Wirtschaftskrise Siechenland
Korruption, Vetternwirtschaft, Egoismus: Griechenland ist beinahe bankrott. Wie konnte das traditionsreiche Land so tief sinken?
© Louisa Gouliamaki/ Getty Images

Demonstranten treffen vor der Universität von Athen auf Polizisten
Einer, der an Griechenland verzweifelte, war Franz Lieber. Als Hellasliebhaber zog der junge deutsche Jäger und spätere Staatsrechtler auf den südlichen Balkan. Dort angekommen, sah er nur »kindisches Verhalten und faule Feigheit«. Schlimmer noch: Die griechische Landbevölkerung plündere, raube und schieße sogar auf jene, die gekommen seien, ihnen zu helfen, schrieb er in seinem Tagebuch eines Enttäuschten. Die leuchtende Vergangenheit, warnte Lieber, habe nichts mit der ruchlosen Gegenwart zu tun. Das war 1821, während des griechischen Aufstands gegen die Osmanen, die türkischen Fremdherrscher, zu deren Reich Hellas damals gehörte.
Das Geißeln der Griechen hat Tradition in Europa. Genauso wie deren Verherrlichung. Beides wird mit besonderer Leidenschaft seit der Gründung des griechischen Nationalstaates in den 1820er Jahren betrieben. Heute grämen sich die Europäer über die katastrophalen griechischen Staatsfinanzen, die mittlerweile auch den Euro belasten. Sie ärgern sich über Athens ausschweifende Subventionsmentalität, das Versickern von EU-Geld und schütteln den Kopf über die alljährlichen Waldbrände, die den letzten kleinen Rest des grünen Griechenlands vertilgen. Und immer wieder stellt einer die Frage: Gehören die eigentlich wirklich zu Europa?
- Athens Zahlen
Griechenlands Wirtschaftslage ist katastrophal. Meist wird dabei vor allem auf die Staatsschulden hingewiesen: Sie machen mittlerweile 112,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, der Maastrichter Vertrag erlaubt maximal 60 Prozent, der Durchschnitt in allen Ländern, die den Euro eingeführt haben (Euro-Zone), liegt bei 78 Prozent. Aber auch die anderen Wirtschaftsdaten sind düster: Das Haushaltsdefizit liegt bei 12,7 Prozent des BIPs, Maastricht lässt höchstens 3 Prozent zu. Das Leistungsbilanzdefizit beträgt 16,6 Prozent des BIPs (Euro-Zone: 0,9 Prozent), die Arbeitslosenquote liegt bei 9,5 Prozent (Euro-Zone: 8,8 Prozent).
Für die Unterstützer des griechischen Aufstands von 1821 war die Frage schon beantwortet, bevor sie so richtig gestellt wurde. Brennend vor Eifer, zogen Freiwillige, ganz wie später im Spanischen Bürgerkrieg, auf den »europäischen« Peloponnes. Deutsche Griechenvereine spendeten Geld, Gedichte und das im Kampfe unentbehrliche deutsche Liedgut. Der Antikenforscher Johann Joachim Winckelmann hatte gelehrt, dass in Griechenland einst »die reinsten Quellen der Kunst« gelegen hätten. Goethe suchte das »Land der Griechen mit der Seele«. Deutsche Romantiker priesen die Seelenverwandtschaft mit der tiefsinnigen griechischen Kultur – im Gegensatz zur seichten Zivilisation der lateinischen Römer. Der Dichter Lord Byron besang The Isles of Greece und stürzte sich mit einer abgehalfterten Truppe albanischer Söldner in den Kampf bei Patras, wo ihn 1824 schicksalhaft die Malaria dahinraffte. Als die Osmanen zwei Jahre darauf die Festung Mesolongi eroberten, ging ein Sturm der Entrüstung über die »barbarischen Massaker« durch Europa. Die Rettung der Griechen galt als erste moderne »humanitäre Intervention« europäischer Staaten. In der Seeschlacht von Navarino besiegten die Alliierten (Briten, Franzosen und Russen) 1827 die Osmanen. Der Weg war frei für den griechischen Nationalstaat.
