankenrettung zu leisten; doch das klingt nur so. Kärnten plant, sich mit einem Hütchenspielertrick aus der Affäre zu ziehen, der schon einmal erfolgreich angewendet worden war, um Budgetlöcher zu stopfen. Dazu sollen die Provisionen für die Landeshaftung (19 Milliarden Euro), die sich Kärnten gar nicht leisten kann, einfach einige Jahre lang mit jenen 200 Millionen Euro, die der Anteil des Landes ausmacht, gegenverrechnet werden. Das Totschlagargument für Verstaatlichung lautete allerdings, Kärnten würde in einen Abgrund gerissen werden, sollte die Haftung bei einer Insolvenz der Bank schlagend werden.

Auch die Bayern beabsichtigen nicht, 825 Millionen Euro frisches Kapital zuzuschießen. Sie wollen lediglich einen Teil der laufenden Kredite, die sie ihrer notleidenden Ex-Tochter eingeräumt hatten, in Stammkapital umwandeln. Diese Summen hätten sie aber in jedem Fall abschreiben müssen. Ob in dieser Situation die Grazer ihren 30-Millionen-Obolus auch tatsächlich leisten, spielt kaum noch eine Rolle.

Die Republik hingegen werde »das Problem noch lange beschäftigen«, prophezeit etwa der Ökonom Daniel Gros, der das Center for European Policy Studies, einen angesehenen Thinktank in Brüssel, leitet: »Sie hat sich in einen Sumpf begeben, der sehr schwierig trockenzulegen sein wird.«

Die Hypo-Cowboys sind nicht wählerisch bei der Wahl ihrer Partner

Tatsächlich müssen die Prüfer, die sich jetzt durch die chaotischen Unterlagen wühlen, immer wieder ins Staunen geraten über die eigenwilligen Geschäftspraktiken, die sich in Klagenfurt eingebürgert hatten. Viele Kreditvorgänge, heißt es, seien nur rudimentär dokumentiert, Leasingverträge nicht auffindbar. Hunderte Jachten, Luxuslimousinen und Privatjets, die von der Hypo finanziert worden waren, seien einfach von der Erdoberfläche verschwunden, Kreditnehmer abgetaucht. Einen herkömmlichen Datenraum, also ein zentrales Archiv aller Geschäftsvorgänge, habe nie existiert, berichten ehemalige Manager des Instituts. Dafür sei einfach keine Zeit gewesen, der Expansionskurs habe Strukturen und Personal überfordert.

Als die kleine Landesbank (1992 betrug die Bilanzsumme noch 1,87 Milliarden Euro bei rund 200 Mitarbeitern; 2008 war sie auf 42,3 Millionen angestiegen und der Personalstand auf 7200 in ganz Europa gewachsen) um das Jahr 2000 unter dem mittlerweile zurückgetretenen und wegen Bilanzfälschung verurteilten Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Kulterer zum großen Sprung nach vorne ansetzte und sich in das Abenteuer Balkan stürzte, waren die Kärntner bereits Nachzügler. Ihnen blieben lediglich riskante Geschäftsmöglichkeiten mit häufig fragwürdigen Partnern. Vor allem der für das Auslandsgeschäft verantwortliche Vorstand Günther Striedinger trieb die Expansion aggressiv voran – ungeachtet der Risiken, die in der Region mit all ihren Desperados und Glücksrittern lauerten. Die Finanzbranche am Balkan hatte rasch einen Spitznamen für die Newcomer gefunden: »die Cowboys«.

Begehrte in Klagenfurt ausnahmsweise ein Aufsichtsrat Auskunft, kanzelte ihn Striedinger einfach ab: »Davon verstehst du nichts!«

Die Klagenfurter finanzierten unverzagt Immobiliendeals, Luxushotels und Industriebetriebe. Eigenkapital wurde kaum nachgefragt. Wurde ein Kredit notleidend, erhöhten die Banker vom Wörthersee einfach die Kreditsumme. So wuchs das Geschäftsvolumen, und die Bücher wussten nichts von den Ausfällen. Wo, wann und an wen dabei Provisionen und Bestechungsgelder flossen, danach forschen Ermittler in den unterschiedlichen Claims der Hypo noch heute. Ein großer Teil der Geschäftspartner beispielsweise, mit denen die Klagenfurter ein paar Jahre lang das Geschäft mit Küstenstreifen in Istrien nahezu monopolisiert hatten (die Liegenschaften wurden billig erworben und dann mithilfe diensteifriger Lokalpolitiker in wertvolles Bauland umgewidmet), saß wenig später hinter Gittern.

Damals tauchte auch der Ex-General Vladimir Zagorec im Wirkungskreis der Hypo Alpe Adria auf. Die Bank hatte ihm das Lösegeld für seinen im Rahmen einer Mafia-Fehde entführten Sohn vorgestreckt, nun bahnte sie mit dem ehemaligen Waffenhändler Grundstücksgeschäfte an. Insgesamt 260 Millionen Euro, behauptet der kroatische Rechnungshof, habe er aus Klagenfurt erhalten. Im Gegenzug überwies Zagorec Millionenbeträge an eine Stiftung, die Hypo-Vorstand Striedinger in Liechtenstein gegründet hatte. Die Ermittler in Zagreb rätseln noch heute, ob es sich dabei um den Erlös für jene zwei Diamantenkoffer handelte, um die der General den kroatischen Staat erleichtert hatte. Mittlerweile ist der Ex-General in Haft. Um die Verwertung der ehemaligen Telegrafenzentrale der Post in der Wiener Wipplingerstraße, die Zagorec mit einem Hypo-Kredit erstanden hatte, kümmert sich derweil die Firma Rubicon Invest, die Günther Striedinger nach seinem Ausscheiden aus der Klagenfurter Bank gegründet hatte.

»Wir brauchen keine Anwälte«, sagte der Teufelskerl aus Klagenfurt

Vor allem der rasch in der Bankhierarchie hochgestiegene Striedinger sei für einen Großteil des Milliardengrabs verantwortlich zu machen, erzählen ehemalige Manager. Er habe sich dabei allerdings in einen Bereich vorgewagt, der seine Fähigkeiten bei Weitem überforderte. Schon die gebräuchliche Geschäftssprache Englisch habe zu hohe Anforderungen an den Vorstand und seine Hypo-Cowboys gestellt. »Beim Wort Marriott hat er allein drei Rechtschreibfehler in seinem Bericht gemacht«, erinnert sich ein ehemaliger Kollege.

Viele Entscheidungen wurden in diesen Jahren mit fahrlässigem Leichtsinn gefällt. Bei einem Kredit für das kroatische Verpackungsunternehmen Alupak begnügte sich der Kreditausschuss mit einem zweiseitigen Positionspapier. Bei einem 40-Millionen-Euro-Investment in die Zuckerfabrik von Virovitica ließen sich die Klagenfurter ihren Kredit mit dem produzierten Zucker besichern, der dann verschwunden war, als sie ihre Außenstände eintreiben wollten. Als die Hypo die Crystal Banka in Banja Luka übernahm, sandte sie einen Mann aus der Zentrale nach Bosnien, der, unterstützt von einem Dolmetscher, eine Risikoanalyse (Due-Diligence-Prüfung) vornehmen sollte. »Wir brauchen keine sündteuren Anwälte«, beschied Teufelskerl Striedinger. Unglücklicherweise hatte sich die Hypo ein Institut mit Leichen im Keller gekauft. Sechs Monate später forderte der bosnische Zentralbank-Gouverneur die neuen Eigentümer auf, 30 Millionen D-Mark nachzuschießen, sonst würde die Lizenz entzogen.

In diesem Stil ging es all die Goldgräberjahre hindurch. Das Duo Kulterer und Striedinger blieb unbehelligt, solange es die Bedürfnisse von Landeskaiser Jörg Haider befriedigte und ihm Schlosshotels, Wörthersee-Bühne, Stadion und andere Prestigeprojekte finanzierte. Im Kärntner Biotop waren Dummheit, Inkompetenz und Impertinenz eine unheilvolle Partnerschaft eingegangen; skeptische Zwischenrufe wurden mit dem Anti-Wien-Reflex abgewehrt.

