Lernsoftware in der SchuleKlug, aber gefährlich?

Intelligente Computerspiele eignen sich auch für den Unterricht. Lehrer und Eltern bleiben skeptisch von 

Die Sims

Spielerisch lernen mit "Die Sims"  |  © David Silverman/ Getty Images

Der Vater sitzt vor dem Fernseher, die Mutter bereitet in der Küche das Abendbrot zu. Sie schmiert Brote, die Kinder lärmen in ihrem Zimmer. Die Bewegungen der Familienmitglieder sind mechanisch, ihre Gesichtszüge eher schematisch. Kein Wunder, denn sie sind Figuren aus dem Computerspiel »Die Sims«. Bei fast allen Schülern, denen Marco Fileccia über die Schulter schaut, läuft das virtuelle Familienleben ähnlich ab: Die Mutter kocht, der Vater entspannt.

Fileccia ist Lehrer an einer Gesamtschule in Oberhausen. Er gehört zu den wenigen Pädagogen in Deutschland, die in ihrem Unterricht regelmäßig Computerspiele einsetzen. Im Wahlfach »Gesellschaftslehre und Informatik« lässt er die Schüler »Die Sims« spielen. Es geht darum, eine möglichst realistische Lebenswelt aufzubauen. Jeder Spieler schafft sich einen eigenen Charakter mit einem Persönlichkeitsprofil, mit einem Job, einer Familie, einer Lieblingsfarbe und dem Lieblingsessen.

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Was die jeweiligen Personen im virtuellen Leben machen, wie sie aussehen, wo sie arbeiten, das entscheidet der Spieler. Im zweiten Teil des Unterrichts schaut sich die Klasse gemeinsam ihre gespielten Sequenzen an. »Warum habt ihr die Mutter immer in der Küche arbeiten lassen?«, fragt Marco Fileccia seine Schüler. »Bei uns zu Hause ist das immer so«, lautet die Antwort.

Auch außerhalb des Unterrichts setzt sich Fileccia mit Computerspielen auseinander. Für den Spiele-Ratgeber NRW testet er gemeinsam mit seinen Schülern in einer Arbeitsgemeinschaft Spiele auf ihren pädagogischen Nutzen. Er ist überzeugt: »Das Potenzial von Computerspielen wird in Deutschland nicht ausgeschöpft.« Dabei liegen ihre Vorteile für den Unterricht für ihn auf der Hand: Zum einen könnten Inhalte den Kindern sehr anschaulich vermittelt werden.

Zum anderen seien sie mit dem Medium vertraut und hoch motiviert. Das gemeinsame, kontrollierte Spiel im Unterricht liefere außerdem eine gute Grundlage für die Reflexion über Computerspiele. Was bewirken sie? Welche Faszination lösen sie aus? Was passiert während des Spiels? »Weil Computerspiele längst zu den Freizeitbeschäftigungen der Jugendlichen gehören, ist es umso wichtiger, sie auch im Unterricht zu besprechen«, sagt Fileccia.

Mit dieser Haltung hat er längst nicht die Mehrheit der Eltern und Lehrer auf seiner Seite. Der Einsatz von Computerspielen in der Schule sei von zahlreichen Tabus und Vorurteilen gekennzeichnet und deshalb sehr kompliziert, sagt Fileccia. Sobald man in Deutschland das Wort Computerspiele in den Raum werfe, löse man eine Killerspiel-Debatte aus, beklagt Marco Fileccia: »Man kann nicht alle Computerspiele über einen Kamm scheren, es gibt auch sehr gute und kreative Spiele.« Dass es aus lernpädagogischer Sicht durchaus sinnvoll sein kann, im Unterricht auch mal zu spielen, zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie von Michael Wagner, Professor für Technologieunterstützes Lernen an der Donau-Universität im österreichischen Krems.

Über ein halbes Jahr integrierten Lehrer verschiedene Computerspiele in ihren Unterricht. Dass die Schüler deutlich motivierter waren als beim üblichen Frontalunterricht, verwunderte Wagner nicht. 80 Prozent der Schüler befürworteten den Einsatz der Spiele. Überraschend war für ihn vielmehr, dass besonders der kommunikative Austausch zwischen den Schülern deutlich über dem Niveau des durchschnittlichen Unterrichts lag. »Computerspiele sind nicht per se isolierend«, sagt Wagner.

Es gehört zu den Horrorszenarien von Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, dass Jugendliche nun auch noch während des Unterrichts vor dem Computer sitzen sollen. Eine Studie aus diesem Jahr ergab, dass 15-jährige Jungen rund zweieinhalb Stunden täglich mit Computerspielen verbringen, gleichaltrige Mädchen knapp eine Stunde. Die Folgen machten sich unter anderem im Leistungsabfall der Jungen gegenüber den Mädchen bemerkbar, sagt Pfeiffer und warnt davor, das Medium in den Schulalltag zu integrieren: »So werden Schüler an das Computerspiel herangeführt.« Die Argumente gegen einen Einsatz der Spiele im Unterricht beziehen sich vor allem auf ihren Suchtcharakter und die Gefahr, über das Computerspiel alles andere zu vergessen: Freunde, andere Hobbys, die Schule. #

Leserkommentare
  1. Diese Einstellung der konservativen Lehrer verwundert mich kein Bisschen. Es ist ja nicht so, dass es nur an Computerspielen liegt. Lehrer haben wohl generell ein Problem mit Spielen aller Art im Unterricht. Ich persöhnlich habe Einsatz von Spielen im Unterricht allgemein nur bei Sprachlehrern beobachtet und dann auch bei selbstständigen Profis und nicht bei Beamten aus der Schule.

  2. spielerisch lernen ist das einfachste und beste konzept. wieso sonst wird es so oft im tierreich praktiziert? wie lernen wohl raubkatzen, wie sie sich behaupten?

    wie würden menschen das lernen am besten lernen? genau, durch spielen.

    aber wenn man sich die mehrzahl der menschen anschaut, die betreuer oder lehrer werden, muss man sich nicht wundern. das sind idioten, wie sie im buche stehen. ist mir gerade heute wieder negativ aufgefallen, als ein kindergarten ausflug hatte. diesen frauen, die die gruppen betreuen, würde ich meine kinder nicht anvertrauen. ehrlich nicht.

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    "aber wenn man sich die mehrzahl der menschen anschaut, die betreuer oder lehrer werden, muss man sich nicht wundern. das sind idioten, wie sie im buche stehen."

    Ach ja, was freut man sich als angehender Lehrer immer über diese Kommentare. Nichts gegen Sie, aber mich wundert es nicht, dass die Berufswahl für viele so tabubehaftet ist.

    Zum Thema: Ich befürworte das in jeder Hinsicht. Wir haben eine solche Fülle an hochwertigen interaktiven Medien, dass es geradezu unverantwortlich und höchst irrational ist, diese nicht zu nutzen. Dass Computerspiele ausschließlich zur Zerstreuung dienen hielt ich schon immer für unfundiert.

  3. 3.

    "aber wenn man sich die mehrzahl der menschen anschaut, die betreuer oder lehrer werden, muss man sich nicht wundern. das sind idioten, wie sie im buche stehen."

    Ach ja, was freut man sich als angehender Lehrer immer über diese Kommentare. Nichts gegen Sie, aber mich wundert es nicht, dass die Berufswahl für viele so tabubehaftet ist.

    Zum Thema: Ich befürworte das in jeder Hinsicht. Wir haben eine solche Fülle an hochwertigen interaktiven Medien, dass es geradezu unverantwortlich und höchst irrational ist, diese nicht zu nutzen. Dass Computerspiele ausschließlich zur Zerstreuung dienen hielt ich schon immer für unfundiert.

    • Nandus
    • 19. Dezember 2009 8:49 Uhr

    Bilden war in einer Phase meiner Jugend, gang und gäbe: zwar nicht im elektronischen Spielumfeld, dafür aber mit z.T. nächtelangen Runden des Wissenspiels "Trivial Pursuit" mit manchmal recht spannenden Auswüchsen, wie z.B. anschließenden (philosophischen) Diskusssionen. Für mein Verständnis von der Welt hat mir das sicher wesentlich mehr gebracht als die Fläche unter einer Kurver zu berechnen oder arme kleine Gedichte mittels Jambus, Dactylus & Co zu filetieren. Nebenbei hat es auch einfach Spaß gemacht und soziale Bindungen gestärkt.

    Zu Baller (bzw. sog. "Killer") -Spielen kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß sie mich nie auch nur ansatzweise dazu gebracht hätten irgendwelche pervertierten Realitätsvorstellungen zu entwickeln - im Gegenteil, ein guter EgoShooter (wie es korrekt heisst - auch in Bayern), sorgt wegen ansprechnder Graphik für gute Laune und durch die entstehende Anspannung während des Spiels dannach für absolute Entspannung.

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    @ Nandus
    "Zu Baller (bzw. sog. "Killer") -Spielen kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß sie mich nie auch nur ansatzweise dazu gebracht hätten irgendwelche pervertierten Realitätsvorstellungen zu entwickeln"

    - das ist genau der richtige Ansatz, denn auch diese Art von Spielen ist für 99% aller Spieler eine harmlose Unterhaltungsmethode. Es gibt immer Menschen die nicht damit umgehen können, das muss nicht unbedingt jetzt bei Computer/Konsole sein, sondern auch dem Fernsehen. Die Spiele die in den Medien an den Pranger gestellt werden, sind zumeist für Erwachsene gedacht, also USK 18. Wenn Kinder und Jugendliche an diese Spiele kommen, dann ist das nicht die Schuld der Spieleentwickler sondern der unverantwortlichen Verkäufer (genau wie beim Verkauf von Alkohol an nicht Volljährige).