Hat sich der Einsatz ausgezahlt? Was die Europäer in diesen Tagen erschüttert, sind die nicht abreißenden schlechten Nachrichten aus Griechenland. Zunächst sind da, ach, die Finanzen: Athen legt in diesem Jahr ein EU-Rekorddefizit von 12,7 Prozent vor. Hellenische Konservative und Sozialisten streiten, ob das Budget vor oder erst nach dem Beitritt zur Eurozone so hingekämmt wurde, dass eins plus eins drei ergab. Das Haushaltsdefizit summiert sich auf dreißig Milliarden Euro – so viel, wie die Griechen geschätzt an Steuern hinterziehen. Nachdem einige Ratingagenturen Griechenlands Kreditwürdigkeit herabgestuft haben, geht die Rede vom drohenden Staatsbankrott um. Transparency International hat Hellas als korruptestes Land der EU ausgemacht. Kein Arztbesuch, keine Baugenehmigung, keine Unternehmensgründung ohne fakelaki – den kleinen Umschlag mit Bargeld.
Hinzu kommt die Vetternwirtschaft. Jahrelang haben die beiden großen Parteien ihre treuen Wähler mit Staatsposten bedient. Da die Wirtschaft chronisch kränkelt, ist der Staat Hauptarbeitgeber. Und doch steigt die Arbeitslosigkeit mit jedem Jahr. Schuld daran ist ein beispielloser Populismus, begründet von Andreas Papandreou. Der Sozialist führte Griechenland bis zu seinem Tod 1996, er ist der Vater des weitaus anständigeren neuen Premiers Jorgos Papandreou. Der alte Papandreou prügelte in den achtziger Jahren hemmungslos auf EG und Nato ein, verdammte deren Imperialismus, während er gleichzeitig EG-Subventionen an seine Gefolgsleute verteilte. Sein Sohn darf nun als Premier die Suppe auslöffeln.
Ist das europäisch? Die Griechen zweifeln häufig selbst daran. Über ihre Identität haben sie in den letzten zweihundert Jahren heftig gestritten. Sind sie nun eher hellenistisch-heidnische Griechen oder doch christliche Byzantiner? Lag der Brunnen griechischer Kultur auf dem Südbalkan oder in Anatolien, in der Ägäis oder am Schwarzen Meer, in Europa oder Asien? Griechische Orientalisten träumten von der leidenschaftlichen Vereinigung griechischer Helden mit feurigen Muslimas. Stattdessen aber trieb der Wunsch nach einem großen Nationalstaat die Griechen in einen gänzlich unerotischen Eroberungsfeldzug nach Anatolien, der 1922 in die Katastrophe führte. Seit den zwanziger Jahren sind viele Millionen hellenischer Flüchtlinge in den kleinen griechischen Kernstaat geströmt, aus der Türkei, aus dem Nahen Osten, zuletzt aus der Sowjetunion. Alle brachten ihre Bräuche, ihr Essen, ihre Musik, ihre Kultur mit. Ein wirklich homogenes griechisches Gemeinwesen ist bis heute nicht entstanden.
Vieles, was sich in Griechenland an Problemen auftürmt, hat mit fehlendem Gemeinsinn zu tun. Trotz der verheerenden Waldbrände in jedem Sommer fehlen im Land freiwillige Feuerwehren. Mit der Baulobby verschwägerte Parlamentarier torpedieren Gesetzespläne über das Bauverbot auf verbrannten Flächen. Viele Griechen hinterziehen Steuern, jammern aber über schlecht finanzierte Schulen. Geld geben sie für teure Nachhilfestunden in privaten Parallelschulen aus. Alle ziehen über die verfallenen Universitäten her, aber statt sich zu kümmern, schicken sie ihre Kinder in ausländische Lehranstalten. Die Populisten reden dem Volk ein, das sei schon alles richtig so, nur die Subventionen müssten erhöht werden.
Gehört Griechenland also zu Europa? Der neue linke Regierungschef Jorgos Papandreou warnt die Griechen, sie könnten in der Krise »die Souveränität des Landes« verspielen. Er will die Klientelwirtschaft beenden, hat einen Einstellungsstopp für den öffentlichen Dienst verhängt und scharfe Kürzungen angekündigt. Drama, Pathos, Torschlusspanik – das kann helfen. So war es während der Modernisierung der siebziger Jahre, als Athen in die EG strebte. Oder bei den Olympischen Spielen 2004, welche die Griechen trotz aller Befürchtungen glanzvoll durchzogen. Es geht durchaus, wenn die Griechen ein gemeinsames Projekt haben. Aber wenn nicht?
Die Athener Bühne zeigt den Europäern, wie Staaten herunterkommen können, in denen Politiker es kaum wagen, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. In denen die Bürger ins Private flüchten und schimpfen, dass der Staat nicht funktioniere. In denen Regierungen künftige Generationen in Schulden ertränken, weil Sparen hier und jetzt zu viel Wählerstimmen kostet. Das alles lernen auch die Westeuropäer kennen, nicht nur in Italien. Griechenland gehört zu Europa – derzeit ist es unser erbarmungsloser Spiegel.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 18.12.2009 - 16:31 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
- Kommentare 23
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Kapitalismus.
Man merkt bei den Griechen einfach, dass sie nur Randeuropäer sind -mit den logischen Auflösungstendenzen...
Gottlob ist im Kapitalismus niemand eingemauert. Sie können ja nach Nordkorea oder nach Kuba auswandern. Viel Spaß und Tschüß.
Eine große Tageszeitung prüft die Leserbeiträge vor der Veröffentlichung. Und wenn ich hier Ihren Unsinn lese, denke ich, das wäre der bessere Weg.
Man merkt bei den Griechen einfach, dass sie nur Randeuropäer sind -mit den logischen Auflösungstendenzen...
Gottlob ist im Kapitalismus niemand eingemauert. Sie können ja nach Nordkorea oder nach Kuba auswandern. Viel Spaß und Tschüß.
Eine große Tageszeitung prüft die Leserbeiträge vor der Veröffentlichung. Und wenn ich hier Ihren Unsinn lese, denke ich, das wäre der bessere Weg.
Man merkt bei den Griechen einfach, dass sie nur Randeuropäer sind -mit den logischen Auflösungstendenzen...
Der Artikel ist ja eigentlich eine klare Polemik gegen Zuwanderung und Multi-Kulti, was sich in den folgenden Sätzen manifestiert:
"Seit den zwanziger Jahren sind viele Millionen hellenischer Flüchtlinge in den kleinen griechischen Kernstaat geströmt, aus der Türkei, aus dem Nahen Osten, zuletzt aus der Sowjetunion. Alle brachten ihre Bräuche, ihr Essen, ihre Musik, ihre Kultur mit. Ein wirklich homogenes griechisches Gemeinwesen ist bis heute nicht entstanden.Vieles, was sich in Griechenland an Problemen auftürmt, hat mit fehlendem Gemeinsinn zu tun. "
So klare Worte liest man in der Zeit selten...
Glücklicherweise bekommt der Autor noch die Kurve und lehrt uns, dass in uns allen ein kleiner Grieche steckt...
...."Korruption, Vetternwirtschaft, Egoismus: Griechenland ist beinahe bankrott. Wie konnte das traditionsreiche Land so tief sinken?", so frage ich mich, ob das seriös sein kann. Warum gibt sich ein Autor so wenig Mühe und ist so reißerisch? Wenn man an Kohl, Siemens, MAN, Esser, WestLB, BayernLB denkt? Es kann nicht an den Attributen liegen, die da aufgezählt wurden. Das ist nur tendenziös aber ohne informativen Inhalt zu diesem Thema.
Nett ist der historische Aufriss. Aber kann man sich bei der Überschrift darauf verlassen, dass die Recherche stimmt, wo man sie bereits in der Überschrift vermisst?
...."Korruption, Vetternwirtschaft, Egoismus: Griechenland ist beinahe bankrott. Wie konnte das traditionsreiche Land so tief sinken?", so frage ich mich, ob das seriös sein kann. Warum gibt sich ein Autor so wenig Mühe und ist so reißerisch? Wenn man an Kohl, Siemens, MAN, Esser, WestLB, BayernLB denkt? Es kann nicht an den Attributen liegen, die da aufgezählt wurden. Das ist nur tendenziös aber ohne informativen Inhalt zu diesem Thema.
Nett ist der historische Aufriss. Aber kann man sich bei der Überschrift darauf verlassen, dass die Recherche stimmt, wo man sie bereits in der Überschrift vermisst?
bleibt in einem Land über, wenn es knapp 500 Jahre Teil des Osmanischen Reiches war und das Land erst gegen Ende 1900 Jahrhunderts mit Hilfe eines bayerischen Kaisers wieder befreit werden musste?
Die Karamanli Türken aus dem süden Anatoliens mit griechischen Wurzeln stellen eine erhebliche Zahl dar im heutigen Griechenland. Sie sprechen immer noch 2 Sprachen. Griechisch und Türkisch. Damit sind anatolische Traditionen inn Griechenland präsent.
Hat also nichts mit den antiken Hellenen zu tun das Land, wie in der deutschen Romantik-Denke wahrgenommen.
...."Korruption, Vetternwirtschaft, Egoismus: Griechenland ist beinahe bankrott. Wie konnte das traditionsreiche Land so tief sinken?", so frage ich mich, ob das seriös sein kann. Warum gibt sich ein Autor so wenig Mühe und ist so reißerisch? Wenn man an Kohl, Siemens, MAN, Esser, WestLB, BayernLB denkt? Es kann nicht an den Attributen liegen, die da aufgezählt wurden. Das ist nur tendenziös aber ohne informativen Inhalt zu diesem Thema.
Nett ist der historische Aufriss. Aber kann man sich bei der Überschrift darauf verlassen, dass die Recherche stimmt, wo man sie bereits in der Überschrift vermisst?
.....existiert überhaupt nicht, sondern ist eine Erfindung der orthodoxen Kirche, die während der 500jährigen Türkenherrschaft es in Griechenland geschafft hat, die griechische Sprache zu konservieren und dem Völkergemisch aus zugewanderten Albanern,Slawen und Türken erfolreich eingeredet hat, sie seien "Hellenen" und stünden in der Kontinuität der Antike. Dabei hat schon Friedich Schiller in seinen Schriften darüber geklagt,dass "das Geschlecht der Hellenen in Europa ausgerottet" sei.Deshalb darf man sich auch über nichts bei den "modernen Hellenen" wundern, denn sie selbst existieren nur in ihrer eigenen Einbildung.
...ist immer noch Athen und nicht Paris oder Berlin. Wir vergessen als Europäer allzu schnell, das wir auf denn Schultern von Riesen stehen und die meisten dieser Riesen kamen von Griechenland über Arabien auf uns. Demokratie hat nichts mit Genetik zu tun sondern mit den Erkenntnisorganen des Menschen
Sagt sich gewiss so mancher Grieche im Stillen, der diesen Artikel liest. Was soll die Frage, ob Griechen Europa zuzurechnen seien? Da blaest sich einer unertraeglich auf. Was soll denn so Europatypisch ueberhaupt sein? Des Deutschen Obrigkeits-Blindvertrauen in den Vater Staat? Ist er damit noch nicht genug angeschissen worden? Oder sind‘s Hitleristen, oder mehr die Stalinisten. Oder die Verlogenheit Frankreichs, die sein eliteres Kastensystem jedes Jahr den Sturm auf die Bastille feiern -, und ohne Scham von Gleichheit schwaffeln laesst?
Nicht nur Griechenlands Politiker wollten in die EU – das Volk war da schon wesentlich zurueckhaltender, und sieht durchaus die mit dem Beitritt verbundenen Nachteile! -, auch Bruessel tat dafuer alles, einschl. beide Augen zudruecken als es darum ging Hellas Billanzen zu begutachten.
Tja, und nun? Der bloed-treuherziger Michel sollte mal lieber aufpassen, dass nicht auch noch seine Tugend- und Wohlstandreste den Bach runtersausen und ihm der Grieche vormacht, wie die auf uns jetzt zurollene Wirtschaftskatastrophe am besten zu meistern ist. Gesuender und Realitaetsnaher ist die Gesellschaft Griechenlands allemal!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren