Film "Bright Star" Im Licht der Liebe

Hier wird dem Kostümfilm das Kostüm ausgezogen: Jane Campion spricht über ihr neues Meisterwerk »Bright Star«

John Keats (Ben Whishaw) liebt Fanny Brawne (Abbie Cornish)

John Keats (Ben Whishaw) liebt Fanny Brawne (Abbie Cornish)

Sie sprechen mit einer ehemaligen Poesie-Faschistin«, sagt sie gleich zu Beginn. Es ist ein Wort, das man nicht erwartet hätte, jedenfalls nicht von einer Regisseurin, die einen so lyrischen Film über einen Lyriker gedreht hat. »Als Studentin konnte ich mit John Keats überhaupt nichts anfangen«, sagt Jane Campion. »Ich hatte kein Gefühl und keine Geduld für Metaphern, Reime und Geheimnisse. Ich wollte harte Tatsachen, Aussagen, eindeutige Interpretationen. Das nenne ich Lyrikfaschismus.« Wie sie da in ihrer Späthippie-Kleidung im Hotelzimmer sitzt, mit offenen grauen Haaren und bestimmender Gestik, kann man sie sich einen Augenblick lang als dogmatische Studentin vorstellen. Von der frühen Poesie-Vernichtung hat sich Jane Campion aber inzwischen so weit entfernt, dass die Erinnerung ihr einen kleinen Lachanfall entlockt.

Im Laufe des Gesprächs wird sie noch einmal lachen, und zwar lauthals. Über ein Etikett, das sie nie mochte, aber auch nicht los wurde: Frauenregisseurin. Campions Melodram Das Piano, dessen stumme Heldin in der kolonialen Ferne von Neuseeland um ihr Klavier und um ihren ureigenen Ausdruck kämpft, wurde 1993 als Beginn eines neuen weiblichen Selbstbefreiungskinos gefeiert. Als erste Frau gewann Jane Campion in Cannes die Goldene Palme. Danach inszenierte sie Nicole Kidman in der Henry-James-Verfilmung Portrait of a Lady und Meg Ryan in dem Thriller In the Cut. Es waren virtuose, aber auch seltsam seelenlose Filme, in denen sie als Regisseurin nicht mehr recht zu sich fand.

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Und nun, nach sechsjähriger Pause, hat Jane Campion Bright Star gedreht, einen Film über den Dichter John Keats. Mit Gedichten, die zartfühlende Naturmeditation und die nüchterne Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit verbinden, wurde er zu einem der bedeutendsten Vertreter der englischen Romantik. Und das ist auch schon die falsche Fährte. Denn Campion wischt nicht nur den Bedeutungsballast, die literaturgeschichtlichen Weihen und den Staub so vieler Lyrikanthologien vom zerschlissenen Revers des zeitlebens verkannten Keats. Bei ihr lernt man ihn mit den Augen seiner Angebeteten Fanny Brawne kennen, einer jungen, selbstbewussten Frau. Und so ist Bright Star kein Film über einen Dichter geworden, sondern ein Liebesfilm, der uns einen Dichter entdecken lässt.

»Wenn man Keats’ Briefe liest, begegnet man einem aufmerksamen, offenen und lustigen Menschen«, sagt Campion. »Er war anders als die anderen jungen Männer seiner Generation. Für die ging es um Hunde, Jagd, Pferde und Anwesen. Fanny fühlt sich von Keats angezogen, wobei für sie zunächst nicht zählt, dass er ein Dichter ist. Aber sie fragt sich: Wie sieht diese merkwürdige Poesie eigentlich aus, für die er sich so sehr interessiert?«

1818 begegnen sich Brawne und Keats im Londoner Vorort Hampstead. Sie, die wohlbehütete Tochter, lebt mit Mutter und Geschwistern in der einen Hälfte des Hauses. Keats, als Gast eines Freundes, in der anderen. Es ist eine Liebe im Korsett der englischen Klassengesellschaft, in der ein mittelloser Dichter nicht das Mädchen aus gutem Hause heiraten darf. Doch lassen Keats und Brawne dieses Korsett von Anfang an hinter sich. Schon beim ersten öffentlichen Zusammentreffen auf einem Ball begegnen sich die beiden jenseits von Konversation und Plauderei mit unvermittelter Ehrlichkeit. Über allem schwebt die Verlegenheit des ersten Flirts.

Wie findet man Bilder für eine zweihundert Jahre zurückliegende Liebe, die nur in einer Handvoll von Briefen überdauert? Wie erzählt man von Empfindungen, die zu Worten, zu Gedichten werden? »Indem man das Lebensgefühl, die Stofflichkeit, die Textur einer Epoche sucht«, sagt Campion. »Indem man dem Kostümfilm sein Kostüm auszieht.« In ihrem Film besteht diese Textur aus Kerzen und Kaminfeuern, aus holzgetäfelten Räumen, die nur spärlich vom Sonnenlicht erleuchtet werden. Man hört das Knarren der Dielen und das Quietschen der Türen. Man meint, die Zugluft zu spüren, die durch Fenster- und Türritzen dringt, die Eiseskälte eines regnerischen Herbsttages. Immer wieder sieht man die Liebenden beim Spaziergang durch Wiesen und Wälder, bewacht von zwei rührenden Anstandsbegleitern, Fannys Bruder und ihrer kleinen rotbackigen Schwester.

Wie immer bei Jane Campion wird die Natur auch hier zur Verbündeten der Heldin. In Das Piano war es Neuseelands dramatische, tropische Landschaft, die Holly Hunters Figur aus ihrer Stummheit und Gefühlserstarrung riss. In Bright Star ist die englische Natur ein eher sanftes Medium der Gefühle und der Dichtung: die Landschaften und Strände, die Keats während einer Sommerreise in seinen sehnsüchtigen Briefen an Fanny beschreibt; die Spaziergänge, die im Rhythmus der Jahreszeiten mit Brief- und Gedichtzeilen verschmelzen; der beschwingte Frühlingstag, an dem Keats auf der Suche nach einem Vogelnest auf einen Baum klettert. Die Zeilen seiner Ode an eine Nachtigall schwingen schon im Wipfel, im Blütenmeer, in dem sein Körper zu versinken scheint:

»Sich auflösen, verschwinden, und am Schluß
Vergessen, was im Laubwerk dich nie stört,
Die Qual, das Fieber und den Überdruß
Hier, wo ein jeder jeden stöhnen hört;…«

Leser-Kommentare
  1. "Poesie-Faschistin" ... ein Ausdruck, den man sich merken sollte... ;-)

    Und was für eine wunderbar geschriebene Filmkritik, nach all den Fast Food-Artikeln hier auf ZEIT Online...

  2. Eine Vorschau habe ich in einer Kultursendung gesehen, nur einen Augenblick, einige wenige Sekunden. Ein Zauber ging von diesen wenigen Bildern aus. Ich gehe selten ins Kino. Wenn, weil mich ein Film intensiv anspricht. Und dies taten die kurzen Eindrücke, die ich durch Zufall mitbekam: Diesen Film will ich, muß ich sehen. Gerade am Heiligabend soll er anlaufen. Und gleich die Enttäuschung. Ich schaue nach, suche, hier, wo ich lebe, findet sich kein Kino, das ihn zeigt. Stattdessen "Avatar" und ähnliches. So heißt es weiter suchen und wahrscheinlich weit fahren, um sehen zu können, was so wundervoll unprätentiös in dieser Kritik geschildert worden ist. Kein Raum für Zeit, es muß alles schnell und hektisch sein, plakativ und sofort, augenblicklich verständlich. Allein die wenigen Bilder, die ich sah und ihre Kritik bestärken mich, daß es sich lohnen wird, einen Raum und die Zeit für diesen Film zu suchen.

  3. Nachdem man diesen Artikel gelesen hat möchte man in diesen Film sehen, und das ist wohl viel sagend....

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