Computerspiel "Farmville" Frau sucht BauerSeite 2/2

Leistung bringt den Spieler weiter. Nichtsnutziges oder deviantes Benehmen existiert in Farmville nicht. Es gibt einfach keine Bedienelemente dafür, am besten, ich vergesse mein Bedürfnis danach. Dermaßen trainiert, fällt mir die Arbeit im Büro gleich leichter. Mit Gleichgesinnten tausche ich Ratschläge aus, mit welcher Gemüsesorte sich das meiste Geld verdienen lässt. Es entstehen besondere Freundschaften: Ich bekomme eine Nachricht: »Judith hat deine Felder gedüngt.«

Die Gute! Ich dünge also auch ihre Felder. Dafür kriege ich Geld. Vorteile erwirbt man sich in Farmville nämlich mit Fleiß und sozialen Kontakten. Man kann seine Farm nur vergrößern, wenn man Nachbarn hat. Nachbarn sind Freunde aus dem Facebook-Netzwerk, die auch Farmville spielen. Ein kaum verhohlenes Kosten-Nutzen-Kalkül kolonisiert jetzt meine sozialen Bindungen. In Farmville proben meine Facebook-Freunde und ich für den Netzwerk-Kapitalismus, in dem Kommunikation und Beziehungen Geld wert sind.

Denn wer keine Freunde hat, muss sich – wie leicht einzusehen ist – Farmville-Geld und Grund mit echtem Geld kaufen und per Kreditkarte bezahlen. 70600 Farmville-Münzen kosten 40 Dollar. Dieses Geld, mit dem die Spieler von Farmville und etlichen ähnlichen Onlinespielen virtuelle Güter erstehen, bringt der Spielefirma Zynga nach eigenen Angaben 90 Prozent ihrer Einnahmen. Mit der Popularität virtueller Waren stehe man am Anfang einer New Economy, die die Zukunft des Internets sein könnte, meint der Gründer des florierenden Start-ups, Marc Pincus.

Auf der Suche nach lukrativen Verdienstmöglichkeiten im Netz ist das Unternehmen allerdings in letzter Zeit übel ins Gerede geraten. Dubiose Werbung in seinen Onlinespielen versprach den Spielern virtuelles Geld, wenn sie Produkt- und IQ-Tests mitmachten, hinter denen sich Kosten und Abonnements verbargen, die schwer wieder zu kündigen waren. In Kalifornien ist deshalb im November eine Sammelklage gegen Zynga und Facebook eingereicht worden.

Inzwischen hat Zynga die faulen Anzeigen aus dem Spiel genommen. Vermutlich auch, weil eines noch gefährlicher für eine Internetfirma ist als eine Schadensersatzklage: der Verlust des guten Rufes im Netz. Dass etwa das fast identisch funktionierende Spiel Farmtown so viel weniger Spieler hat als Farmville, kann nur an dem Schneeballeffekt liegen, der sich ergibt, weil die Spiele aufregender werden, je mehr Freunde mitspielen. Fühle ich mich aber von hinterhältigen Anzeigen belästigt, ziehe ich eben morgen auf einen anderen virtuellen Bauernhof und nehme vielleicht drei Freunde mit, die wiederum drei Freunde zum Auswandern überreden, und dann wird es in Farmville ganz schnell öde.

Indessen hat Zynga neue Erfolge zu vermelden. Bei seiner neuen Facebook-Application Fishville haben sich seit der Veröffentlichung im November 26,2 Millionen Menschen angemeldet. Damit rückt das Spiel dem älteren Konkurrenten Happy Aquarium an Beliebtheit gefährlich nahe. Es betäubt durch unbestechliche Nettigkeit. Man hat ein Aquarium und kauft sich Fische. Man füttert sie, sie werden größer und teurer, dann kann man sie verkaufen und sich noch buntere Fischlein kaufen.

Leider bin ich etwas gestresst, seit ich auch noch auf die Fische aufpassen muss. Wenn man sie nicht füttert, schwimmen sie am nächsten Tag mit dem Bauch nach oben, das ist sehr traurig. Ich stehe jetzt morgens zwei Stunden früher auf, um den Weizen auf meiner Farm zu ernten. Ich bin wirklich sehr erschöpft. Aber ich könnte jederzeit damit aufhören. Nur bis ich eine Villa habe, spiele ich noch.

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Leser-Kommentare
  1. Ein wunderbarer Artikel! Ich habe mich v.a. über diese Zahlen gewundert. Auch in meinem Bekanntenkreis hat sich seit langem das polarisierende FarmVille-Phänomen breit gemacht und ich gebe zu (stolz bin ich nicht darauf) selbst eine Farm zu bewirtschaften. Mit Langeweile hat es angefangen, nun ertappe ich mich dabei, teils sogar meinen Zeitplan nach den Erntezeiten zu richten...

    Aber das Spiel bindet einen auf zwei Art und Weisen:

    Einerseits hat man stets das Bedürfnis, ökonomisch zu handeln, strebt also immer weiter auf und nichts ist schlimmer, als investiertes, durchaus erarbeitetes Geld verwelken zu sehen! Auch scheint es ein Wettbewerb zu sein: Wer hat die größte, schönste Farm? Und Zynga belohnt den fleißigen Spieler mit Medaillen für tolle Ernten oder Erfahrungspunkten, die einen in die nächste Level bringen. Wieso also aufhören, wenn man kontinuierlich für seine "Arbeit" bestätigt wird?

    Außerdem kann man nicht leugnen, das FarmVille abwechslungsreich ist und immer Neues bietet: zu Weihnachten konnte man sich beschenken und die Geschenke unterm Baum legen, letzte Woche gabs gratis Sprit für seine Traktoren, und immer wieder posten Freunde, dass sie einsame Tiere auf ihrer Farm gefunden haben und sie zur Adoption freigeben. Wenn man schon nicht aktiv wirtschaftet, schaut man zumindest vorbei, um zu entdecken, was es Neues gibt.

    Es ist eine heile kleine Welt, friedlich und niedlich, einfach unwiderstehlich, voll helfender Freunde und Auszeichungen. Wieso also nicht?

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