NS-Kriegsverbrechen Spalier am Mördergraben

Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht gehörte im Zweiten Weltkrieg der Feldgendarmerie-Abteilung 683 an, die auf der russischen Halbinsel Krim Greueltaten verübte.

Deutsche Truppen marschieren durch Simferopol – ein Foto vom 22. November 1941. Hans Heinrich Eggebrecht ist nicht zu sehen

Deutsche Truppen marschieren durch Simferopol – ein Foto vom 22. November 1941. Hans Heinrich Eggebrecht ist nicht zu sehen

Am 9. Dezember 1941 begann in Simferopol, der Hauptstadt der Halbinsel Krim, eine der größten Massenexekutionen von Juden in der südlichen Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs. Bereits in den Tagen zuvor wurden die Juden in mehreren Gebäuden der Stadt zusammengetrieben. Sie mussten, in dem Glauben, umgesiedelt zu werden, zu dem zentral in Simferopol gelegenen ehemaligen Hauptsitz der KP marschieren.

In Kolonnen von Lkw transportierte man sie an die Exekutionsstätte, einen noch von der Roten Armee angelegten Panzergraben, rund 11 Kilometer außerhalb der Stadtgrenze. Dort wurden die Menschen durch ein Spalier von Wachposten getrieben. Sie mussten ihre Schuhe ausziehen, Männer wurden von Frauen und Kindern getrennt.

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An einer weiteren Station zwang man die Opfer, ihre Oberbekleidung abzulegen. Zuletzt gelangten sie an den Graben: Kleine Erschießungskommandos von nicht mehr als zwölf Mann, zwischen denen jeweils ein weiterer Schütze mit einer Maschinenpistole stand, eröffneten mehr oder weniger gezielt das Feuer, wer noch lebte oder versuchte, sich tot zu stellen, wurde mit sogenannten Fangschüssen getötet, ein jüdisches Arbeitskommando musste, im Graben stehend, die Leichen stapeln, um Platz für weitere Opfer zu schaffen, die pausenlos herangefahren wurden. An diesem und drei weiteren Tagen, dem 11., 12. und 13. Dezember, wurden mindestens 14000 Juden auf diese Art ermordet. Eine genaue Zahl ist schon deshalb nicht mehr feststellbar, da die Täter sich nicht die Mühe des Zählens machten, Ziel des Massenmordes war ohnehin die völlige Vernichtung der Juden.

Dieses Verbrechen in Simferopol markiert mit weiteren vergleichbaren Massenhinrichtungen die Frühphase des Holocaust, der sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht als anonymes, maschinelles Auslöschen darstellte, sondern als Töten, bei dem Täter und Opfer unmittelbar miteinander konfrontiert waren.

Für den Einsatz waren unterschiedliche Einheiten abgestellt worden. Das arbeitsteilige und zugleich kollektive Vorgehen, das permanente Durchwechseln und Austauschen aller Positionen, sollte offenkundig die Täter entlasten. Gefühle von individueller Schuld und Verantwortung konnten in einem großen Täterkollektiv möglicherweise zum Verschwinden gebracht werden. Dennoch konnten Täter dieses Verbrechens später identifiziert werden. Die Ermittlungsakten verschiedenster deutscher Staatsanwaltschaften (heute für die historische Forschung gut zugänglich im Bundesarchiv in Ludwigsburg) ermöglichen die Rekonstruktion dieser Vorgänge, auch wenn die Ermittlungen in vielen Fällen nicht einmal in der Eröffnung eines Gerichtsverfahrens mündeten.

Die Enthüllung

Hans Heinrich Eggebrecht war einer der bedeutendsten Musikwissenschaftler in Deutschland. Sein Hauptwerk Musik im Abendland steht im Bücherregal vieler Musikliebhaber. Zehn Jahre nach seinem Tod enthüllt nun der Historiker Boris von Haken, dass Eggebrecht im Zweiten Weltkrieg an Massenerschießungen von Juden beteiligt war

Eine deutsche Karriere

Am 5. Januar 1919 wird Hans Heinrich Eggebrecht geboren und wächst in einem kleinen Ort im Thüringer Wald auf. 1937 legt er das Abitur ab. Zum Wintersemester 1937/38 beginnt er ein Lehrerstudium und schließt sich gleich am ersten Tag dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an. Auch bei der Hitlerjugend bleibt er über die vorgeschriebene Zeit hinaus aktiv. 1939 wird er in die Wehrmacht eingezogen, drei Monate später ist er Soldat einer Feldgendarmerie-Einheit, die an Judenmorden beteiligt ist. Vier Jahre nach Kriegsende startet er seine Universitätslaufbahn mit gefälschten biografischen Angaben. 1961 wird er Professor für Musikwissenschaft in Freiburg. Er bleibt dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1987. Am 30. August 1999 stirbt Hans Heinrich Eggebrecht

Einer der Beteiligten an diesem Massenverbrechen war der damals 22-jährige Musikstudent Hans Heinrich Eggebrecht. Als Angehöriger der motorisierten Feldgendarmerieabteilung 683 war er an allen Stadien, an allen Phasen der Ermordung der Juden in Simferopol beteiligt. Die Biografie von Eggebrecht entspricht in vielem den Konventionen der Zeit. Er wächst auf in der Kleinstadt Schleusingen, am Rande des Thüringer Waldes, in die sein Vater als Pfarrer und Superintendent versetzt worden war.

Leser-Kommentare
    • xpeten
    • 20.12.2009 um 20:28 Uhr

    von kleinen und größeren Eggebrechts. Wahrscheinlich sind sie sogar immer noch mehrheitsfähig. Jedenfalls bekommen sie z.Zt. wieder Oberwasser, erkennbar an immer frecherer und immer unverhohlenerer fremdenfeindlicher und rassistischer Hetze.

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    die unglaublichen Verbrechen in die Eggebrecht mutmasslich verwickelt war, für Ihr tagespolitisches Süppchen zu vereinnahmen. Pfui!

    die unglaublichen Verbrechen in die Eggebrecht mutmasslich verwickelt war, für Ihr tagespolitisches Süppchen zu vereinnahmen. Pfui!

  1. Die Breite solchen Seins lässt einen ratlos zurück.

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    • xpeten
    • 22.12.2009 um 11:46 Uhr

    Was genau finden Sie daran so ungewöhnlich? Schauen Sie sich doch einmal die Biographien anderer Naziverbrecher an, oder die Biographien von denen, die im Spanischen Bürgerkrieg "tätig" waren, oder in Szrebrenica, etc., etc.

    @3 sprechen Sie mit mir?

    • xpeten
    • 22.12.2009 um 11:46 Uhr

    Was genau finden Sie daran so ungewöhnlich? Schauen Sie sich doch einmal die Biographien anderer Naziverbrecher an, oder die Biographien von denen, die im Spanischen Bürgerkrieg "tätig" waren, oder in Szrebrenica, etc., etc.

    @3 sprechen Sie mit mir?

  2. die unglaublichen Verbrechen in die Eggebrecht mutmasslich verwickelt war, für Ihr tagespolitisches Süppchen zu vereinnahmen. Pfui!

  3. Hört denn diese Selbstzerfleischung niemals auf? Der heldenhafte Kampf gegen den allgegenwärtigen deutschen Nazismus wird um so heldenhafter geführt, je länger diese Zeit zurückliegt.

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    • xpeten
    • 23.12.2009 um 12:02 Uhr

    @Rainer Unsinn, man kann doch, erst recht als Deutscher, nicht oft genug auf Tendenzen aufmerksam machen, die Massenphänomene wie den Nationalsozialismus erst möglich machen.

    Diskussionen um Einwanderung, "Volksempfinden", Minarettverbote, etc., aber auch Kommentare, die zum endlichen Vergessen deutscher Schandtaten auffordern, lassen eine erhöhte Wachsamkeit geboten erscheinen. Die Fähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, ist beileibe nicht jedem in die Wiege gelegt.

    • xpeten
    • 23.12.2009 um 12:02 Uhr

    @Rainer Unsinn, man kann doch, erst recht als Deutscher, nicht oft genug auf Tendenzen aufmerksam machen, die Massenphänomene wie den Nationalsozialismus erst möglich machen.

    Diskussionen um Einwanderung, "Volksempfinden", Minarettverbote, etc., aber auch Kommentare, die zum endlichen Vergessen deutscher Schandtaten auffordern, lassen eine erhöhte Wachsamkeit geboten erscheinen. Die Fähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, ist beileibe nicht jedem in die Wiege gelegt.

  4. Wie dem auch sei:
    Auf jeden Fall hat Boris von Haken einen Jackpot geknackt. Musikwissenschaftler, Historiker, das sind nicht gerade Brotberufe. Am Lukrativsten ist es dann, NS-Verstrickungen berühmter Persönlichkeiten aufzudecken und dann Skandalbücher zu verkaufen. Umgekehrt, wenn ein Historiker sich beispielsweise mit Kriegsverbrechen der Briten oder USA während des 2. Weltkrieges auseinandersetzen würde, schriebe er sich um Kopf und Kragen, verlöre seine Professur und damit seine Existenzgrundlage. So erklärt sich eine gewisse Tendenziosität der Geschichtsschreibung.
    Vor 200 Jahren baute, komponierte, schrieb, malte man für die Ewigkeit. Heute wird nur noch "entzaubert", "am Mythos gekratzt", "in Frage gestellt" und "entlarvt".

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    Was bitte ist, und wie soll man erkenne, eine "bestimmte Tendenziösität der Geschichtsschreibung"? Die Geschichte 1933 bis 1945 gibt es nun mal; wäre es besser, sie unter den Teppich zu kehren? Das Problem ist eben, dass die Nazizeit unsere ganze moderne Geschichte prägt: wo gibt es denn so etwas, einen völligen Absturz eines modernen, großartigen, kultivierten Landes in einen Rassewahn mit vielen, vielen Millionen Toten? das bleibt eben ein immenses Rätsel und es ist richtig, daran weiter zu forschen.

    Sie schrieben, "wenn ein Historiker sich beispielsweise mit Kriegsverbrechen der Briten oder USA während des 2. Weltkrieges auseinandersetzen würde, schriebe er sich um Kopf und Kragen, verlöre seine Professur und damit seine Existenzgrundlage." - Haben Sie einfach bloß keine Ahnung und reden nur dumm daher, oder war das eine bewusste Lüge? Kein Geschichtsprofessor kann seine Professur verlieren, indem er sich mit einem Thema seiner Wahl methodisch korrekt auseinandersetzt. Und selbst grobe Patzer könnten aufgrund der Freiheit der Wissenschaft keinen Beamten die Stelle, wohl aber freilich den Ruf als ernstzunehmender Wissenschaftler, kosten. Also, wovon reden Sie überhaupt?

    Was bitte ist, und wie soll man erkenne, eine "bestimmte Tendenziösität der Geschichtsschreibung"? Die Geschichte 1933 bis 1945 gibt es nun mal; wäre es besser, sie unter den Teppich zu kehren? Das Problem ist eben, dass die Nazizeit unsere ganze moderne Geschichte prägt: wo gibt es denn so etwas, einen völligen Absturz eines modernen, großartigen, kultivierten Landes in einen Rassewahn mit vielen, vielen Millionen Toten? das bleibt eben ein immenses Rätsel und es ist richtig, daran weiter zu forschen.

    Sie schrieben, "wenn ein Historiker sich beispielsweise mit Kriegsverbrechen der Briten oder USA während des 2. Weltkrieges auseinandersetzen würde, schriebe er sich um Kopf und Kragen, verlöre seine Professur und damit seine Existenzgrundlage." - Haben Sie einfach bloß keine Ahnung und reden nur dumm daher, oder war das eine bewusste Lüge? Kein Geschichtsprofessor kann seine Professur verlieren, indem er sich mit einem Thema seiner Wahl methodisch korrekt auseinandersetzt. Und selbst grobe Patzer könnten aufgrund der Freiheit der Wissenschaft keinen Beamten die Stelle, wohl aber freilich den Ruf als ernstzunehmender Wissenschaftler, kosten. Also, wovon reden Sie überhaupt?

  5. Trotz der Verwerflichkeit dieses verhaltens muss die Wissenschaft prinzipiell frei von psychologisierenden Einfluessen betrachtet werden.
    Es ist ja schon lange bekannt, dass es vielen engagierten Nazis spaeter moeglich war, nahezu unbehelligt ein traditionelles buergerliches Leben aufzunehmen.

    Ob jedoch das Werk eines Wissenschaftlers, gleich auf welchem Gebiet, davon betrofen sein muss, ist eine andere Frage.

  6. Was bitte ist, und wie soll man erkenne, eine "bestimmte Tendenziösität der Geschichtsschreibung"? Die Geschichte 1933 bis 1945 gibt es nun mal; wäre es besser, sie unter den Teppich zu kehren? Das Problem ist eben, dass die Nazizeit unsere ganze moderne Geschichte prägt: wo gibt es denn so etwas, einen völligen Absturz eines modernen, großartigen, kultivierten Landes in einen Rassewahn mit vielen, vielen Millionen Toten? das bleibt eben ein immenses Rätsel und es ist richtig, daran weiter zu forschen.

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