    @captainmic:
    Ich selbst studiere auch Lehramt und finde solche pauschalen Verunglimpfungen unmöglich. Gut man kann schon sagen, dass Pädagogen z. T. ein recht seltsames Völkchen seien können. Das hängt immer von der Person im Einzelnen ab. Aber dahinter steckt Methode - es geht um das Erziehen von Kindern. Die einen machen dies sehr statisch, die anderen setzen es unbemerkt gut um. Da ist man halt wieder bei der Problematik guter/schlechter Lehrer oder Betreuerin.

  4. Da an deutschen Gymnasien/Universitäten vor allem akademische Amateurpädagogen ihr Unwesen treiben (Studium der Physik, Mathematik, Germanistik etc, mit anschließendem Workshop: Überleben im Klassenzimmer), werden es wohl lange die Gamedesigner sein, welche Kinder und Jugendliche in ihren Bann ziehen. Schon heute holt sich meine Tochter ihr Wissen über Algebra etc. verständlicher aus kleinen Videos bei YouTube als im Mathe-Unterricht. Schade, denn die Forschung hat bereits seit langem erstaunliche Erkenntnisse darüber gewonnen wie lehren und lernen effektiver und kreativer umzusetzen sind. Bildungspolitisch befinden wir uns unweit des frühen 19. Jahrhundert, daran haben auch die 68ziger-Vorruheständler nichts wesentlich geändert. Im Gegenteil: anstelle kreativem Denken, gibt es Hochdruck-Studiengänge mit Junggesellen-Abschluss auf der Basis von "Wissensvermittlung im Spritzgussverfahren". Allein die Namensgebung "Bachelor" ist eine Bankrotterklärung der deutschen Bildungspolitik. Man kann nur hoffen, dass wirklich bald ein iPod-App "Abi" auf den Markt kommt oder Nintendo und Sony sich dem Problem annehmen...

  5. Da an deutschen Gymnasien/Universitäten vor allem akademische Amateurpädagogen ihr Unwesen treiben (Studium der Physik, Mathematik, Germanistik etc, mit anschließendem Workshop: Überleben im Klassenzimmer), werden es wohl lange die Gamedesigner sein, welche Kinder und Jugendliche in ihren Bann ziehen. Schon heute holt sich meine Tochter ihr Wissen über Algebra etc. verständlicher aus kleinen Videos bei YouTube als im Mathe-Unterricht. Schade, denn die Forschung hat bereits seit langem erstaunliche Erkenntnisse darüber gewonnen wie lehren und lernen effektiver und kreativer umzusetzen sind. Bildungspolitisch befinden wir uns unweit des frühen 19. Jahrhundert, daran haben auch die 68ziger-Vorruheständler nichts wesentlich geändert. Im Gegenteil: anstelle kreativem Denken, gibt es Hochdruck-Studiengänge mit Junggesellen-Abschluss auf der Basis von "Wissensvermittlung im Spritzgussverfahren". Allein die Namensgebung "Bachelor" ist eine Bankrotterklärung der deutschen Bildungspolitik. Man kann nur hoffen, dass wirklich bald ein iPod-App "Abi" auf den Markt kommt oder Nintendo und Sony sich dem Problem annehmen...

  6. Da an deutschen Gymnasien/Universitäten vor allem akademische Amateurpädagogen ihr Unwesen treiben (Studium der Physik, Mathematik, Germanistik etc, mit anschließendem Workshop: Überleben im Klassenzimmer), werden es wohl lange die Gamedesigner sein, welche Kinder und Jugendliche in ihren Bann ziehen. Schon heute holt sich meine Tochter ihr Wissen über Algebra etc. verständlicher aus kleinen Videos bei YouTube als im Mathe-Unterricht. Schade, denn die Forschung hat bereits seit langem erstaunliche Erkenntnisse darüber gewonnen wie lehren und lernen effektiver und kreativer umzusetzen sind. Bildungspolitisch befinden wir uns unweit des frühen 19. Jahrhundert, daran haben auch die 68ziger-Vorruheständler nichts wesentlich geändert. Im Gegenteil: anstelle kreativem Denken, gibt es Hochdruck-Studiengänge mit Junggesellen-Abschluss auf der Basis von "Wissensvermittlung im Spritzgussverfahren". Allein die Namensgebung "Bachelor" ist eine Bankrotterklärung der deutschen Bildungspolitik. Man kann nur hoffen, dass wirklich bald ein iPod-App "Abi" auf den Markt kommt oder Nintendo und Sony sich dem Problem annehmen...

  7. Ruhig mal den Trailer anschauen:

    http://www.techforce.de/p...

    Im Bereich der Pädagogik liegt noch vieles brach, in Bezug auf "spielerisches lernen" am PC.

    ... fast ein wenig schade, dass nur "die Sims" erwähnt wurden.

    http://de.wikipedia.org/w...

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