Die Pyramide geriet erst ins Wanken als 2006 ruchbar wurde, dass der Hypo-Vorstand versucht hatte, einen 300-Millionen-Euro-Verlust aus fatalen Devisenwetten an der Bilanz vorbeizuschmuggeln. Noch einmal hatten die Kärtner Glück: Es gelang ihnen, ihr marodes Finanzinstitut um 1,67 Milliarden Euro an die ähnlich fahrlässige BayernLB loszuschlagen. Diesen Coup untersucht nun die Staatsanwaltschaft in München. »Kärnten ist reich«, frohlockte damals Volkstribun Haider. Heute können sich seine Nachfolger glücklich schätzen, mit zwei blauen Augen davongekommen zu sein. Die Last hängt jetzt am Hals der Republik.

 
Leser-Kommentare
  1. Dies ist zwar ein eindrucksvolles Beispiel von Bankern und deren Machenschaften außerhalb Deutschlands. Aber hier in Deutschland geht es doch ähnlich zu. Bei uns in HILDESHEIM wird mitten im Stadtzentrum ein Großprojekt (Einkaufszentrum) für 300 Millionen Euro durchgezogen, für das über 150 Mieter und Eigentümer ihre Wohnungen verlassen mussten, da die Wohnungen abgerissen werden. Unser "glücklicher" Oberbürgermeister MACHENS nennt es das größte Projekt nach dem Kriege. Befragungen unter den Hildesheimner Bürgern zeigen, dass für dieses Zentrum gar kein Bedarf besteht. Anderseits stehen im Stadtzentrum zahlreiche Geschäfte leer und HILDESHEIM rangiert in bezug auf die Schuldenlast am unrühmlichen Ende in Niedersachsen (vor Cuxhaven). Wo soll bloß die gewünschte Kaufkraft herkommen? Die beteiligte Sparkasse Hildesheim zahlt bereits jetzt nur noch minimale Zinsen für Sparguthaben. Wenn dann noch der Abschreibungsbedarf für diese absehbare Fehlinvestition hinzu kommt...!

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM
    www.twitter.com/klmmetzger

    • Lyaran
    • 16.12.2009 um 21:07 Uhr

    "1992 betrug die Bilanzsumme noch 1,87 Milliarden Euro bei rund 200 Mitarbeitern; 2008 war sie auf 42,3 Millionen angestiegen und der Personalstand auf 7200 in ganz Europa gewachsen"

    Interessanter Anstieg von 1,87 Milliarden auf 42,3 Millionen

    • QUOTE
    • 17.12.2009 um 10:21 Uhr

    ...seit Beaumarchais 1778 seinen Figaro sagen ließ:

    "Weil Sie ein hochgestellter Herr sind, halten Sie sich auch für ein Genie!....Adelstitel, Reichtum, Aussehen, Hofämter; das alles macht Sie stolz! Und was haben Sie tun müssen, um solche Güter zu erwerben? Sie haben die Qual der Geburt erduldet, weiter nichts. Im Übrigen sind Sie ein ziemlich durchschnittlicher Mensch. Ich aber, weiß Gott! Ich kam von ganz unten her, ich musste für meine bloße Existenz mehr Intelligenz und Berechnung aufwenden, als man seit hundert Jahren aufgewandt hat, um ganz Spanien samt all seinen Kolonien zu regieren.“

    Ich würde sagen: Recht hat er - der normale Hartz-4-Empfänger dürfte inzwischen zwangsweise mehr Kompetenz im Umgang mit Geld erworben haben, als sämtliche Banker Klagen- oder, was das angeht: Frankfurts.

    Hartz-4-Empfänger zu Bankern - Banker zu Hartz-4 Empfängern...damit sie endlich mal den Wert EINES Euros zu schätzen lernen!

  2. gegen diese BANKSTER die kein Mensch zur Rechenschaft ziehen wird, weder hier noch in Oesterreich, Ackermann
    faehrt den gewohnten Kurs, die Commerzbank zockt "trotzdem" wieder, solange wir keinen Generalstreik auf die Beine bringen werden wir von einer sog. "Oberschicht" ausgenommen;
    Auf MERKEL und ihre Politdilettanten ist kein Verlass mehr, ICH weiss nicht was wir machen koennten, duester, duester !bnd

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