Online-Journalismus : Umsonst ist zu billig

Zeitungshäuser erkennen: Ihre Blätter überleben nur, wenn Leser im Internet für Journalismus bezahlen. Die Chancen dafür stehen gut.
Am Berliner Hauptbahnhof: Wer mit Laptop und Mobiltelefon reist, nutzt häufig keine gedruckten Zeitungen mehr, um sich zu informieren © Andreas Rentz/Getty Images

Nicht das Internet sei schuld daran, dass es vielen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen wirtschaftlich so schlecht gehe: Das schrieb Rupert Murdoch kürzlich. Er ist einer der erfolgreichsten Medienunternehmer der Welt und Besitzer von mehr als hundert Zeitungen. Sein ist das Wall Street Journal, sein die Londoner Times.

Nicht dem Journalismus drohe der Untergang, so Murdoch, sondern jenen, die das Internet weder begreifen noch beherrschen. Auf sie schaut er mitleidlos herab. Um heute auf der richtigen, also auf Murdochs Seite zu stehen, muss ein Verleger daran glauben, dass Leser für exklusive Recherchen, Analysen und Kommentare auch im Internet bezahlen (was sie bisher nur an wenigen Orten müssen). Was der Mann nicht schreibt: Bis vor gut einem Jahr hielt er das selbst für eine zumindest romantische, wenn nicht gar aberwitzige Idee.

Aber es ist nicht nur Murdoch, der endlich einen Sinneswandel durchgemacht hat. Verleger in den USA überlegen, gemeinsam eine Software zu entwickeln, damit Leser im Internet leicht und bequem einzelne Artikel kaufen können. Mit einem Knopfdruck. Für ein paar Cent. In Deutschland will einer der großen Verleger in den nächsten Wochen erkunden, ob es auch hierzulande eine Allianz geben könnte, die dem deutschen Kartellrecht nicht widerspricht. Bei der Süddeutschen Zeitung wächst der Wille, im Lauf des nächsten Jahres die Texte aus der gedruckten Zeitung nicht mehr im Internet bei sueddeutsche.de zu veröffentlichen.

Tag für Tag wird deutlicher, dass eine Wasserscheide erreicht ist. Jahrelang kümmerten sich die Verlage vornehmlich darum, was ein journalistisches Angebot im Internet leisten muss, um Leser anzuziehen. Da ist viel geschehen: Die Verlage zählen auch im Internet zu den populärsten Anbietern von Nachrichten. Was nun folgt, ist ein nächster, ein unternehmerischer Aufbruch. Weil die Werbeeinnahmen im Internet nicht ausreichen, muss der Vertrieb revolutioniert werden.

Die Strategie dafür hat der amerikanische Bestsellerautor Chris Anderson in einem Wort zusammengefasst: Freemium. Eine Mischung aus »Frei« und »Premium«. Allgemeine Nachrichten wie auf Pressekonferenzen verbreitete Neuigkeiten werden weiter kostenlos sein. Aber das, was exklusiv ist, wird ein paar Cent kosten. Auf Papier. Auf dem Handy – und im Internet.

Das gilt es nun zu organisieren und bedeutet vor allem: Jemand muss die passende Software entwickeln, und an dieser Stelle lohnt ein kleiner Blick zurück. Viele deutsche Verlage haben im vergangenen Jahrzehnt schon einmal den Versuch unternommen, für Artikel Geld zu verlangen. Das misslang, weil ein potenzieller Leser erst mal seitenlange Formulare ausfüllen, Name, Bankverbindung und Abrechnungsart eintragen sollte, um einen einzigen Artikel zu lesen. Das musste misslingen! Für die Verlage lohnte es sich auch nicht, die paar Cent über eine Kreditkarte oder eine normale Überweisung abzurechnen.

Dass Leser aber im Prinzip zu zahlen bereit sind, beweist das Wall Street Journal. Es hat eine Million Online-Abonnenten gewonnen, doch hat der Erfolg drei Gründe, die sich nicht ohne Weiteres auf andere Medien übertragen lassen. Erstens bietet die Wirtschaftszeitung jeden Tag viele exklusive geldwerte Informationen. Zweitens werden die meisten Abonnements von Firmen bezahlt, und drittens muss sich ein hoch bezahlter Wissensarbeiter nicht wie andere Kunden selbst um die Formalien kümmern. Das erledigt sein Sekretariat. Der Erfolg gehört insofern in eine alte Welt.

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Kommentare

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Grundsatzprobleme

Das Wertschöpfungsproblem trifft nicht nur Verlage. Vielmehr hat sich grundsätzlich eine Mentalität durchgesetzt, Dienstleistung insbesondere im kreativen Bereich, kostenfrei in Anspruch nehmen zu dürfen. Doch nicht nur hier - auch in anderen Sektoren gilt, dass immer mehr kostenfrei den Besitzer wechselt. Die Folge ist eine immer schwieriger werdende Finanzierung der zugrunde liegenden Tätigkeiten. Es wäre naiv, zu meinen, Folgeaufträge oder Werbeeinnahmen könnten das auf Dauer kompensieren. Allzu groß ist die Abhängigkeit dann von eben dieser Branche und selbst, wenn sie funktioniert, bleibt das Makulatur. Der Weg, Inhalte bezahlen zu lassen, ist richtig und es ist ein gesunder Wettbewerb, der auf dieser Basis "wieder" entsteht. Bleiben die Angebote im Netz kostenfrei, bezahlen wir alle das in letzter Konsequenz mit einer immer minderen Qualität und letztlich auch mit einem weiteren Arbeitsplatzabbau. Eines darf man nicht vergessen: Auch Journalismus, Kreativleistungen, Entwicklung sind eine Ware, deren Produktion, also die Menschen dahinter, finanziert sein wollen. Die Voraussetzung dafür ist aber nicht nur ein funktionierendes Payment. Es ist vielmehr die Qualität, die in Teilen erst wieder geschaffen werden muss, die in der Vergangenheit sehr stark litt. Wir müssen erst wieder wirkliche Werte schaffen - mit Menschen, die das können. Für die jetzige Qualität wird kaum ein Leser bereit sein, auf Dauer zu zahlen. Da muss WIEDER mehr kommen.

Die Leser sind doch

nur die Ware der Verlage, die sie verkaufen, denn ihr Überleben hängt von den Werbeeinnahmen ab. Mit bezahlbaren Onlineinhalten wird man in D-land Schiffbruch erleiden, als Vergleich sei dort auch das Bezahlfernsehen zu nehmen. Was im Anglo-Raum funktioniert klappt in D-land nicht. Man wird dann auf freie alternativ Angebote ausweichen.
Ist eine Mentalitätsfrage und dies ist nicht abwertend gemeint.

Qualitaet

Ein weiteres Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass die Kunden / Nutzer / User of nicht in der Lage sind, Qualitaet zu erkennen, selbst wenn sie geboten ist.
In den letzten Jahren hat sich der Preis als einzigen Kriterium entwickelt, dass die Qualitaet und der Aufwand, der in der Entwicklung eines Geraetes, Kleidungstueckes, einer Leistung oder was auch immer, oft nicht entsprechend erkannt und die Bereitschaft, entsprechend honoriert (gekauft) zu werden, sinkt.

Qualität online

Lieber Herr Schmidt,

wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Genau hierin liegt der große Irrtum. Hier bei ZEIT ONLINE wird qualitativ genau die gleiche Arbeit gemacht, wie in der Redaktion einer seriösen Tageszeitung – mit dem Unterschied, dass wir online noch mehr mediale Möglichkeiten haben.

Zusätzlich zu den von Redakteuren und Reportern recherchierten Berichten und Reportagen, Interviews und anderen exklusiven Online-Inhalten bekommen sie hier auch noch Artikel aus der gedruckten ZEIT – und zwar kostenlos.

Ich selbst war Wissenschaftsjournalistin bei einer Tageszeitung und bin es jetzt bei ZEIT ONLINE. Ein Vorteil für die Leser: Denn sie bekommen meine Arbeit jetzt kostenlos.

Lesen Sie doch einmal genau, was Sie hier auf ZEIT ONLINE geboten bekommen – und Sie werden bemerken: Die Qualität steht entsprechenden tagesaktuellen Printangeboten in Nichts nach.

Herzliche Grüße aus der Wissenschaftsredaktion, Dagny Lüdemann