Die Hauptakteure im Soul Kitchen (von links): Sokrates (Demir Gökgöl), Lucia (Anna Bederke), Illias (Moritz Bleibtreu), Zinos (Adam Bousdoukos), Nadine (Pheline Roggan), Lutz (Lucas Gregorowicz), Shayn (Birol Ünel) © Pandora Film GmbH & Co. KG

In Frittenbuden beginnen viele gute Hamburger Geschichten, und dort enden sie in den meisten Fällen auch wieder. In der Zwischenzeit holen sich junge Männer blutige Nasen und trinken sehr viel Bier. Mädchenherzen, scheinbar im ewigen Eise festgefroren, werden mir nichts, dir nichts gebrochen. Die Straßen sind grau wie der Himmel, und in St. Pauli verfallen die Häuser. Aber die Liebe lebt. Das ist so ungefähr die Stimmung. Fatih Akin hat schwer daran gearbeitet, um in Soul Kitchen diese Atmosphäre zu erzeugen. Der Kiezgeruch und der Partykrach, die »Ey, Alder«-Typen und die wortkargen Barfrauen, das Wasser, die Abstürze, die Tatoos am Arm und am Arsch, eigentlich ist das schon die halbe Geschichte, und wenn man ehrlich ist: besser als diese selbst.

Akin spekuliert in seinem neuen Film darauf, dass das Kolorit stimmt, während sich seine Story so durchmogelt. Er muss darauf hoffen, dass der Zuschauer sich mit hohem Tempo von Gag zu Gag, von Einfall zu Einfall, Spruch zu Spruch mitreißen lässt, denn wenn man an Soul Kitchen den Maßstab einer Kiezgeschichte aus dem gelebten Leben anlegte, würde über dem Film der Blues ausbrechen wie nach einer Nacht mit öligen, bunten Schnäpsen. Dabei ist die Geschichte im Prinzip nicht übel: Zinos (Adam Bousdoukos) besitzt ein Restaurant namens Soul Kitchen – die Musik ist viel besser als das Essen – , und zwar in Wilhelmsburg, wo Hamburg noch nicht so schick ist. Er hat einen kleinkriminellen Bruder namens Illias (Moritz Bleibtreu), der als Freigänger aus dem Knast kommt und das kleine Wilhelmsburger Leben aufmischt. Außerdem hat Zinos eine unsympathische Freundin namens Nadine, eine karrierewillige blonde Eisente aus gutem Hause, die als ZEIT - Korrespondentin (heh, heh) unbedingt nach Shanghai gehen will und in Zinos Leben eine große Leere hinterlässt, die er wieder füllen will, indem er ihr bald nachreist.

An dieser Stelle rufen wir bereits: »Bleib bloß hier!« und sind mittendrin. Wir sind ziemlich angetan davon, wie rasch und sicher Akin die Fäden zu einer soliden Alltagswahnsinnsgeschichte aufnimmt, die im Prinzip natürlich überall, beispielsweise auch in Braunschweig, spielen könnte, wir sind aber auch davon angetan, wie er mit gehöriger Selbstironie alte und neue Hamburg-Klischees einflicht. Erfolgreiche, aber gute Kneipen, Clubs, Restaurants zu machen, das war in den Achtzigern und Neunzigern eine Art Aufsteigersyndrom in Hamburg, bis die Fernsehköche kamen. Raus aus dem Ghetto mit Jugendkultur – das ist die mittlerweile vergilbte Postkarte als Hintergrund für diesen Film. Wenig später läuft Zinos der zornige Koch Shayn (Birol Ünel) zu, der auch schon mal mit dem Messer wirft, wenn einer seine Kunst nicht zu schätzen weiß. Das Soul Kitchen nimmt einen gewaltigen Aufschwung. Die Kids tanzen und essen – und bezahlen hinterher sogar ihre Rechnung. Die Steuerschuld wird beglichen, eine Edelstahlküche kocht noch besser. Es sieht aus, als könnte Zinos es schaffen, richtig nach oben zu kommen. Wenn da nicht der Bruder wäre, der den Laden in einer Nacht verzockt, nachdem er ihn überschrieben bekommen hatte. Weil Zinos ja nach Shanghai will…

Irgendwann in der Mitte finden wir, dass der Film aufgeregt und doch irgendwie müde ist. Er findet keinen Rhythmus. Er wollte eine Geschichte der Liebe zwischen Männern und Frauen sein, zwischen Brüdern, der Liebe zum Essen, er wollte eine Aufsteigergeschichte erzählen, über Jugendkultur, über Krankheit und Heilung, Oben und Unten, Gut, Böse. Und dann ist er kaum noch etwas von alldem, sondern eine episodenreiche deutsche Comedy. Man müsste sie wohl »quirlig« nennen: Episoden zuhauf, aber keine Richtung. Tolle Schauspieler für die Nebenrollen (Anna Bederke oder Wotan Wilke Möhring), aber ohne wirkliche dramatische Funktion, eher Requisiten, die bei Gelegenheit glänzen dürfen. Im Grunde hält nur die Hauptfigur alle Erzählstränge zusammen, und diese Konzentration aus Schwäche verstärkt die Tendenz zum Gagwirbel, zum überdrehten Spiel.

