Mecklenburg-Vorpommern Schöner als Bescherung

In der Casa Familia auf Usedom gibt es weder Lametta noch »Stille Nacht«. Der Hotelier Andreas Queisner bietet Festtage für Weihnachtsmuffel an

DIE ZEIT: Herr Queisner, in Ihrer Familienferienstätte auf Usedom wird von diesem Jahr an das Weihnachtsfest ignoriert. Wie muss man sich das vorstellen?

Andreas Queisner: Bei uns wird es kein Lametta, keinen Weihnachtsbaum und keine Bescherung geben. Sie werden auch kein Oh Tannenbaum oder Leise rieselt der Schnee hören.

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ZEIT: Das klingt aber trist.

Queisner: Wieso denn? Das Haus ist ja durchaus geschmückt. Nur hängen bei uns keine Engel und Weihnachtssterne, sondern Eiszapfen und Pinguine. Und statt Weihnachtsstress bieten wir ein Entspannungsprogramm für unsere Gäste. Dazu gehören ganz viele Wellnessangebote, zum Beispiel eine Ganzkörpermassage mit einer Orangen-Schoko-Mousse, aber auch eine Fackelwanderung in der Nacht. Und für die Kinder bieten wir Bastelstunden oder Lesungen vor dem Kamin an – nur eben ohne die weihnachtlichen Inhalte. Sie können auch reichlich Kekse und andere Leckereien kriegen, nur nicht in Weihnachtsmannform.

ZEIT: Wie kamen Sie denn auf die Idee für so ein Programm?

Queisner: Ich feiere selber nie Weihnachten, sondern verbringe am liebsten einfach eine schöne Zeit mit der Familie. Und dachte mir, dass es anderen vielleicht auch so geht. Ich habe dann mal bei Google »Weihnachtsmuffel« eingegeben und landete in vielen Foren, wo Leute sich beklagten: über den Konsum, den Stress, die Familienstreite. Da habe ich gedacht, dass ein weihnachtsfreies Hotel eine Nische sein könnte.

ZEIT: Kommen Sie damit bei den Kunden an?

Queisner: Wir haben für die Feiertage doppelt so viele Buchungen wie im vergangenen Jahr. Unsere 182 Zimmer sind fast alle belegt. Dabei warnen wir alle Gäste am Telefon vor – es soll ja nicht aus Versehen ein Weihnachtsfan bei uns landen, der dann enttäuscht ist.

ZEIT: Warum sind die Leute denn so erpicht darauf, »Nicht-Weihnachten« zu feiern?

Queisner: Wir haben zum Beispiel eine Buchung von einer Verkäuferin erhalten, die in der Vorweihnachtszeit Weihnachtslieder-Dauerberieslung ertragen muss. Sie meinte: »Wenn ich an meinen freien Tagen nur ein einziges Weihnachtslied hören muss, dann hänge ich mich auf!« Wir haben aber auch Anmeldungen von Alleinstehenden, die wohl nicht daran erinnert werden möchten, dass die meisten anderen Menschen die Feiertage im Kreise ihrer Liebsten verbringen.

ZEIT: Wo steckten die ganzen Weihnachtsmuffel denn, bevor sie zu Ihnen in die Ferienanlage nach Usedom kamen?

Queisner: Die waren unerkannt. Viele Möglichkeiten, Weihnachten zu entkommen, gibt es ja nicht. Wer outet sich schon inmitten von feiernden Menschen? Da kann man sich nur zu Hause einschließen, und das ist ja auch etwas deprimierend.

ZEIT: Haben Sie Ihre Angestellten instruiert, den Gästen nicht aus Versehen ein frohes Fest zu wünschen?

Queisner: Das stelle ich ihnen frei. Sie dürfen auch mal an einem Schokoweihnachtsmann knabbern – aber nur in ihren Pausen, wenn sie keiner sieht.

ZEIT: Und warum sollte man als Weihnachtsmuffel ausgerechnet nach Usedom kommen? Da ist es um diese Zeit doch ziemlich grau und kalt.

Queisner: Oh nein! Es ist sehr schön. Die Luft ist klar, oft scheint die Sonne, und im Winterlicht sehen die Strände sehr malerisch aus.

Interview: Christine Dohler

 
Leser-Kommentare
    • bibber
    • 24.12.2009 um 18:51 Uhr

    Für meine Familie und mich ist Weihnachten Konsumterror, lauter Aufforderungen, möglichst viel zu kaufen, egal, ob es Sinn macht oder nicht. Das tun wir uns schon seit 13 Jahren nicht mehr an, und meist machen wir es uns einfach zuhause gemütlich oder mieten eine Ferienwohnung.
    Es mit anderen teilen zu können, die auch einfach nur entspannen möchten, ist eine schöne Idee.
    Viele Menschen feiern möglicherweise auch deshalb Weihnachten, weil sie hoffen, sich ein Stück Kindheit zurückholen zu können. Das wird aber nicht funktionieren, da der Zeitgeist inzwischen ein ganz anderer ist und man die Realität als Erwachsener auch ganz anders wahrnimmt.

  1. Ich finde es eine gute Idee, Weihnachtstage in einem Hotel ohne alles Weihnachtliche anzubieten. Zu dem, was aber viele Menschen und ich selbst auch, beklagen, den Konsumterror, möchte ich Folgendes anmerken. In den Städten kann man sich dem leider nicht wirklich entziehen. Aber insgesamt liegt es doch an einem selbst, was man aus Weihnachten macht, und kann es z.B. auch ganz schlicht feiern oder versuchen, die Weihnachtsbotschaft im Herzen nachklingen zu lassen. Ohne Musikklimbim, ohne Geschenkekaufrausch. Für mich liegt das Wesen des Christentums im Bekenntnis zu Armut. Das ist tatsächlich etwas Essenzielles, aber es passt natürlich nicht in unsere heutige Welt. Und dennoch empfinden wohl viele Menschen, dass der Konsum inzwischen fad schmeckt und die Freude schnell verpufft. Mit "Armut" ist übrigens nicht Büßertum und Askese evoziert, sondern Maßhalten und auch die Suche nach anderen Freuden: Geschichtenerzählen, miteinander lachen, singen, tanzen, spazieren gehen. Vieles, was uns erfreuen kann, ist ein Geschenk, für das man sich nicht in den Konsumrausch stürzen muss. Dies ist nun meine Weihnachtsbotschaft :-)

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    Ich habe großes Verständnis für die Verkäuferin im Einzelhandel, die seit Monaten mit verfremdeter "Weihnachtsmusik" zugedröhnt wird.
    Was einem an optischer und akustischer Umweltverschmutzung in der Vorweihnachtzeit, angefangen mit Lebkuchen im August, zugemutet wird, ist kaum auszuhalten.
    Jeder kann selbst entscheiden, wie er die letzte Woche des Jahres verbringt, und was er daraus macht. Es gehört zwar etwas Selbstbewusstsein dazu, die agressive Konsumanimation zu ignorieren, möglich ist es aber allemal.
    Ich persönlich möchte auf das Weihnachtsfest nicht verzichten, denn es ist die Zeit innezuhalten, und zur Besinnung zu kommen.
    Gerade die Weihnachtsgeschichte ist eine Parabel darauf, dass keinen (materiellen)Reichtum braucht, um als Mensch wertvoll zu sein.
    Ein pervertiertes Leistungsdenken, das nur Leistungen anerkennt die Geld bringen, gehört auf den Prüfstand der Wertschätzung.
    Der Alkoholiker der es schafft dauerhaft trocken zu bleiben, vollbringt eine Leistung.
    Der Mensch, der einen schwerkranken Angehörigen pflegt, vollbringt eine Leistung.
    Alleinerziehende die mit wenig Geld ihre Kinder anständig großbekommen vollbringen eine Leistung.

    Ich habe großes Verständnis für die Verkäuferin im Einzelhandel, die seit Monaten mit verfremdeter "Weihnachtsmusik" zugedröhnt wird.
    Was einem an optischer und akustischer Umweltverschmutzung in der Vorweihnachtzeit, angefangen mit Lebkuchen im August, zugemutet wird, ist kaum auszuhalten.
    Jeder kann selbst entscheiden, wie er die letzte Woche des Jahres verbringt, und was er daraus macht. Es gehört zwar etwas Selbstbewusstsein dazu, die agressive Konsumanimation zu ignorieren, möglich ist es aber allemal.
    Ich persönlich möchte auf das Weihnachtsfest nicht verzichten, denn es ist die Zeit innezuhalten, und zur Besinnung zu kommen.
    Gerade die Weihnachtsgeschichte ist eine Parabel darauf, dass keinen (materiellen)Reichtum braucht, um als Mensch wertvoll zu sein.
    Ein pervertiertes Leistungsdenken, das nur Leistungen anerkennt die Geld bringen, gehört auf den Prüfstand der Wertschätzung.
    Der Alkoholiker der es schafft dauerhaft trocken zu bleiben, vollbringt eine Leistung.
    Der Mensch, der einen schwerkranken Angehörigen pflegt, vollbringt eine Leistung.
    Alleinerziehende die mit wenig Geld ihre Kinder anständig großbekommen vollbringen eine Leistung.

  2. habe ich verbucht.

  3. Ich habe großes Verständnis für die Verkäuferin im Einzelhandel, die seit Monaten mit verfremdeter "Weihnachtsmusik" zugedröhnt wird.
    Was einem an optischer und akustischer Umweltverschmutzung in der Vorweihnachtzeit, angefangen mit Lebkuchen im August, zugemutet wird, ist kaum auszuhalten.
    Jeder kann selbst entscheiden, wie er die letzte Woche des Jahres verbringt, und was er daraus macht. Es gehört zwar etwas Selbstbewusstsein dazu, die agressive Konsumanimation zu ignorieren, möglich ist es aber allemal.
    Ich persönlich möchte auf das Weihnachtsfest nicht verzichten, denn es ist die Zeit innezuhalten, und zur Besinnung zu kommen.
    Gerade die Weihnachtsgeschichte ist eine Parabel darauf, dass keinen (materiellen)Reichtum braucht, um als Mensch wertvoll zu sein.
    Ein pervertiertes Leistungsdenken, das nur Leistungen anerkennt die Geld bringen, gehört auf den Prüfstand der Wertschätzung.
    Der Alkoholiker der es schafft dauerhaft trocken zu bleiben, vollbringt eine Leistung.
    Der Mensch, der einen schwerkranken Angehörigen pflegt, vollbringt eine Leistung.
    Alleinerziehende die mit wenig Geld ihre Kinder anständig großbekommen vollbringen eine Leistung.

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  • Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
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