Everglades City war einmal eine richtige Stadt am Golf von Mexiko mit palmengesäumten Avenuen, an denen das Gericht, die Bank und die Kirche lagen. Es gab eine Schule für schwarze und eine für weiße Kinder, eine Werft, Sägemühle, Gefängnis, Bahnhof und Countryclub und die einzige Trambahn südlich von Tampa. Die Indianer durften umsonst damit fahren, weil sie geholfen hatten, die Trasse für die Überlandstraße durch das schwimmende Gelände im Südwesten Floridas zu schlagen. Sonntags ging es in Everglades City hoch her mit Melonenwettessen und Schlangenkämpfen vor dem Gerichtsgebäude. Das war um 1930.

Heute steht der Bau mit den weißen Säulen allein an einem sinnlosen Kreisverkehr. Entlang des alten Straßenrasters verteilen sich Holzhäuser auf Stelzen. Dahinter beginnen schon die Mangrovensümpfe. Everglades City hat 600 Einwohner und das Flair einer Frontstadt im wilden Süden, deren Bürger dabei sind, ihre Klamotten zusammenzuraffen und abzureisen. Nur der Tourismus funktioniert noch. Im Winter verzehnfacht sich die Einwohnerzahl. Auf dem gepflegten, mit Palmen und Hibiskus bepflanzten Caravan-Platz am Barron River ist dann jede Parkbucht besetzt.

Kanuflotten stechen vom Pier aus in die Gewässer des Hinterlands, wo schiefe Holzhäuser mit vom Salzwind blinden Scheiben im Grün versinken. Fischadler kreisen; weiße Silberreiher schweben wie Gespenster durch den Mangrovenwald. In der Dämmerung glühen die Augen der Alligatoren im Strahl der Stirnlampe wie Fahrradrückleuchten, ehe die Panzerköpfe abtauchen und man das Wasser mit dem Paddel nur sehr vorsichtig schürft.

Der Mensch war in den Everglades nicht vorgesehen. Seine Tätigkeiten – Holzfällen, Entwässern, Bauen – vertragen sich schlecht mit tropischen Stürmen, tierischem Beharren und einem unbedingten Einkrautungswillen. Irgendwann haben die Leute ihre Grapefruitplantagen und Tomatenfelder aufgegeben und der Wildnis überlassen. Sie ist das Pfund, mit dem Everglades City heute wuchert. Die Gemeinde grenzt an riesige Naturparks und zieht Sumpftrotter mit unterschiedlichen Vorstellungen von einem gelungenen Urlaub an: Angler, Camper, Kajakfahrer, Vogelbeobachter, Orchideenanbeter und Orchideendiebe.

Wegen der wilden Orchideen sind wir gekommen. Sie sprießen im Südwesten Floridas zwar nicht gerade wie andernorts Butterblumen, aber üppiger als in den restlichen USA zusammen und ganz besonders im Fakahatchee Strand Preserve State Park nördlich von Everglades City. 47 Arten hat Mike Owen, Biologe und Ranger, im sogenannten Amazonasbecken von Nordamerika aufgespürt. Er hat sie vermessen, kartografiert und in einer Datenbank erfasst. Im Winter führt er Naturfreunde durch die Sümpfe, erklärt das filigrane Zusammenwirken von Wasser, Temperatur und dem Gedeihen tropischer Orchideen. »Sie glauben, sie seien noch in der Karibik«, sagt er und grinst, als hätte er die Pflanzen persönlich überlistet, sich in seinem Einzugsbereich niederzulassen. Owen, 49, ein langer Mensch mit glattem Jungengesicht und grauem Haarkranz, wurde vor 16 Jahren vom Orchideenfieber gepackt, das bei ihm Arme, Beine, Mund und Kopf in ständiger Bewegung zu halten scheint. »Fakahatchee bedeutet in der Stammessprache der Seminolen schlammiges Wasser. Für mich bedeutet es das Paradies«, sagt er und schwenkt die Arme nach rechts und links über das amphibische Gelände.

Wir stehen auf der Staubstraße, die 20 Meilen schnurgerade durch die Sümpfe von Fakahatchee führt; ein kleiner Wandertrupp, Mike und seine Freundin Dana, jeder mit einer langen Stange gerüstet. »Das ist Mikes private Schlammpfütze; sein tausend Quadratmeilen großer Spielplatz«, sagt Dana. »Er ist der Peter Pan von Fakahatchee.« Zugleich ist er der Erzengel Michael, der Unbefugten den Eintritt in sein Paradies verwehrt. Wilde Orchideen werden gern gestohlen, und in Fakahatchee wachsen allein 370 Exemplare der äußerst heimlichen und hochbegehrten Geisterorchidee.

Sie sprießt blattlos aus einem Wurzelgeflecht, das wie ein Netz halbierter grüner Spaghetti auf der Rinde ausgesuchter Bäume klebt. Dendrophylax lindenii blüht als weißer Stern mit einer vorgeschobenen dicken Unterlippe, die an den Enden in zwei langen Locken ausläuft, sodass sie aussieht, als trüge sie einen nach unten gezwirbelten Schnurrbart. Wanderer führt Mike Owen nur auf Umwegen zu ihren Standorten. Trotzdem sind einige seiner ghosts verschwunden, und er mutmaßt, dass der Dieb ein GPS in der Tasche trug. Inzwischen führt er genau Buch über die Teilnehmer seiner Touren.