Hoteltest Modisch auf der Höhe
Kuhfelllampen und Loft-Ambiente: Das Grand Tirolia bei Kitzbühel bringt Design in die Alpen
Kitzbühel ist weder für cooles Design noch für Luxus bekannt. Der Prominenten-Skiort in den Tiroler Alpen gilt als Bastion rustikaler Gemütlichkeit. Doch die Vorstellungen von Wintersport ändern sich. Die Berge als Gegenmodell zum städtischen Lifestyle haben ausgedient, feucht-fröhliche Après-Ski-Abende mit Remmidemmi und den Schlagern von vorgestern sind nicht mehr das Maß der Dinge. Für Menschen, die sich auch im Skiurlaub etwas Zeitgeist wünschen, ist eine neue Hotelgeneration entstanden, in denen Kuhfelle für Stil und nicht für Stall stehen und in denen weitläufige Spa-Landschaften die Kellersaunen ersetzen. In Kitzbühel folgen bereits die Hotels Schwarzer Adler und Kitzhof diesem Modell, und auch das neue Grand Tirolia hat wenig gemein mit einer romantischen Skihütte. Es ist ein Golf- und Wellness-Resort, mit 18-Loch-Platz und gigantischem Spa.
Das Grand Tirolia steht nur ein paar Kilometer südlich von Kitzbühel in den sanft geschwungenen Hügeln der Gemeinde Aurach. Die Russin Elena Baturina, Ehefrau des Moskauer Bürgermeisters, hat das Gebäude als halb fertiges Appartementhaus zusammen mit dem Golfplatz Eichenheim gekauft und daraus ein Hotel gemacht. Von außen wirkt die kastenförmige Konstruktion nicht sonderlich attraktiv. Doch das ist vergessen, sobald man durch die Drehtür ins Innere tritt. Der Architekt hat das Erdgeschoss als eine offene, loftartige Lobby gestaltet, in der Empfang, Bibliothek und Bar ineinander übergehen. Die Einrichtung würde problemlos auch in eine schicke Lodge in Colorado passen. Auf dunklen, unversiegelten und nicht immer ebenen Mooreiche-Dielen liegen karierte Teppiche in blassem Himbeerrot und Moosgrün. Die weißen Wände sind teilweise mit heller Buche getäfelt, die großen, bequemen Sessel mit Leder, Woll- oder Filzstoffen in sanften Naturtönen bezogen. Internationale Zeitungen liegen bereit, auf einem langen hölzernen Stehtisch ist die Nachmittagsjause mit Kuchen, Speck und verschiedenen Brotsorten angerichtet.
In den Zimmern läuft man über samtiges Holz bis zu wandhohen Fensterfronten, aus denen man über den Golfplatz hinweg in die Bergwelt blickt. Die Betten haben die Sitzhöhe von Stühlen, auf federleichten Daunendecken liegen flauschige Tagesdecken aus Kunstpelz. Zum Lümmeln und Lesen stehen ausladende Sofas bereit, darüber hängen mit Kuhfell bezogene Lampenschirme. Es gibt WiFi und iPod-Ladestationen, einen Touchscreen fürs Licht – man kann zwischen »Grundstimmung«, »Nachtstimmung« und »TV-Stimmung« wählen – und eine wunderbar geräumige Schrankwand, auf deren von innen beleuchteten Plexiglastüren sattgrüne Almwiesen zu sehen sind. Es sind Zimmer, in denen man sich gerne aufhält. Sie sind warm und bequem, dabei lässig und angenehm unprätentiös.
Im Übernachtungspreis inbegriffen ist ein viergängiges Abendmenü, das im großen Speisesaal serviert wird. Die Gratwanderung zwischen alpin und kosmopolitisch ist auch hier gelungen. Weiß eingedeckte Tische stehen auf groben Holzböden, von der Decke hängen trichterförmige Deckenleuchten in modernem Design. Die Karte bietet eine Auswahl regionaler Gerichte wie Maronensamtsuppe mit Tiroler Bauernspeck und Reh mit Topfenspätzle, aber auch Mediterranes wie etwa Ricotta-Terrine mit Rucola und altem Balsamico. 900 verschiedene Weine lagern im Depot, und das Hotel holte sich den deutschen Sterne-Koch Bobby Bräuer ins Haus, der allerdings nur im separaten Gourmetrestaurant Petit Tirolia kocht. Das Essen dort wird extra berechnet.
Auch das übrige Personal ist größtenteils deutsch – und ausgesprochen nett. Hat man außerhalb der Essenszeiten Hunger, wird aus der Küche eine Etagere mit Kleinigkeiten gebracht. Die Angestellten umsorgen den Gast, ohne ihn zu bemuttern. Mit der spießigen Heimeligkeit wurde hier auch jene rotwangige Leutseligkeit ausrangiert, die heute niemand mehr möchte. Nicht einmal in den Bergen.
Grand Tirolia Golf & Ski Resort, Eichenheim 8–9, A6370 Kitzbühel, Tel. 0043-5356/66615, www.grand-tirolia.com, DZ inklusive Halbpension ab 258 Euro
- Datum 16.12.2009 - 14:24 Uhr
- Serie Hoteltest
- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
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