ZEITmagazin: Herr Akin, Sie waren in Ihrer Jugend Mitglied einer kriminellen Gang. Wie kam es dazu?

Fatih Akin: Meine Eltern kamen in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Ich wuchs in Hamburg-Altona auf, in einer Trabantenstadt mit vielen Ausländern. Anfang der Achtziger, als die Gastarbeiter nicht mehr gebraucht wurden, kam es zu verschärfter Ausländerfeindlichkeit. Nachdem 1985 Ramazan Avc von Skinheads totgeprügelt worden war, bildeten sich die ersten Gangs. Sie hatten einen politischen Hintergrund: sich gegen Übergriffe von Neonazis zu verteidigen. Vorbild waren die Straßengangs, die in US-Filmen romantisiert wurden. Die türkischen Gruppen trugen Bomberjacken mit dem Namen der Gang und Gürtel mit Nieten. Das fand ich stark. Ich wollte dazugehören. Ich war damals zwölf und hing dauernd mit der Gang rum, die sich im "Haus der Jugend" traf – ganz in der Nähe einer Bücherhalle, zu der meine Mutter mich schickte. Sie war Lehrerin und wollte, dass ich lese.

ZEITmagazin: Und auf dem Weg dorthin landeten Sie bei der Gang?

Akin: Ich führte ein richtiges Doppelleben. Zuerst schlich ich mich in die Bücherhalle, lieh mir Bücher aus und versteckte sie. Dann nahm ich meine Brille ab, die ich wegen meiner Kurzsichtigkeit trug, und ging in den Jugendtreff. Gangmitglieder tragen keine Brille, und Lesen war verpönt. Ich habe aber gern gelesen.

ZEITmagazin: Trotzdem fühlten Sie sich in der Gang wohl?

Akin: Mit den Türken konnte ich auf einer anderen Ebene kommunizieren als mit meinen deutschen Freunden. Es gab mir ein Gefühl der Stärke, zu einer Gang zu gehören. Und es war die Lust am Abenteuer und am Verbotenen.

ZEITmagazin: Machten Sie bei Aktionen der Gang mit?



Akin: Erst später, mit 16. Da habe ich eine Gang mitbegründet – die Türk Boys. Ich habe mich viel geprügelt, wenn es darum ging, das Revier zu verteidigen.

ZEITmagazin: Haben Sie in Ihrer Familie Gewalt erlebt?

Akin: Ein Vorbild, Konflikte körperlich zu bewältigen, war mein Vater. Mit zehn habe ich miterlebt, wie er sich prügelte. Er wurde von drei Männern angepöbelt. Echte Schränke waren das. "Wenn ihr euch traut", sagte mein Vater, "kommt doch einzeln!" Und er hat sie alle drei plattgemacht. Das hat mich sehr beeindruckt.

ZEITmagazin: Und später haben Sie sich genauso geprügelt?

 

 Akin: Einmal hatten wir Streit mit einem Jugoslawen. Der war viel krimineller als wir, kaltblütiger. Er sagte: "Wir machen das jetzt Mann gegen Mann!" – genau wie mein Vater. Ich war der Erste, der sich mit ihm duellierte. Aber obwohl ich Kampfsport machte, hätte er mich fast in Stücke gehauen. Meine Freunde kamen mir zu Hilfe, mit Baseballschlägern und Ketten. Die haben ihn wirklich sehr blutig geschlagen.

ZEITmagazin: Sie gerieten also immer tiefer hinein in das Gangleben?

Akin: Ja, es gab auch Probleme mit der Polizei. Ich wurde immer wieder in Handschellen nach Hause gebracht. Aber nur wegen Prügeleien. Ich habe mich nie an Autodiebstählen oder Einbrüchen beteiligt. Und ich habe nie Heroin genommen oder gedealt oder für Junkiemädchen den Zuhälter gemacht, so wie meine Freunde. Die sind alle gescheitert. Abgeschoben, Gefängnis, Überdosis...

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ZEITmagazin: Warum ist es Ihnen anders ergangen? 

Akin: Ich wechselte rechtzeitig zu einer rein politischen Gruppe. Deren kriminelle Energie beschränkte sich darauf, Graffiti zu sprühen und sich mit Rechten zu prügeln.

ZEITmagazin: Dieser Wechsel hat Sie gerettet?

Akin: Es gab mehrere Faktoren. Einmal war ich damals sehr religiös. Jede Woche ging ich in die Moschee zum Freitagsgebet und spielte sogar mit dem Gedanken, Priester zu werden. Der Koran ist viel alttestamentarischer als das Evangelium. Der Gott darin ist ein Gott, vor dem man sich fürchten muss. Mit dieser Angst bin ich aufgewachsen, weshalb ich nicht klaute und keine Drogen nahm. Noch entscheidender aber war meine Mutter. Sie machte es zu ihrer Lebensaufgabe, mich zu retten. Sie redete mit den Lehrern, jagte meine Freunde davon und verfolgte mich bis ins Jugendhaus. Das war mir peinlich vor den anderen, aber ich hatte auch Mitleid mit ihr. Sie war damals an Brustkrebs erkrankt und drohte mir mit der Dramatik einer türkischen Mutter: "Du rettest mich jetzt, indem du gut wirst in der Schule und aufhörst, Scheiße zu bauen. Sonst sterbe ich."

ZEITmagazin: Und sie hatte Erfolg mit dieser Erpressung?

Akin: Ja, ich schaffte dann das Abitur. Und ich fing früh an zu arbeiten, als Fahrer und Beleuchter beim Film. Man könnte sagen: Mein Vater hat mich durch sein Vorbild in diese Strukturen gebracht – und meine Mutter hat mich da wieder rausgeholt.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl