Gespräch mit Fatih Akin"Meine Mutter jagte meine Freunde davon"

Fatih Akin erzählt, was seinem Leben eine Wende gab

ZEITmagazin: Herr Akin, Sie waren in Ihrer Jugend Mitglied einer kriminellen Gang. Wie kam es dazu?

Fatih Akin: Meine Eltern kamen in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Ich wuchs in Hamburg-Altona auf, in einer Trabantenstadt mit vielen Ausländern. Anfang der Achtziger, als die Gastarbeiter nicht mehr gebraucht wurden, kam es zu verschärfter Ausländerfeindlichkeit. Nachdem 1985 Ramazan Avc von Skinheads totgeprügelt worden war, bildeten sich die ersten Gangs. Sie hatten einen politischen Hintergrund: sich gegen Übergriffe von Neonazis zu verteidigen. Vorbild waren die Straßengangs, die in US-Filmen romantisiert wurden. Die türkischen Gruppen trugen Bomberjacken mit dem Namen der Gang und Gürtel mit Nieten. Das fand ich stark. Ich wollte dazugehören. Ich war damals zwölf und hing dauernd mit der Gang rum, die sich im "Haus der Jugend" traf – ganz in der Nähe einer Bücherhalle, zu der meine Mutter mich schickte. Sie war Lehrerin und wollte, dass ich lese.

ZEITmagazin: Und auf dem Weg dorthin landeten Sie bei der Gang?

Akin: Ich führte ein richtiges Doppelleben. Zuerst schlich ich mich in die Bücherhalle, lieh mir Bücher aus und versteckte sie. Dann nahm ich meine Brille ab, die ich wegen meiner Kurzsichtigkeit trug, und ging in den Jugendtreff. Gangmitglieder tragen keine Brille, und Lesen war verpönt. Ich habe aber gern gelesen.

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Fatih Akin

Fatih Akin, 36, erhielt für seinen Film Gegen die Wand 2004 den Goldenen Bären und wurde international bekannt. Akin ist Sohn türkischer Einwanderer und beschäftigt sich als Regisseur immer wieder mit interkulturellen Themen. In Kürze läuft sein Film Soul Kitchen an.

ZEITmagazin: Trotzdem fühlten Sie sich in der Gang wohl?

Akin: Mit den Türken konnte ich auf einer anderen Ebene kommunizieren als mit meinen deutschen Freunden. Es gab mir ein Gefühl der Stärke, zu einer Gang zu gehören. Und es war die Lust am Abenteuer und am Verbotenen.

ZEITmagazin: Machten Sie bei Aktionen der Gang mit?

"Das war meine Rettung"

Herlinde Koelbl gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer neuen Gesprächsreihe "Das war meine Rettung". Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berühmt.



Akin: Erst später, mit 16. Da habe ich eine Gang mitbegründet – die Türk Boys. Ich habe mich viel geprügelt, wenn es darum ging, das Revier zu verteidigen.

ZEITmagazin: Haben Sie in Ihrer Familie Gewalt erlebt?

Akin: Ein Vorbild, Konflikte körperlich zu bewältigen, war mein Vater. Mit zehn habe ich miterlebt, wie er sich prügelte. Er wurde von drei Männern angepöbelt. Echte Schränke waren das. "Wenn ihr euch traut", sagte mein Vater, "kommt doch einzeln!" Und er hat sie alle drei plattgemacht. Das hat mich sehr beeindruckt.

ZEITmagazin: Und später haben Sie sich genauso geprügelt?

 Akin: Einmal hatten wir Streit mit einem Jugoslawen. Der war viel krimineller als wir, kaltblütiger. Er sagte: "Wir machen das jetzt Mann gegen Mann!" – genau wie mein Vater. Ich war der Erste, der sich mit ihm duellierte. Aber obwohl ich Kampfsport machte, hätte er mich fast in Stücke gehauen. Meine Freunde kamen mir zu Hilfe, mit Baseballschlägern und Ketten. Die haben ihn wirklich sehr blutig geschlagen.

ZEITmagazin: Sie gerieten also immer tiefer hinein in das Gangleben?

Akin: Ja, es gab auch Probleme mit der Polizei. Ich wurde immer wieder in Handschellen nach Hause gebracht. Aber nur wegen Prügeleien. Ich habe mich nie an Autodiebstählen oder Einbrüchen beteiligt. Und ich habe nie Heroin genommen oder gedealt oder für Junkiemädchen den Zuhälter gemacht, so wie meine Freunde. Die sind alle gescheitert. Abgeschoben, Gefängnis, Überdosis...

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

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ZEITmagazin: Warum ist es Ihnen anders ergangen? 

Akin: Ich wechselte rechtzeitig zu einer rein politischen Gruppe. Deren kriminelle Energie beschränkte sich darauf, Graffiti zu sprühen und sich mit Rechten zu prügeln.

ZEITmagazin: Dieser Wechsel hat Sie gerettet?

Akin: Es gab mehrere Faktoren. Einmal war ich damals sehr religiös. Jede Woche ging ich in die Moschee zum Freitagsgebet und spielte sogar mit dem Gedanken, Priester zu werden. Der Koran ist viel alttestamentarischer als das Evangelium. Der Gott darin ist ein Gott, vor dem man sich fürchten muss. Mit dieser Angst bin ich aufgewachsen, weshalb ich nicht klaute und keine Drogen nahm. Noch entscheidender aber war meine Mutter. Sie machte es zu ihrer Lebensaufgabe, mich zu retten. Sie redete mit den Lehrern, jagte meine Freunde davon und verfolgte mich bis ins Jugendhaus. Das war mir peinlich vor den anderen, aber ich hatte auch Mitleid mit ihr. Sie war damals an Brustkrebs erkrankt und drohte mir mit der Dramatik einer türkischen Mutter: "Du rettest mich jetzt, indem du gut wirst in der Schule und aufhörst, Scheiße zu bauen. Sonst sterbe ich."

