Bonner Universität »Was kostest du?«

Auch Bonner Studenten demonstrieren: Gegen Prostituierte vor ihrer Uni.

Leicht bekleidete Mädchen sind manchem Bonner Studenten ein Dorn im Auge

Leicht bekleidete Mädchen sind manchem Bonner Studenten ein Dorn im Auge

Über die Frage, was ein atomares Endlager und ein Straßenstrich gemeinsam haben, ist öffentlich noch nicht allzu ausführlich nachgedacht worden, also holen wir das kurz nach. In Bonn war Demo am letzten Freitag, an der Uni, ausnahmsweise ging es nicht um die Bologna-Reform oder Studiengebühren, sondern um Prostitution im klassischen Sinne.

Vor den chemischen und pharmazeutischen Instituten der Universität nämlich liegt seit Jahren der Bonner Straßenstrich. Die Anlieger tun deswegen das, was Anlieger meist tun, wenn sie in der Zeitung auftauchen: Sie klagen. Noch nicht dagegen, aber über »unhaltbare Zustände«. Die Studenten etwa verschickten zur Demo eine Pressemitteilung, in der sie über Fäkalien und gebrauchte Spritzen berichten, über die Angst vor Zuhältern und Freiern und darüber, dass sich Studentinnen auf der Straße fragen lassen müssten: »Was kostest du?«

Anzeige

Das Grummeln ist verständlich – obwohl man auch zurückgrummeln könnte, dass die Studenten sich an die Frage »Was kostest du?« lieber mal gleich gewöhnen sollten, die wird Kapitalismusteilnehmern im Laufe ihres Lebens schließlich noch oft genug gestellt. Nein, generell sollte der Mensch auf die Straße gehen, wenn ihm etwas gegen den Strich geht, und die Forderung, einen Schandfleck zu verlegen, klingt immer einleuchtend.

Das haben Straßenstrich und Endlager ja auch gemeinsam: Man hat sich mit ihrer Existenz arrangiert, aber bitte nicht in direkter Nachbarschaft. Beide haben auch gemeinsam, dass man sie leider nicht weg-, sondern höchstens woandershin demonstrieren kann – und dass die Hoffnung bisher naiv war, es gäbe irgendwo ein utopisches Woanders, in dem die Menschen Atommüll und Straßenstrich mit Hupkonzert und Blumenwurf willkommen heißen.

Natürlich gibt es Lösungen für dieses Problem, hier sind drei. Erstens: Prostitution und Radioaktivität verbieten. Zweitens: Straßenstrich in den Salzstock Gorleben verlegen, dafür finden sich am Bonner Chemie-Institut sicher Studenten, die ein Tönnchen Atommüll zum Spielen brauchen. Drittens: einen Zaun um die Uni bauen. Das Recht, von den Schmuddeligkeiten des Lebens verschont zu bleiben, ins Grundgesetz schreiben.

Dann: einen Zaun um alle Viertel bauen, in denen sich Besserverdienende aufhalten. In Berlin hat man das vorgemacht, da gibt es seit einiger Zeit eine »Gated Community«, was sinnvoll ist in einer Stadt, in der man praktisch täglich auf der Straße erschossen wird.

Man könnte natürlich auch für weniger Naheliegendes demonstrieren: für Toilettenhäuschen, eine Fixerstube und mehr Streetworker.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich finde es erschreckend wie hier geschrieben wird. Ich dachte immer die Zeit wäre Redaktion aus klar denkenden Journalisten. Meiner Meinung nach die tiefgründigste Zeitung Deutschlands.

    Aber dieser Artikel ist nichts weiter als ein perverses Zeugnis eines Journalisten, der besser für den Straßenfeger schreiben sollte.

    Wie kann man sich nur in einer derart zynischen Art und Weise über die Sicherheit und die Unversehrtheit der Bonner Studentinnen machen?

    Zustände wie sie in diesem und anderen Artikeln ( http://www.zeit.de/campus... ) beschrieben werden, sind doch nur auf den versifftesten Bahnhofstoiletten zu finden und selbst dort finde ich sind sie eine Zumutung.

    Ich hab edas Gefühl, der Autor empfindet die Studentinnen als verwöhnte, reiche Gören, die die ganze Situation mal "nicht so eng sehen sollte" oder vielleicht sogar mit Humor nehmen.

    Ein Protest gegen eine solche Abart der menschlichen Existenz und ihre kranken Auswüchse ist durchaus angemessen.

    Es mag jetzt vielleicht etwas naiv und altmodisch klingen, aber denken sie nochmal ganz verschärft darüber nach.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • d.z.
    • 16.04.2010 um 17:40 Uhr

    Prostitution und damit alle mit ihr im Zusammenhang stehenden Personen "eine Abart der menschlichen Existenz und ihre kranken Auswüchse" zu nennen, halte ich für sehr bedenklich, vielleicht denken Sie nochmal darüber nach, ob sie statt altmodisch nicht eher menschenverachtend klingen.

    • d.z.
    • 16.04.2010 um 17:40 Uhr

    Prostitution und damit alle mit ihr im Zusammenhang stehenden Personen "eine Abart der menschlichen Existenz und ihre kranken Auswüchse" zu nennen, halte ich für sehr bedenklich, vielleicht denken Sie nochmal darüber nach, ob sie statt altmodisch nicht eher menschenverachtend klingen.

