Religion Ich bekenne

Soll ich wegen des Papstes aus der Kirche austreten? Diesen Gedanken beichtete Matthias Stolz mehreren Pfarrern. Danach traf er seine Entscheidung.

Ein Freund aus katholischen Zeiten erzählte mir neulich bei einem Bier, dass er ausgetreten sei aus der Kirche. Er sagte es in einem Nebensatz und mit der gleichen Beiläufigkeit, mit der man von Trennungen entfernter Bekannter berichtet. Kurz überlegte ich, ob ich eine Diskussion über die Kirche beginnen sollte, besann mich jedoch, bestellte ein Bier, und wir redeten über etwas anderes.

Ich habe das komplette Programm mitgemacht: katholischer Kindergarten, Messdiener, Pfarrjugend, katholisches Gymnasium, ich war Betreuer in Jugendfreizeiten, habe Firmunterricht gegeben, eine Gruppenstunde betreut, war dreimal mit der Isomatte auf Kirchentagen und bestimmt fünfmal in Taizé.

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Heute habe ich mit der Kirche nichts mehr am Hut. Schon lange nicht mehr. Sie hat sich aus meinem Leben geschlichen, als ich erwachsen wurde. Ich bin, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, ohne bewussten Entschluss nicht mehr in die Kirche gegangen, so wie Vereinsfußballer oft ihren Sport aufgeben, wenn sie umziehen. Ich war einfach zu faul. Und es schien mir Spannenderes zu geben, als die Gemeindemitglieder von Stuttgart-Degerloch kennenzulernen.

Dabei glaube ich noch immer an einen Gott. Nicht dauernd. Manchmal ist das Gefühl für Monate weg, aber dann ist es auf einmal wieder da. Meistens denke ich an ihn, wenn es mir besonders gut geht – oder wenn ich mich sorge. Dann rede ich ein bisschen mit ihm, vorm Einschlafen meistens, sage: Lass den oder den bitte wieder gesund werden. Ich sage übrigens nie: "Wie kannst du zulassen, dass…" Wahrscheinlich bin ich ihm nicht nahe genug, um mich mit ihm zu streiten. Wobei ich auch nicht erwarte, dass sich Gott ins Leben einmischt. Ich glaube, dass er sich raushält. Am ehesten glaube ich noch: Er weiß, was passieren wird.

Warum ich glaube? Sicher, weil meine Eltern mir das so vorgemacht haben, bevor ich eine kritische Distanz dazu hätte entwickeln können. Vorm Essen wird gebetet, und sonntags "ist Kirche", das schien mir lange ein Naturgesetz zu sein. Warum ich dabei geblieben bin? Wahrscheinlich, weil es ein angenehmer Gedanke ist, dass es einen Gott geben könnte. Es verleiht der ganzen Sache einen Sinn. Bestimmt ist mein Glaube auch egoistisch: Im Notfall soll da bitte einer sein, der hilft, wenn auch nur durch Anwesenheit.

Manchmal, wenn mir Bekannte von ihren Yoga-Kursen erzählen, wie sie da zur Ruhe kommen, denke ich: Könntet ihr in einer ganz normalen Kirche auch haben. Ruhig werden, abschalten, nachdenken. Ich mochte den Augenblick in Taizé, wie sich Hunderte auf den Boden setzten und ruhig waren. Niemand palaverte, auch vorn nicht. Dann wurde gesungen. Es war immer ein erhabener Moment.

Und ich mochte die Leute dort, meistens jedenfalls. Einen Bruder gab es in Taizé, er hatte immer ganz dunkle Augenränder, so überarbeitet war er. Er sülzte nicht rum, wenn es um den Glauben ging. Und in den Pausen schleppte er Orangenkisten. Die Menschen, die ich in der Kirche traf, hatten Ideale. Es ging ihnen, glaube ich, nicht um Geld, Macht, nicht um sich. Bis heute vertrete ich die Meinung, dass Jesus keine schlechten Ideen hatte. Andere mögen diese Ideen auch gehabt haben. Nach allem, was ich von ihm gehört und gelesen habe, wüsste ich aber nicht, weshalb er sich nicht als Vorbild eignen würde.

Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 17.12.2009 um 10:16 Uhr

    Gestern war ich bei einem Geistlichen (zu einem Tischgespräch), der mir einreden wollte, dass man durch die große, ohne Bedingungen, ohne Anforderungen gelebte und geschenkte Liebe (... hier durch den Partner, nicht durch den Papst!) am reichsten beschenkt wird.