ZEITmagazin: Und sie hatte Erfolg mit dieser Erpressung?

Akin: Ja, ich schaffte dann das Abitur. Und ich fing früh an zu arbeiten, als Fahrer und Beleuchter beim Film. Man könnte sagen: Mein Vater hat mich durch sein Vorbild in diese Strukturen gebracht – und meine Mutter hat mich da wieder rausgeholt.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl

 
Leserkommentare
  1. 1. Gewalt

    "Der Koran ist viel alttestamentarischer als das Evangelium. Der Gott darin ist ein Gott, vor dem man sich fürchten muss. Mit dieser Angst bin ich aufgewachsen, weshalb ich nicht klaute und keine Drogen nahm."

    Wie seltsam - Gewaltverherrlichung und Gewaltausübung sind o.k., Diebstahl und Drogen nicht?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist zum beispiel Auge um auge - Zahn um Zahn, man könnte sich nu drüber streiten ob das ein aufruf zur gewalt oder verherrlichung ist.

    ist zum beispiel Auge um auge - Zahn um Zahn, man könnte sich nu drüber streiten ob das ein aufruf zur gewalt oder verherrlichung ist.

  2. ist zum beispiel Auge um auge - Zahn um Zahn, man könnte sich nu drüber streiten ob das ein aufruf zur gewalt oder verherrlichung ist.

    Antwort auf "Gewalt"
  3. Vorzeigefilmemacher zieht über den Islam her.

  4. Ich versteh beim besten Willen nicht, wie man über das Gesagte auf Gewaltverherrlichung und "über den Islam herziehen" kommen kann.

    Wachen Sie auf: Es gibt in westlichen Städten Zonen und Milieus, die den Arm des Gesetzes nur aus der Ferne kennen. Manche können nun so tun als wäre Religion der Grund, dann möge man aber beweisen warum bei vielen "Aussiedlern" (Russlanddeutsch etc) genau dieselben Gewaltprobleme existieren.

    Stellen Sie sich vor, sie lebten in einer Anarchie, und eine Gemeinschaft möchte Regeln aufstellen, um das Gesetz des Stärkeren aus der Welt zu schaffen. Können Sie eine gerechtere Regel als "Auge um Auge" aufstellen? Ist nicht auch im deutschen Rechtssystem die _Angemessenheit_ einer Strafe zu einer zu bestrafenden Tat wichtig?

    Ohne Vertrauen in den Staat macht man seine eigenen Gesetze. Dieses Vertrauen aufzubauen ist nicht allein Sache von Ausländern oder sozial Schwachen. Da müssen alle mitmachen.

  5. Haette mir eine etwas andere Vergangenheit von Fatih vorgestellt.

    Andererseits ist es nicht leicht, Auslaender, insbesondere Türke zu sein in Deutschland. Man muss sich mit den Mitteln eines Imigranten (Einwohners mit sog. Imigrationshintergrund) behaupten. Da sind die Methoden rau. Oft gibts eben kein Pardon.

    Akin ist in diesem Umfeld des Zwiespaalts aufgewachsen. Keiner hat ihm einen goldenen Teppich vor die Füsse gerollt. Er hat es sich erkaempft wie seinerzeit Dschingis Khan.

    Nur so konnte er Fatih Akin werden. Sowohl Deutsche als auch Türken sind stolz auf ihn.

  6. Völlig egal, welche "Ali Baba" Gute-Nacht-Geschichte erzählt wird:
    Was hat er geplärrt,- wegen der Schweiz?!

    An No. 5:
    Stolz? Bin ich... ja... aber nicht auf dieses Waschweib,- sondern auf die Schweiz!

  7. und seine Kommentare im Interview auch nicht.

    Jeder sucht sich eine Rechtfertigung, die haben eine Gang gegründet wegen der Rechten.

    Dann haben sie sich mit einem Jugoslawen geprügelt und später gegen jeden § in Deutschland verstoßen.

    Herr Akin, dann wundern sie sich nicht, wenn es immer mehr Deutsche werden die solche Menschen nicht in Deutschland haben möchten.

    Außerdem glaube ich ihnen kein Wort.
    Hier geht es wieder mal um Werbung, ein Faß aufmachen und so den neuen Film vermarkten.

    • Ota
    • 24.12.2009 um 14:10 Uhr

    Leute, lest erst einmal genau, was Fatih gefragt wurde und was er antwortete. Wenn Ihr dann außerdem persöhnliche Erfahrungen mit den Lebensumständen Jugendlicher mit sog. "Migrationshintergrund" habt, dann gebt Euren Senf dazu !
    Dann wißt Ihr, wovon Ihr schreibt. Aus den meisten Kommentaren spricht die blanke Ahnungslosigkeit!
    Wer nichts Inhaltliches zu sagen hat, möge einfach schweigen oder bestenfalls interessiert nachfragen.
    Mit Jugendlichen der o.g. Bevölkerungsgruppe habe ich beruflich jetzt ca. 30 Jahre direkt zu tun - täglich !
    Den Kommentar von Burak Emir kann ich nur entschieden unterstützen, genau so läuft es unter diesen Lebensumständen ab - egal ab davon jugendliche Türken, Albaner, Russen, Maghrebiner - oder auch deutsche "Ureinwohner" betroffen sind.
    Nirgends hat Fatih Akin Gewalt verherrlicht, als o.k. oder mit dem Islam vereinbar bezeichnet.
    ERKLÄRT hat er sie, nicht rechtfertigt!
    Gute Besserung !

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