    • d.z.
    • 16.04.2010 um 17:40 Uhr

    Prostitution und damit alle mit ihr im Zusammenhang stehenden Personen "eine Abart der menschlichen Existenz und ihre kranken Auswüchse" zu nennen, halte ich für sehr bedenklich, vielleicht denken Sie nochmal darüber nach, ob sie statt altmodisch nicht eher menschenverachtend klingen.

    Antwort auf "Erschreckend"
    • Ranjit
    • 16.04.2010 um 18:54 Uhr

    ...verschon meine Uni... oder so?

    Ich kann es verstehen, dass die Situation nicht wirklich angenehm ist. Aber gerade von Studenten (zu denen ich auch gehöre) erwarte ich etwas mehr Weitblick und Verantwortung. Jedes mal wenn Prostituierte weggestoßen, stigmatisiert und aus dem Blickfeld geschafft werden, verschlechtert sich deren Situation. Die Vorurteile, das Stigma des Sündhaften und Anrüchigen versperrt vielen Frauen den Ausweg und treibt sie in die Abhängigkeit. Wer von seinen Mitmenschen, stattlichen Institutionen (z.B. der Polizei) und alternativen Arbeitgebern nur ablehnend betrachtet und als "Abart der menschlichen Existenz" betrachtet wird, dem bleibt nichts anderes übrig als im "Milieu" zu bleiben.

    Gerade vielen Männern muss man ins Gedächtnis rufen, dass a) es nicht der Traum jeder Frau ist möglicht oft Geschlechtsverkehr zu haben und dass b) die meisten Prostituierten eigentlich lieber etwas anderes machen würden.

    Derzeit werden solche Frauen, häufig in prekärer Lage, erst von der Gesellschaft verstoßen, dann nach ihrem "Absturz" als (inherent!) sündhaft abgestempelt und dann doch zur Befriedigung benutzt. Solange es Personen gibt, die gekauften Sex "konsumieren" und wir dass akzeptieren haben wir uns nicht über die "Dienstleisterinnen" zu erheben.

  2. ich finde den artikel durchaus angemessenn und gerechtfertigt. endlich haben wir in diesem lande die stigmatisierung der prostituerten überwunden und schauen uns auch mal genauer an, wer sich dagegen wehrt. ich stimme auch dem kommentator hier über mir völlig zu: wer sich so knapp kleidet, soll sich nicht wundern, wenn da mal ein mann kommt und sie verwechselt und außerdem ja: studentinnen, die keine sexuelle dienstleistung anbieten wollen, sollen einfach nein sage, wo liegt das problem? oder hat man ihnen nicht beigebracht nein zu sage, ohne gleich moralisch schockiert zu sein?
    und das beste an diesem artikel ist das zunehmende bedürfniss höherer schichten sich von anderen menschen abzuschotten. was ist denn das für ein quatsch? Das uni gelände ist gefährlich, weil man gefragt wird, wie teuer man ist?
    Ist dann nicht auch jeder arbeitsplatz gefährlich, wo man als frau auch mal die beine breit machen muss, um was zu bekommen? mal ganz im ernst: wo liegt der unterschied zwischen prostitution auf der einen seite und im seminar / an der uni arsch und titten zeigen, damit der professor einem besser zugeneigt ist??

    Bitte bleiben Sie bei einer angemessenen Wortwahl und einem höflichen Umgangston. Die Redaktion/km

  3. "Die Frage ist, ob sich Studentinnen heute so kleiden und aufmachen und so posieren, dass man sie von Prostituierten nicht mehr unterscheiden kann. Dann tragen sie zur Anmache bei."

    "wer sich so knapp kleidet, soll sich nicht wundern, wenn da mal ein mann kommt und sie verwechselt [...]"

    Bei solchen Kommentaren bleibt mir ja die Spucke weg. Haben also Frauen nicht das Recht, sich zu kleiden, wie sie wollen, ohne riskieren zu müssen, dumm angequatscht zu werden?? In welchem Jahrzehnt leben wir eigentlich? Nur zur Info: es ist 2010 und nicht 1910.

    FMC

  4. Frauen sollen sich kleiden können, wie sie wollen. Aber Frauen müssen sich auch darüber bewusst sein, dass ihre Kleidung bei Männern manchmal auf eine bestimmte Weise "ankommt". In diesem Fall geht es nicht darum, sich anders anzuziehen, sondern zu sich zu stehen und zu sagen: ja, ich zeige viel von meinem Körper, aber du (Freiere) kriegst ihn trotzdem nicht. Aber sich dann auch noch zu beschweren, dass man als Prostituierte verwechselt wird, das halt ich für scheinheilig! Jede Frau kann und soll sich anziehen, wie sie will, aber sie soll dann auch den Mut haben dazu zu stehen, dass Männer nun mal auf Frauen stehen. Und das wollen wir ja auch.

    • zazzel
    • 17.04.2010 um 22:09 Uhr

    Ich kann die Studentin schon verstehen: die Anzahl der Idioten auf diesem Planeten ist bedenklich hoch.

    Ich (als Mann) würde in ihrer Situation solchen Deppen, die eine derartige Ansprache an den Tag legen, vermutlich mit einer Dose Pfefferspray eine Lektion zum Thema "wie spricht man fremde Menschen an" erteilen.

    Dem Tenor Artikels kann ich nur entgegensetzen: Lieber Autor, wir würden keine Freunde.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service