Selbstverständlich hat Katterfelto – wie die meisten seiner Konkurrenten – auch ein Perpetuum mobile im Angebot. Dessen vorgebliche ewige, antriebslose Bewegung beruhte vermutlich auf der Ausnutzung von Schwankungen der Luftfeuchtigkeit beziehungsweise des Luftdrucks – ein Wirkmechanismus, der heute noch die Atmos-Uhren von Jaeger-LeCoultre zum Laufen bringt. Immerhin heißt es im General Advertiser, dass der wunderbare Apparat selbst höchste Londoner Kreise einschließlich der königlichen Familie entzückt habe. Und mehr noch: »Es gereicht Dr.Katterfelto sehr zur Ehre, dass trotz der vielen Hundert Besucher, die sich sein Perpetuum mobile Tag für Tag ansehen, bislang niemand die Ursache seiner Bewegung zu erkennen vermochte.« In Wahrheit war die gute Presse das größte Mirakel an der Sache.
Wo immer er auftritt, seine Sprache ist pompös: »Wunder, Wunder, Wunder!«, lautet sein Schlachtruf. Wie eine Litanei beten es seine Anzeigen und Flugblätter herunter: »Dr. Katterfeltos Vorlesungen und Experimente sind philosophischer, mathematischer, optischer, magnetischer, elektrischer, physikalischer, chemischer, pneumatischer, hydraulischer, hydrostatischer, proetischer, stenographischer, blencicalischer, caprimantischer, perotischer und pollengistischer Natur.« Wo solche Kunstwörter nicht genügen, um das Publikum zu mobilisieren, ist es ein junger »Mohr«, der als Katterfeltos treuer Diener für seinen kosmopolitischen Herrn die Werbetrommel rührt. Zumindest in ländlichen Gegenden suggeriert das jene dunkle Exotik, die hilfreich ist, wenn es darum geht, dem Zwang zur Legitimation durch Fakten zu entfliehen.
Und damit immer noch nicht genug: Wenn es sein muss, bietet Katterfelto auch Dämonisches auf. 1783, als die Grippe schon halb vergessen ist, sucht er nach neuen Vermarktungsstrategien und schafft sich eine schwarze »marokkanische« Katze an. Das Tier, das angeblich »neun mal neun Leben« hat und dem er mit einem Taschenspielertrick den Schwanz ab- und wieder anzaubert, soll beim Publikum die Assoziation an den Spiritus familiaris wecken.
In der Tat gehört die Vorstellung von einem tierischen Hilfsgeist zu den spezifisch englischen Beiträgen zur Dämonologie. Im Bewusstsein der Bevölkerung des Inselreiches ist sie noch zu Katterfeltos Zeiten weitverbreitet. Danach gehen die Hexen oder Hexer ein förmliches Bündnis mit dem Teufel ein. Als Gegenleistung erhalten sie einen kleinen Dämon in Tiergestalt, der sie berät und ihnen zu Diensten ist.
Der Witchcraft Act des Hexenjägers Jakob I. hatte den Besitz eines Familiaren 1604 unter strengste Strafe gestellt. Längst ist das Gesetz zwar außer Kraft getreten. Gleichwohl versichert Katterfelto eilfertig, nichts sei dran an den Berichten, dass er mit dem Teufel im Bunde stehe. Aber wer kann schon wissen? Schließlich nennt er das Tier doch selber »Katerdevil«. Ein Verdacht bleibt also hängen. Und der ist durchaus nicht unerwünscht.
Umgekehrt mag es der Katzenfreund zuweilen sakral. Als »divine and moral philosopher« hat Katterfelto auch eine heilige Mission: »Alle Menschen auf Erden, sogar die frommsten, leben in der Finsternis, wenn sie die wunderbaren Werke unseres Schöpfers sehen können, es aber nicht wollen.« Er indes, Katterfelto, kann sie ihnen entschlüsseln. Von ihm zu lernen ist wie ein Besuch im Gottesdienst. Wer kommt, um zu schauen, ist gesegnet. Wer fernbleibt, der versündigt sich. Und wen kann es da wundern, dass die Morning Post am 8. August 1782 apotheotisch vermeldet, Katterfeltos Zuschauer hätten sich ihm genähert, »als ob es darum gegangen sei, zumindest den Saum seines Gewandes zu berühren«.
Nicht ohne ein Quäntchen Sympathie nennt sein Biograf David Paton-Williams Katterfelto einen prince of puff, also einen Aufschneider oder Windbeutel. Getrost darf man ihn auch einen gemeinen Scharlatan nennen. Aber was heißt das schon? Seine Auftritte und die Wünsche seiner Zuschauer waren nichts anderes als zwei Seiten derselben Medaille. Oft genug hatte er es mit Adepten zu tun, deren gesellschaftliche Position und Bildung seinen eigenen Status übertrafen. Und wie sollte er deren Hunger nach stets neuen Wundern schon befriedigen – wenn nicht durch gelegentlichen Rückgriff auf trickreiche Methoden? Schließlich galt und gilt noch immer: Mundus vult decipi! Die Welt will betrogen sein.
Der Verfasser ist Jurist in Hamburg. Bei Tage arbeitet er als Notar. Bei Nacht befasst er sich mit der Geschichte der Zauberkunst
- Datum 20.12.2009 - 08:23 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
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haben wir in Zeiten der Schweinegrippe und der sog. Klimakatastrophe genau die gleichen Scharlatane.
Nur sind es viel, viel mehr und über die ganze Welt verteilt.
Aufklärung hilft da nichts.
haben wir in Zeiten von Schweinegrippe und der sog. Klimakatastrophe die gleichen Scharlatane.
Nur viel, viel mehr und über die ganze Welt verteilt.
Die Aufklärung hilft da nichts mehr.
Genial! Ein Scharlatan der nicht weiß, dass seine erfundenen Theorien fast komplett richtig sind.
"Christian Wilhelm – oder vielleicht auch Heinrich – Katterfelt alias Katterfelto kommt vermutlich 1743 in Thüringen zur Welt, wo genau, weiß man nicht."
Wenn er, wie vermutet, in Thüringen zur Welt gekommen ist - es gibt einen Ort namens Catterfeld, in der Nähe von Ohrdruf, südlich der A 4, etwa auf der Höhe von Gotha...
Politiker!
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