Die Wahrheit ist, dass hier das Lokalkolorit mit der Zeit von den Genregesetzen der neuen deutschen Filmcomedy aufgesogen wird. Das gelebte Leben, der Charme des Spontanen, Ungebürsteten, Schmuddeligen, das Klaus-Lemke- oder vielleicht sogar Scorsesehafte verschwindet. Das Drehbuch siegt in Soul Kitchen einigermaßen früh über das Milieu, aber eine solide Filmkomödie kommt deswegen noch nicht zustande. Wir sehen, dass Akins Erzählfäden nicht zusammenlaufen, und so fürchten wir das Ende, weil am Ende ja doch eine Auflösung stehen muss. Das Ende ist denn auch ziemlich schrecklich, weil richtig weihnachtlich happy.

Es gibt keinen Grund, wieso die jungen und auch die nicht mehr so jungen Männer den ganzen Film lang rumbrüllen oder erregt mit den Armen fuchteln müssen. Denn es gibt in Wirklichkeit kein großes Drama der Hauptfigur. Frau weg, Laden weg, Bandscheibenvorfall – das ist zu viel und zugleich zu wenig, zu viel Trubel ist auch eine Form des Gleichmaßes. Ein Beispiel: Zu den überflüssigsten Schnörkeln dieses Films gehört die Episode mit dem aphrodisierenden Dessert. Der Koch reibt eine gewisse Rinde in die Crème, und hinterher fallen alle übereinander her. Man könnte die Orgie ertragen, wenn dieser Regieeinfall nicht am Ende tragende Bedeutung erhielte: Irgendwie muss der böse Immobilienspekulant ja bestraft werden, der anstelle des Soul Kitchen eine Shopping-Mall bauen will. Aber wenn sein Untergang besiegelt ist, weil er den eigenen Spruch »Ich habe das Finanzamt gefickt« allzu wörtlich nimmt, ist das bloß: lustig. Akins Geschichte ist nicht gebaut, da entwickelt sich nichts, sondern sie hangelt sich von Pointe zu Pointe. Gutes Kinohandwerk sieht anders aus.

Die Marke Fatih Akin funktioniert auf Dauer nur, wenn sie regional bleibt und ihre Milieus nicht verrät, indem sie sie karikiert. In Soul Kitchen sind Verismus und Witzigkeit ganz schön aufeinander zugerast, und es sieht am Schluss nicht gut aus für das Echte. Akin hat das Hamburg, aus dem er kommt, komödienfähig gemacht. Aber ein Hamburg-Film ist das eigentlich nicht. Vielleicht erklärt das auch, warum Moritz Bleibtreu hier so schlecht ist. Er kaspert sich von Szene zu Szene, und natürlich würde so eine Figur keine Woche unter rauen Brüdern überleben, geschweige denn eine gute Frau abkriegen. Bleibtreu spielt hier konsequent deutsche Comedy, wo dem Regisseur ursprünglich womöglich etwas Vielschichtigeres vorgeschwebt hatte. Aber das hat Drehbuch und Produktion nicht überlebt. So bleibt der Eindruck zwiespältig, Bleibtreu spielt sich ewig nach vorn, und das geht gehörig auf die Nerven. 

Was jedoch wirklich für den Film einnimmt, ist der Umstand, dass er in keiner Sekunde zu so etwas wie migrationspolitischen Meditationen auffordert. Zum Gefasel über richtig oder falsch oder gar nicht integrierte Ausländer gibt diese Geschichte keinen Anlass. Das ist erholsam. In dieser Hinsicht ist der Film sicherlich weiter als viele seiner politisch korrekten Förderer und Interpreten. Hier sind die Hanseaten die Minderheit, eine komische Parallelgesellschaft mit krausen Sitten und Gebräuchen, insbesondere wenn es um ihre Heiratsregeln geht. Auf seinem langen Weg von Frittenbude zu Frittenbude hat der Hamburger Held immer auch mal mit dieser Welt Berührung. Sie mag ihn nicht, er sie auch nicht. Der Weg nach oben führt nicht dorthin. Immerhin das ist bei Fatih Akin ganz eindeutig.