    Meine Frage (oder nur leise, aber eindringliche Aussage:) Dass auch i c h m i c h verstanden fühlen möchte in einer solchen langjährigen, durch Kinder usw. gesegneter "Liebe" als Anpassung an den anderen, de alles selbstverständlich nimmt - (... die verstand er als Zölibatärer nicht; er fühlte davo nix; er war es zufrieden: Nein, er saß still da. Er "hüpfte nicht dabei im Takt abwechselnd einige Male auf dem rechten und linken Fuße nach vorne und sang mit näselnder Stimme: ‚H–a–a–lä–ä–lu–u–jäh ... Halalala – ha–lälälä–u–u–ha–ha! ...’“(Ja, aus: Ludwig Thoma: "Der Postsekretär im Himmel" übernommen.)

  1. 2. I.

    Da klickt man sich durch die sechs Seiten dieses Artikels, hofft, daß am Ende irgendetwas Substantielles herauskommen möge, und dann ist es doch nur die Nabelschau eines ohnehin nicht ernsthaft zweifelnden Katholiken-Praktikanten, aufgewachsen im kuschelweichsten Öku-Katholizismus, gelegentliche Gespräche mit dem Schöpfer und ökumenische Harmonieerlebnisse inklusive.

    Es gab wohl keine Pfarrer, die bei der Predigt brüllten wie die ersaufenden Rindviecher, daß AIDS eine Strafe Gottes für Unzucht sei? Kein Herumstehen an den Gräbern an Allerheiligen, frierend, der Pfarrer latscht mit seinen Ministranten mehrmals um den Friedhof herum, die Großmutter erstickt fast an ihrem Weinkrampf, die Umstehenden murmeln den schmerzensreichen Rosenkranz und man möchte einfach nur weglaufen, weil das so grauenvoll ist? Keine Broschüren zuhause, in denen Abtreibungen aus der Sicht des Embryos geschildert wurden, garniert mit Vorwürfen an die unfeine Frau Mutter, oder Informationen zu den Prophezeiungen von Fatima (und wenn ihr nicht brav seid, dann kommt der Weltuntergang)? Keine Kommunionsvorbereitungsheftchen mit Erzählungen, in denen Hostien sich in echtes Fleisch verwandelten, Rotgardisten kurz vor der beabsichtigten Hostienschändungen vor den Tabernakeln verreckten, todkranke jüdische Kinder ohne Wissen der Eltern von christlichen Hilfslehrern notgetauft wurden und Protestanten, die an Fronleichnam einsahen, daß ihr falsches Bekenntnis sie schnurstracks in die Hölle führen würde? [...]

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    • chrisi
    • 20.12.2009 um 19:55 Uhr

    Sie haben hier einen Artikel für lau gelesen und müssen natürlich erstmal drüber herziehen.
    Was Sie machen hat sich meiner Meinung nach in der letzten Zeit unter "Nichtgläubingen" ausgebreitet: Sie wollen über das Gewissen anderer herrschen.
    Ihr könnt es einfach nicht akzeptieren, dass andere an einen Gott Glauben und kommt in einem Tonfall daher, der alles andere als sachlich ist.
    Wenn Sie nicht glauben gut... Aber fangen Sie nicht an, Glaubenden so zu begegnen wie Ihr Kommentar sich liest.
    Natürlich gibt es die "Auswüchse des trashig-selbstgerechten Fanatenkatholizismus altbayrischer Fabrikation".
    Aber Ihr habt dieselben Auswüchse.

    • chrisi
    • 20.12.2009 um 19:55 Uhr

    Sie haben hier einen Artikel für lau gelesen und müssen natürlich erstmal drüber herziehen.
    Was Sie machen hat sich meiner Meinung nach in der letzten Zeit unter "Nichtgläubingen" ausgebreitet: Sie wollen über das Gewissen anderer herrschen.
    Ihr könnt es einfach nicht akzeptieren, dass andere an einen Gott Glauben und kommt in einem Tonfall daher, der alles andere als sachlich ist.
    Wenn Sie nicht glauben gut... Aber fangen Sie nicht an, Glaubenden so zu begegnen wie Ihr Kommentar sich liest.
    Natürlich gibt es die "Auswüchse des trashig-selbstgerechten Fanatenkatholizismus altbayrischer Fabrikation".
    Aber Ihr habt dieselben Auswüchse.

  2. 3. II.

    Keine devot-masochistischen (Kinder)heiligen wie Anna de Guigné, Imelda Lambertini, Maria Goretti oder Lidwina die Dulderin? Kein Freundeskreis Maria Goretti, mit seinen Indoktrinationsschriften und seinem stetigen Kampf gegen den Sexualkundeunterricht? Kein Tuntenhausen, Weihenlinden, Altötting, Birkenstein mit expliziten Beschreibungen von Naturkatastrophen, Unfällen und Krankheiten auf Votivtafeln, denen die jeweiligen Stifter nur entgangen seien, weil sie so ausdauernd gebetet hatten - im Gegensatz zu den anderen? Kein Gefühl der Leere und Entfremdung während man in der Kirche stand und sich die verschiedenen Darstellungen von Tod und Leid besah, die zum Blut-, Schweiß- und Tränenkult der Katholiken dazugehören? Und nicht mal das mulmige Gefühl, daß die Allaugenkrake namens Gott einen sogar auf dem Klo und im Dunklen beobachtet, weil sie Kameras mit Nachtsichtgeräten hat, auf jedem Tentakel eines? Keine Schreiereien ("Kind des Teufels!!!") am Sonntagmorgen, weil man keinen Bock mehr auf den Gottesdienst hat und am Wochenende ausschlafen möchte?

    All diese Auswüchse des trashig-selbstgerechten Fanatenkatholizismus altbayrischer Fabrikation nicht mitgekriegt? Dann kann ich mir den Kulturschock bei Ratzingers Anblick und den Schock, wenn der Typ den Mund aufmacht, gut vorstellen und würde empfehlen, meine Recherchen mal auf dieses Gebiet auszudehnen. Vielleicht tritt es sich dann ja etwas leichter aus.

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    Alles was sie beschreiben gibt es und gab es in der Kirche, selbstverständlich. Kirche war und ist es in Teilen immer noch, ein Spiegelbild der Gesellschaft.
    Kirche ist auch eine Organisation und damit den menschlichen Missbräuchen ausgesetzt. Engstirnigkeit Bigotterie, Bevormundung ist überall zu finden. Wir haben es uns nur bequem gemacht und den Eiferern das Feld überlassen. Gesellschaften neigen dazu besonders im Wohlstand passiv zu erwarten, dass die Aktiven ihre Aufgabe erfüllen und Dummheit und Machtmissbrauch kontrolliert wird. Doch die Wenigsten tun selbst etwas dafür, sie erwarten das das geregelt wird. Es ist ja schließlich dumm sich angreifbar zu machen, Überzeugungen zu äußern, weil die Spießer, die Angepassten, die Mitläufer die Gelegenheiten ja schon mal nutzen, einen aus dem Rennen zu werfen.
    Wer aber diesen Leuten das Feld überlässt und/oder den Respekt vor Ihnen verliert, darf sich nicht wundern, wenn er immer wieder den Club wechseln muss bzw. immer aufs neue enttäuscht wird.
    Ein Konsument wird immer enttäuscht werden, nur Gestalter können Zufriedenheit erlangen, sogar die falschen Gestalter, eben weil sie gestalten, statt sich nur zu beschweren.

    H.

    Alles was sie beschreiben gibt es und gab es in der Kirche, selbstverständlich. Kirche war und ist es in Teilen immer noch, ein Spiegelbild der Gesellschaft.
    Kirche ist auch eine Organisation und damit den menschlichen Missbräuchen ausgesetzt. Engstirnigkeit Bigotterie, Bevormundung ist überall zu finden. Wir haben es uns nur bequem gemacht und den Eiferern das Feld überlassen. Gesellschaften neigen dazu besonders im Wohlstand passiv zu erwarten, dass die Aktiven ihre Aufgabe erfüllen und Dummheit und Machtmissbrauch kontrolliert wird. Doch die Wenigsten tun selbst etwas dafür, sie erwarten das das geregelt wird. Es ist ja schließlich dumm sich angreifbar zu machen, Überzeugungen zu äußern, weil die Spießer, die Angepassten, die Mitläufer die Gelegenheiten ja schon mal nutzen, einen aus dem Rennen zu werfen.
    Wer aber diesen Leuten das Feld überlässt und/oder den Respekt vor Ihnen verliert, darf sich nicht wundern, wenn er immer wieder den Club wechseln muss bzw. immer aufs neue enttäuscht wird.
    Ein Konsument wird immer enttäuscht werden, nur Gestalter können Zufriedenheit erlangen, sogar die falschen Gestalter, eben weil sie gestalten, statt sich nur zu beschweren.

    H.

    • sttn
    • 17.12.2009 um 17:39 Uhr

    Michael Stolz hätte sich nur eine Frage stellen müssen: Glaube ich an Gott, glaube ich an Jesus, ja oder nein? Darum geht es bei uns Christen, nicht aber ob man den Papst gut findet oder nicht. Der Papst ist nicht Gott, sondern nur der oberster Diener der katholischen Kirche, mehr nicht. Päpste irren sich, Päpste ändern sich, Päpste machen vieles falsch und vieles richtig. Päpste sind normale Menschen.
    Das was ich über den Papst hier gesagt habe ist übrigens zutiefst katholisch und selbst Papst Benedikt würde mir Recht geben wenn ich fragen würde ob er das genauso sage. Das sage ich übrigens aus einer tiefen katholischen Überzeugung.

    Zum Papst: Ich finde man sollte versuchen sich mit dem Papst inhaltlich auseinander setzen und weniger darauf geben welche Informationsfetzen man irgendwo aufgegriffen hat. Beispiel: Was der Papst in Regensburg gesagt hat war was anderes als Matthias Stolz meint hier als Schlussfolgerung bringen zu müssen. Aber auch was er zu Williamson gesagt hat. Wenn man Pauschalisierungen glaubt ohne den Hintergrund zu kennen kommt man nicht weiter, sondern tut meistens den anderen unrecht.

    Ich selber war früher inniger Atheist und der Papst war für mich alles mögliche ... nur kein ernstzunehmender Mensch. Nun bin ich zum Glauben gekommen und habe den Weg in die katholische Kirche gefunden und ich bin sehr froh darüber das man mich wieder aufgenommen hat.
    Das meine ich wirklich so, denn für mich ist es etwas besonderes dabei zu sein.

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    Man sollte sich also inhaöltlich mit dem Papst auseinander setzen. Aha. Alles vollkommen aus dem Kontext gerissen. Wäre doch nett, wenn sie uns an ihrem erleuchteten Hintergrundwissen teilhaben ließen, anstat hier einfach mal so Sachen zu behaupten!

    Man sollte sich also inhaöltlich mit dem Papst auseinander setzen. Aha. Alles vollkommen aus dem Kontext gerissen. Wäre doch nett, wenn sie uns an ihrem erleuchteten Hintergrundwissen teilhaben ließen, anstat hier einfach mal so Sachen zu behaupten!

  3. Sie glauben, dass Ihre Leser Ihnen glauben, dass Sie glauben, dass man Sie für diesen Artikel aus dem Verein Kirche rausschmeißen könnte. Trotzdem möchten Sie gerne weiterhin bei denen mitmachen. Aber so richtig Bock haben Sie eigentlich doch nicht (siehe letzter Satz des Artikels).

    Ich neige eher dazu, das Gegenteil zu glauben: Entweder Sie wurden bereits für Ihre gute Kirchenwerbung von dieser bezahlt oder man wird Ihnen für Ihren Artikel sehr dankbar sein und Sie beglückwünschen.

    • Puella
    • 17.12.2009 um 23:22 Uhr
    6. Danke

    Ein sehr interessanter und lesenswerter Artikel.Die beschriebenen Zweifel kennt wohl jeder Katholik,aber Zweifel sind m.E. "normal",wenn man sich mit seinem Glauben auseinandersetzt.
    Nur sollten sie nicht zur Identitätskrise führen.Und ansonsten möchte ich mich einem Vorredner anschliessen:

    "...Glaube ich an Gott, glaube ich an Jesus, ja oder nein? Darum geht es bei uns Christen, nicht aber ob man den Papst gut findet oder nicht."

  4. Ich finde es schlichtweg geschmacklos, die vertrauliche Situation eines Beichtgesprächs schamlos auszunutzen. Nicht nur, dass es genug Anhaltspunkte gibt, die entsprechenden Beichtväter zu identifizieren, die gleichgültige Attitüde des Autors lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. So kalte Artikel möchte ich einfach nicht lesen. Wenn der Autor mir eine bessere Alternative zeigen kann, wo ich Frieden, Gerechtigkeit, Licht und eine Liebe finden kann, die nicht enttäuscht und wahr ist, dann nehme ich ihn ernst. So aber zieht mich das destruktive Gesäusel nur herunter. Frohe Weihnachten! Und dem Autor eine extra Portion Zuwendung vom Himmel.

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    dem ist nichts mehr hinzuzufügen...frohe Weihnachten

    dem ist nichts mehr hinzuzufügen...frohe Weihnachten

  5. dem ist nichts mehr hinzuzufügen...frohe Weihnachten

    Antwort auf "Geschmacklos"

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