Ein Freund aus katholischen Zeiten erzählte mir neulich bei einem Bier, dass er ausgetreten sei aus der Kirche. Er sagte es in einem Nebensatz und mit der gleichen Beiläufigkeit, mit der man von Trennungen entfernter Bekannter berichtet. Kurz überlegte ich, ob ich eine Diskussion über die Kirche beginnen sollte, besann mich jedoch, bestellte ein Bier, und wir redeten über etwas anderes.

Ich habe das komplette Programm mitgemacht: katholischer Kindergarten, Messdiener, Pfarrjugend, katholisches Gymnasium, ich war Betreuer in Jugendfreizeiten, habe Firmunterricht gegeben, eine Gruppenstunde betreut, war dreimal mit der Isomatte auf Kirchentagen und bestimmt fünfmal in Taizé.

Heute habe ich mit der Kirche nichts mehr am Hut. Schon lange nicht mehr. Sie hat sich aus meinem Leben geschlichen, als ich erwachsen wurde. Ich bin, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, ohne bewussten Entschluss nicht mehr in die Kirche gegangen, so wie Vereinsfußballer oft ihren Sport aufgeben, wenn sie umziehen. Ich war einfach zu faul. Und es schien mir Spannenderes zu geben, als die Gemeindemitglieder von Stuttgart-Degerloch kennenzulernen.

Dabei glaube ich noch immer an einen Gott. Nicht dauernd. Manchmal ist das Gefühl für Monate weg, aber dann ist es auf einmal wieder da. Meistens denke ich an ihn, wenn es mir besonders gut geht – oder wenn ich mich sorge. Dann rede ich ein bisschen mit ihm, vorm Einschlafen meistens, sage: Lass den oder den bitte wieder gesund werden. Ich sage übrigens nie: "Wie kannst du zulassen, dass…" Wahrscheinlich bin ich ihm nicht nahe genug, um mich mit ihm zu streiten. Wobei ich auch nicht erwarte, dass sich Gott ins Leben einmischt. Ich glaube, dass er sich raushält. Am ehesten glaube ich noch: Er weiß, was passieren wird.

Warum ich glaube? Sicher, weil meine Eltern mir das so vorgemacht haben, bevor ich eine kritische Distanz dazu hätte entwickeln können. Vorm Essen wird gebetet, und sonntags "ist Kirche", das schien mir lange ein Naturgesetz zu sein. Warum ich dabei geblieben bin? Wahrscheinlich, weil es ein angenehmer Gedanke ist, dass es einen Gott geben könnte. Es verleiht der ganzen Sache einen Sinn. Bestimmt ist mein Glaube auch egoistisch: Im Notfall soll da bitte einer sein, der hilft, wenn auch nur durch Anwesenheit.

Manchmal, wenn mir Bekannte von ihren Yoga-Kursen erzählen, wie sie da zur Ruhe kommen, denke ich: Könntet ihr in einer ganz normalen Kirche auch haben. Ruhig werden, abschalten, nachdenken. Ich mochte den Augenblick in Taizé, wie sich Hunderte auf den Boden setzten und ruhig waren. Niemand palaverte, auch vorn nicht. Dann wurde gesungen. Es war immer ein erhabener Moment.

Und ich mochte die Leute dort, meistens jedenfalls. Einen Bruder gab es in Taizé, er hatte immer ganz dunkle Augenränder, so überarbeitet war er. Er sülzte nicht rum, wenn es um den Glauben ging. Und in den Pausen schleppte er Orangenkisten. Die Menschen, die ich in der Kirche traf, hatten Ideale. Es ging ihnen, glaube ich, nicht um Geld, Macht, nicht um sich. Bis heute vertrete ich die Meinung, dass Jesus keine schlechten Ideen hatte. Andere mögen diese Ideen auch gehabt haben. Nach allem, was ich von ihm gehört und gelesen habe, wüsste ich aber nicht, weshalb er sich nicht als Vorbild eignen würde.

 

Yoga zu betreiben, darüber kann man gut reden. Ich habe nie erlebt, dass jemand sagte: Echt, du glaubst? Erzähl doch mal. Meine Eltern trafen sich abends noch in "Teams", um mit Bekannten über theologische Fragen zu diskutieren. Ich weiß heute eigentlich von keinem anderen, wie er glaubt. Auch deshalb ist mein Glaube wohl verlottert über die Jahre.

Ich blieb in der Kirche, obwohl ich das Gebäude nur noch zu Weihnachten, Kindtaufen, Beerdigungen und Hochzeiten aufsuchte. Ich blieb auch, weil ich ein Argument zu oft gehört hatte: "Da spende ich lieber was." Das sagten viele meiner Bekannten, die aus der Kirche austraten, kurz nachdem sie ihr erstes Geld verdient hatten. Ich will niemandem persönlich etwas unterstellen, aber wenn alle, die es von sich behaupten, tatsächlich für Afrika spendeten, müsste Afrika entschieden reicher sein. So wie ich mich kenne, würde ich jedenfalls die Überweisung für Terre des Hommes sicher verbummeln. Und nicht sofort erhöhen, wenn mein Gehalt wider Erwarten steigen sollte.

Bis vor ein paar Jahren lebte ich ganz gut mit dem Widerspruch: Ich glaube so lala, aber von der Kirche halte ich nicht viel. Dann kam ein neuer Papst, und es wurde schwieriger.

Ich erinnere mich an den Moment, als Joseph Ratzinger mit ausgebreiteten Armen dastand und neu gewählt war, als einen Moment, der mit Helmut-Kohl- oder George-W.-Bush-Wahlsiegen zu vergleichen war. Dieses Gefühl der Ohnmacht und der Sicherheit, dass gerade der Falsche gewonnen hatte, ein Erzkonservativer. Umso unbegreiflicher war mir, dass plötzlich so viele diesen Erzkonservativen toll fanden. Menschen, von denen ich wusste, dass sie sich nie für die Kirche interessiert hatten, gaben vor, stolz zu sein. Ein Mann sei das, der "sich nicht um den Zeitgeist schert".

Ich saß im Flugzeug zurück aus dem Urlaub, als mir zum ersten Mal der Gedanke kam, es könnte aus sein mit der Kirche und mir. Ich las in der Zeitung, dass der Papst gerade die muslimische Welt in Aufruhr versetzt hatte mit seiner Regensburger Rede, in der er dem Islam einen Hang zur Gewalt attestierte. Wenn meine Kirche von einem Mann geführt wird, der sich auf den dummen Wettstreit einlässt, welche Religion die bessere sei, dann will ich mit dieser Kirche nichts mehr zu tun haben, dachte ich.

Ich blieb damals, weil er sich entschuldigte und sagte, er habe niemanden verletzen wollen. Jeder soll eine zweite Chance haben, auch ein Papst, fand ich.

Dann kam die Pius-Geschichte, in diesem Frühjahr. Der Papst gestattet einem Bischof, der den Holocaust leugnet, die Rückkehr in die Kirche, aus der er aus anderen Gründen rausgeflogen war. Hinterher sagte der Papst, er habe von den Ansichten des Bischofs nichts gewusst. Selbst wenn das stimmt – hätte er nicht sagen müssen: Oh, Pardon, er ist ein Nazi, wusste ich nicht, er soll natürlich bleiben, wo der Pfeffer wächst?

 

Ich muss, dachte ich mir, die Sache zwischen der Kirche und mir ein für alle Mal klären. Ich wollte nicht einfach so austreten, mich nicht davonschleichen. Also nahm ich mir vor, der Kirche eine letzte Chance zu geben und noch mal mit ihr zu reden. Ich beschloss, diese Gespräche in Beichtstühlen zu führen, diesem Ort, an dem Christen ihre Sünden bekennen und an dem sie manchmal auch über Glauben und Zweifel sprechen. Im Übrigen sind Beichtstühle auch ein guter Ort, um – unerkannt als Journalist – von der Kirche zu erfahren, was sie wirklich denkt. Ich reiste also von Berlin nach München, durch das Allgäu nach Schwaben, weiter in Richtung Köln, quer durch die Republik, von Beichtstuhl zu Beichtstuhl.

Von meiner Wohnung in Berlin gehe ich zu Fuß zu einem Kloster, in dem ich noch nie zuvor war. Um zur Kapelle zu gelangen, passiere ich das vordere Gebäude, eine Armenküche, die zum Kloster gehört. Ich irre ein wenig umher, bis ich die Kapelle finde, auch diejenigen, die zum Essen hierherkommen, kennen den Weg nicht. Als ich die Tür zur Kapelle öffne, bin ich zurück in einer Welt, die ich jahrelang nicht betreten habe. Mit grünem Stoff bezogene, funktionale Holzstühle. Dezente Ornamente. Weiß getünchte Wände. Ruhe. So sahen die Orte aus, in denen ich früher mit der Schulklasse auf Exerzitien war, Pflichtprogramm vor Weihnachten. Schön, mal wieder hier zu sein, denke ich. Ich bin der einzige Besucher, und das, obwohl die Beichte nur einmal pro Woche angeboten wird.

Ich klingele an der Beichtglocke. Es ist wie beim Waffelbacken: Ein Licht leuchtet auf, und erst wenn es wieder ausgeht, darf ich in das Beichtzimmer eintreten. Dort knie ich mich auf eine Bank, der Blick zum Pater ist durch Lamellen aus Weichholz versperrt, wie man sie aus dem Baumarkt kennt. Mir ist es ganz recht, dass er mich nicht sehen kann, fühle ich mich doch in meiner Pose nicht besonders wohl. Ich gehe zur Beichte und verberge mein wahres Interesse: dass ich über diese Gespräche schreiben will. Wenigstens, so lautet die Abmachung mit mir selbst, werde ich nicht lügen.

Meine Stimme stockt, als ich beginne: "Ich bin heute hierhergekommen, weil…" Das klingt feierlich, aber mit diesen Worten beginne ich jedes meiner Beichtgespräche, das fällt mir erst später auf. Ich erzähle dem Pater also von meinem Glauben, dass ich ihn nicht mehr praktiziere und überlege, ob ich nicht austreten müsse – wegen des Papstes.

Gegenüber ist erst einmal Stille. Erklärt er mir gleich, dass eine Beichte keine Gelegenheit ist, sich über die Kirche zu beklagen? Dann aber fragt er mit weicher Stimme, was es für mich bedeute, als guter Christ zu leben. Auf so eine Frage war ich nicht gefasst. Ich stottere kläglich. Ich wollte über die Kirche reden und nicht über mich. Also versuche ich, schnell wieder zur Papstkritik zu kommen.

Seine Reaktion darauf: Ich solle dem Papst nicht zu viel Gewicht geben, schließlich sei er ja nur einer von einer Milliarde Christen. Als ich widerspreche, weil der Papst ja immerhin der Chef ist, sagt der Pater: "Machen Sie sich nicht an einem Mann fest, der 82 ist. Er macht das vielleicht noch drei oder vier Jahre. Es kann danach ein anderer sein, der vieles verändert."

Der Papst sei kein Hardliner, er habe ihn mal in Rom kennengelernt, und es sei sicher nicht sein Ziel, die Religionen gegeneinander aufzubringen. Ich frage ihn, ob er denn wisse, was stattdessen das Ziel des Papstes sei. Ich erfahre, dass der Papst den Glauben nach Europa zurückholen möchte, wo im Gegensatz zu Südamerika oder Afrika nicht mehr "lebendig" geglaubt werde. Ich sage, dass er dieses Ziel verfehlt mit seiner Politik. Er verjagt die Restkatholiken wie mich ja gerade.

 

Der Pater empfiehlt mir, mich langsam wieder der Kirche anzunähern. Eine Gesprächsgruppe zu besuchen. Und ob ich schon mal überlegt hätte, ob die evangelische Kirche etwas für mich wäre. Er entlässt mich mit einem Segen.

Draußen wird immer noch Suppe verteilt, ich spaziere vorbei und frage mich, ob es wohl am unkatholischen Berlin liegt, dass man mir hier gleich den Wechsel in die Bruderreligion nahelegt.

Weiter nach München. Dort besuche ich in der Innenstadt eine barocke Kirche, in der man sich vor Dieben fürchtet. "Vorsicht Alarmanlage" steht auf einem Schild vor dem Blumenschmuck. Auf dem Wegweiser zur Beichtkammer in der Sakristei steht "Beratung", offenbar klingt "Beichte" inzwischen selbst für Kirchenbesucher bedrohlich.

Diesmal spreche ich durch ein engmaschiges Beichtgitter, vor dem ein Vorhang hängt. Mein Gegenüber spricht diesmal eher wie ein Krankenhausarzt, mit kräftiger, selbstbewusster Stimme. Er berichtet, dass die große Kirchenpolitik in seiner Gemeinde kaum eine Rolle spiele. Wenn es Diskussionen gebe, dann eher um die Sexualmoral. Er sei da selbst recht liberal: "Kein Ehepaar, das ich getraut habe, hat vorher wie Bruder und Schwester zusammengelebt. Ich halte das für ganz normal." Auch wenn Geschiedene zur Eucharistie kämen, was sie nicht dürften, drücke er schon mal ein Auge zu.

Ich erzähle ihm von einem Freund, der ausgetreten ist, weil die Kirche die künstliche Befruchtung für eine Sünde hält. Aber das sei doch falsch, sagt der Mann mit der Arztstimme, die Kirche verurteile so etwas gar nicht. Ich bin unsicher: Kann es sein, dass ich der Kirche einfach alles Schlechte zutraue, ohne das Ganze zu überprüfen? Der Pfarrer entlässt mich mit dem Segen, eine Sünde kann er in meinen Austrittsgedanken nicht erkennen.

Später lese ich nach: Der Vatikan ist doch gegen die künstliche Befruchtung. Ich fühle mich ein wenig verschaukelt.

Die Beichttermine der Gemeinden sind im Internet nur schwer zu finden. Längst nicht jede Pfarrei hat eine Internetseite. Wer nur das Internet kennen würde, der müsste denken, dass die katholische Kirche eine winzige Gruppe von Spinnern sei. Als ich auf der Autobahn darüber nachdenke, erscheint es mir fast sympathisch, dass sich die Kirche dem Internet so vollkommen entzieht. Sie biedert sich nicht an. Anders als zum Beispiel die SPD, der das Internet auch eher fremd ist, die aber doch unbedingt mit dabei sein will.

 

Ein paar hundert Kilometer weiter besuche ich die Abendmesse in einer schwäbischen Kleinstadt. Die Bänke sind zu einem guten Drittel gefüllt, und das unter der Woche. Nach dem Gottesdienst passe ich den Priester ab. Als ich die Piusbrüder erwähne, klatscht er sich mit den Händen auf die Schenkel, als hätte ich einen guten Witz gemacht. "Ja, als wir das gehört haben, haben wir zueinander gesagt: Ist er denn jetzt völlig verrückt geworden?" Es geht jovial zu. Die Taktik des Pfarrers ist einfach: Er gibt mir in allem recht. Die ganze katholische Kirche halte den Papst mehr oder minder für einen Narren, gibt er mir zu verstehen.

Einen Verteidiger der päpstlichen Linie treffe ich am nächsten Tag. Ich bin etwas zu früh dran, es regnet, und ich warte im Auto. Ich habe zum ersten Mal keine Lust mehr, weiter zu beichten. Mein Spiel ist, wie ich es drehe, moralisch nicht in Ordnung und theologisch natürlich schon gar nicht. Man müsste es wohl den Missbrauch eines Sakraments nennen, keine Ahnung, was auf so was steht.

Im Beichtstuhl schimpft der Pfarrer, den ich nicht sehe, auf alle "Kommunisten", er meint die Journalisten, die den Papst kritisieren. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass er, indem er den Hardliner gibt, mich noch mehr verschreckt. Als ich den Beichtstuhl verlasse, in dem es so modrig wie in keinem anderen riecht, bilde ich mir ein, es müsse an der Überzeugung des hiesigen Pfarrers liegen, dass in dieser Kirche keine aus Pappe ausgeschnittenen Schäfchen hängen und auch sonst nichts heiter stimmt.

Mein Beichtplan sieht vor, dass ich weitereile zur nächsten Gemeinde, 50 Kilometer über Land. Doch kaum habe ich die Stadt verlassen, tuckert der Motor verdächtig laut, und ich entschließe mich, zurück in die Stadt zu fahren, wo ich mir ein Zimmer suche. Zuletzt war ich mit 16 oder 17 hier mit einer Jugendgruppe. Nachts besuchten wir den Dom und liefen durch die Krypta, in der es so stockfinster war, dass sich ein Mädchen fest an mich klammerte, was mir keineswegs unrecht war. Meinen katholischen Zeiten verdanke ich zwei oder drei Freunde. Ein ehemaliges "Firmkind" ist längst eine gute Vertraute. Mein Leben, dieser Gedanke kommt mir jetzt, ist nun einmal verknüpft mit der Kirche, ob ich das will oder nicht.

Zum ersten Mal kommen mir Zweifel: War der Gedanke, auszutreten, nicht doch übereilt? Alles ist heute ganz einfach kündbar. Der Vertrag mit der Telefonfirma und mit dem Stromversorger. Als meine Krankenkasse mir vor ein paar Wochen eine Zahnbehandlung nicht bezahlte, dachte ich sofort: Dann wechsele ich eben. Ich habe gelernt, nach der besseren Option zu suchen. Vielleicht hat mir dieser Vertrag mit der Kirche, der auf Lebenszeit angelegt ist, ja Angst gemacht.

Ein Mechaniker stellt am nächsten Tag fest, dass ein Marder im Motor gewütet hat. Die Reparatur zieht sich hin, und ich muss rasen, um meine letzte Beichte in einem Kloster nicht zu verpassen. Die Raserei von Kirche zu Kirche kommt mir absurd vor. Lieber würde ich ein paar Schritte zu Fuß gehen, wie es echte Pilger tun. In einer Seitenkapelle der Klosterkirche warte ich auf meine Beichte. Es ist ein Gewölberaum mit nur drei Bankreihen, vorn hängt ein einfaches Kreuz. Ich bin versucht, hier tatsächlich zu beten, finde aber nicht die Ruhe.

Der Pater, der mich zur Beichte begrüßt, schlägt ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht vor. Als ich ihm gegenübersitze und von meinem Hadern mit der Kirche erzähle, sagt er: "Es muss ja noch eine Grundlage da sein, sonst wären Sie nicht hier." Er ist jedoch nicht von jener Sorte Pfarrer, die sich bei mir einschleimen möchten. Er sagt: "Es ist schwierig, einen Glauben zu haben ohne andere, ohne Form, ohne feste Zeiten. Das wird schwierig."

 

Und wie ich mir denn einen Papst vorstelle, der jedes Wort auf die Goldwaage lege? Ich müsse mir doch bewusst sein, dass dann nur noch Wohlfeiles zu erwarten sei. "Päpste kommen und gehen. Ich kann Ihnen aber auch nicht sagen, ob vom nächsten anderes zu erwarten ist." Wir reden fast eine Stunde lang. Er nimmt mich ernst. Er hört zu. Dann sagt er: "In meinen Augen ist Ihre Kritik am Papst vielleicht ein Auslöser, aber doch niemals der Grund, sich von der Kirche zu trennen. Das Problem, das Sie mit der Kirche haben, hat mit dem Papst vielleicht viel weniger zu tun, als Sie denken."

Ich fühle mich ertappt. In der Tat habe ich bislang zwar sämtliche Fehler der Kirche hinterfragt, aber nicht nach den eigenen gesucht. Ich habe mich auch nie gefragt, ob ich auch ohne einen schlechten Papst von der Kirche abgerückt wäre. Zum Abschied sagt er: "Glauben ist nicht zum Wohlfühlen da. Glauben ist immer ein bisschen Zumutung, und damit müssen Sie leben."

Ich bin beeindruckt. Tatsächlich habe ich meinen Glauben bislang zum Wohlfühlen benutzt: als nette Ummantelung meines säkularisierten Lebens.

Als ich ins Freie trete, fällt mir die Sonne ins Gesicht. Ein Kind, das offenbar seinen Kommunionsanzug trägt, springt zwischen Mutter und Vater umher. Ich habe in meiner Kindheit gelernt zu glauben, so wie man auch ein Instrument lernt. Als Erwachsener habe ich verlernt, dieses Instrument zu spielen. Jetzt ahne ich, dass es ein Reichtum ist, den ich nicht einfach abgeben sollte. Wenigstens nicht ganz. Früher, wenn Ostermesse war, gab es das Spiel unter uns Kindern, das Osterlicht, die brennende Kerze, aus der Kirche mit nach Hause zu tragen. Also hatten wir diese Kerze und schützten sie gegen den Wind, auf dass sie nicht erlösche. So ähnlich muss ich meinen Glauben jetzt auch schützen, denke ich.

Am Ende der Reise hat mich kein Pfarrer vom Papst überzeugt. Die meisten wollten es ja auch gar nicht. Es hat etwas Beruhigendes, zu erfahren, auf wie wenig Gehör dieser Papst in seiner Kirche stößt. Sie reden über ihn wie über ein Problem. Wieso sollte ich dann seinetwegen austreten? Wenn sie mich also nicht rauswerfen nach dieser Recherche, werde ich in diesem seltsamen Verein bleiben, sicher noch eine Weile.

Ich habe mir sogar vorgenommen, mal wieder in die Kirche zu gehen (nicht nur an Weihnachten). Gelungen ist es mir noch nicht.