Verkleidete Japanerinnen auf einer Straße in Tokio: In sogenannten "Maidcafes" robben manche von ihnen in Magd-Kostümierung auf dem Boden © Koichi Kamoshida/Getty Images

»Bist du ein Nazi?«, fragte der Mann mit dem Tirolerhut auf Spanisch, bevor er sein Bierglas hob und einen Trinkspruch in die gesellige Runde schmetterte. »Nicht schon wieder«, dachte Christian Ziegler. Als ihm diese Frage am Anfang seines Studienjahres in Argentinien zum ersten Mal von einem Einheimischen gestellt wurde, fühlte er sich angegriffen. »Ich habe aber schnell mitbekommen, dass die Leute hier ganz anders mit der deutschen Geschichte umgehen als wir. Viele gehen davon aus, dass es bei uns noch Nationalsozialisten gibt. So, wie es in Argentinien heute ja auch noch Peronisten gibt«, sagt der angehende Wirtschaftsingenieur, der an diesem Abend ein Bierfest in der Kleinstadt Villa General Belgrano besuchte.

Warum ist die Pizza in Japan klein wie eine Untertasse, aber unbezahlbar?

El pueblo nazi, das Nazidorf, wird dieser Ort genannt. Matrosen eines Kriegsschiffes, das 1939 im Atlantik unterging, haben Villa General Belgrano gegründet. Die Bewohner vermarkten noch heute diese Geschichte. In den Restaurants, die Alter Zeppelin oder Don Otto heißen, stehen Weißwürste auf der Speisekarte, ganzjährig läuft Volksmusik von den Zillertaler Schürzenjägern, und nicht selten kommen Souvenirjäger auf der Suche nach nationalsozialistischen Devotionalien hierher.

Argentinier lieben das Dorf mit den alpenländischen Holzhäusern. Sie empfehlen es jedem Deutschen, den sie kennenlernen, mit den Worten: »Da ist es wie bei euch zu Hause.« Für Studierende wie Christian Ziegler ist die Konfrontation mit dem, was hier als »typisch deutsch« verkauft wird, oft unangenehm.

Wer ins Ausland geht, will eine neue Kultur kennenlernen und rechnet damit, dass ihm vieles seltsam vorkommen könnte. Dennoch lassen sich böse Überraschungen manchmal weder durch eine entspannte Haltung noch durch eine gründliche Vorbereitung vermeiden. Ärger mit der Wohngemeinschaft ist das häufigste Problem, dazu kommen Eingewöhnungsschwierigkeiten, die oft unterschätzt werden, im Hinblick auf das Essen, das Klima oder die Umgangsformen.

Viele Studenten, die in Blogs über ihr Abenteuer Ausland schreiben, erwähnen nur die schönen Dinge. Dabei haben gerade die unerfreulichen Erlebnisse gute Seiten. »Nur wer sich mit schwierigen Situationen auseinandersetzen muss, sammelt nachhaltige Erfahrungen«, sagt die Germanistin Yvonne A. Henze, die an der Universität Göttingen interkulturelle Kompetenztrainings leitet.

Allein die Tatsache, eine gewisse Zeit woanders verbracht zu haben, führt nicht zwangsläufig zum Erwerb von interkultureller Kompetenz. Nicht nur im Ausland kursieren Vorurteile über die Deutschen, auch einige deutsche Studenten transportieren trotz der gestiegenen Mobilität und der internationalisierten Studiengänge gängige Klischees weiter, und so mancher kommt mit falschen Vorstellungen von »den feurigen Spaniern« oder den »lächelnden Chinesen« in seinem Gastland an. »Solche Vereinfachungen sind menschlich«, sagt Yvonne A. Henze, »erst der intensive Kontakt mit Einheimischen und die Reflexion über eigene Werte setzen einen Lernprozess in Gang.«

Christoph Leuze, der in Japan für seine Doktorarbeit in Physik forscht, hat bisher am meisten über sich selbst erfahren. Zu Beginn wunderte er sich nicht nur »über die Pizza, die hier entweder unbezahlbar ist oder maximal die Größe einer Untertasse hat«, sondern auch über eine Popsängerin, die ein rosafarbenes Hasenkostüm trug und im Rhythmus der Aliens aus dem Computerspielklassiker Space Invaders auf der Bühne tanzte.

In sogenannten maidcafes traf er als Mägde verkleidete Japanerinnen, die mit Klebeband an den Händen auf dem Boden herumrobbten, um Staub aufzuwischen. »Skurril«, sagt er, »finde ich aber nicht, dass es so etwas gibt, sondern dass einem diese Dinge nach einiger Zeit normal vorkommen.«