Film "Bright Star" Im Licht der LiebeSeite 2/2
»Ich wollte unbedingt die Entstehung dieses Gedichtes zeigen«, sagt Campion. »Keats hat es in zwei, drei Stunden geschrieben, eines der wichtigsten Werke der englischen Romantik, vielleicht der Weltliteratur. Aber die Szene durfte nicht pathetisch wirken.« Entpathetisierung, sagt sie, sei das große Stichwort ihres Films gewesen. Auch bei der Schilderung einer Liebe, die eigentlich nach romantischer Überhöhung ruft: der bitterarme Poet, das gutbürgerliche Mädchen, die Liebe ohne Zukunft, ein Dichtergenie, das mit 23 Jahren von der Schwindsucht hingerafft wird. Eine literarische Friedhofsskulptur, erstarrt in Unsterblichkeit! Doch Campion gibt ihrem Paar in langen, ruhigen Einstellungen alle Zeit und damit alle Lebendigkeit zurück. John Keats und Fanny Brawne sprechen, lieben und atmen im Hier und Jetzt der reinen Gegenwart. Sie haben keine Idee von der romantischen Semantik, die sie fühlend, leidend, Briefe schreibend mit erfinden. Sie lieben, über ihre Zeit und über unsere Vorstellung von ihrer Zeit hinaus.
Dies gilt im Übrigen auch für die Geschlechterrollen. »Warten, warten, warten, das waren nun mal die Optionen für ein unverheiratetes Mädchen dieser Zeit«, sagt Campion. »Aber Fanny Brawne begegnete John Keats von Anfang an auf Augenhöhe. Um das zu erzählen, muss man einfach nur die Überlieferung respektieren. Das hat nichts mit Frauenregisseurin oder Frauenkram zu tun.« Im Englischen sagt Campion »women-bullshit«. In ihrem Film ist es Fanny, die von Anfang an die Initiative ergreift. Sie ist es, die Keats beim ersten Ball zu sich rufen lässt und immer neue Vorwände sucht, um ihn zu treffen. Sie geht auf ihn zu, klopft an seine Tür, bringt ihm nach einem Streit Blumen. In einem der wenigen kostbaren Momente der Zweisamkeit hält sie ihn im Arm und küsst seine Stirn.
Campion lässt ihren Keats-Film sogar mit einer überraschenden lyrischen Sequenz beginnen: Im blauen Licht des Morgengrauens sieht man nicht Dichterhand und Federkiel, sondern Fannys Finger, die Nadel und Faden stetig durch einen weißen Leinenstoff führen. Ihr Nähen und Sticken, ihre eleganten Roben, diskret modernen Kleider und zart exzentrischen Hüte, ihre durch Lichtsetzung und Farben unterstrichenen Kreationen sind eine Art Leitmotiv des Films. Eine Tätigkeit, die eigentlich Inbegriff der Häuslichkeit und weiblichen Passivität ist, wird zum ureigenen Auftritt und Ausdruck.
Und so gehört Fanny Brawne, diese dickköpfig liebende und besessen nähende junge Frau, auf ihre Weise durchaus in die Reihe der rebellischen Campion-Heldinnen. Wie die mit Elektroschocks gemarterte Schriftstellerin Janet Frame in Ein Engel an meiner Tafel, wie die stumm um ihr Klavier und um ihre Würde kämpfende Ada in Das Piano will Fanny vor allem eines: in ihrem Tun sie selbst sein.
Campion lässt keinen Zweifel daran, dass Fanny dies mit Keats gelingt. Eine der schönsten Sequenzen des Films zeigt das Paar an einem grillenzirpenden Sommertag. Sie sitzt stickend am Fenster, er mit Papier und Feder unter einem Baum. Die beiden sehen sich nicht, doch hin und wieder ahnt der Blick die Gegenwart des anderen. Es ist ein zeitloser, völlig gegenwärtiger Moment. Und ein Akt der Gleichbehandlung durch Schnitt und Bild. Zwei Liebende, die in einem ewigen, lichtdurchfluteten Moment auf ganz unterschiedliche Weise bei sich, bei ihrer Kunst und miteinander sind.
- Datum 18.12.2009 - 12:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
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"Poesie-Faschistin" ... ein Ausdruck, den man sich merken sollte... ;-)
Und was für eine wunderbar geschriebene Filmkritik, nach all den Fast Food-Artikeln hier auf ZEIT Online...
Eine Vorschau habe ich in einer Kultursendung gesehen, nur einen Augenblick, einige wenige Sekunden. Ein Zauber ging von diesen wenigen Bildern aus. Ich gehe selten ins Kino. Wenn, weil mich ein Film intensiv anspricht. Und dies taten die kurzen Eindrücke, die ich durch Zufall mitbekam: Diesen Film will ich, muß ich sehen. Gerade am Heiligabend soll er anlaufen. Und gleich die Enttäuschung. Ich schaue nach, suche, hier, wo ich lebe, findet sich kein Kino, das ihn zeigt. Stattdessen "Avatar" und ähnliches. So heißt es weiter suchen und wahrscheinlich weit fahren, um sehen zu können, was so wundervoll unprätentiös in dieser Kritik geschildert worden ist. Kein Raum für Zeit, es muß alles schnell und hektisch sein, plakativ und sofort, augenblicklich verständlich. Allein die wenigen Bilder, die ich sah und ihre Kritik bestärken mich, daß es sich lohnen wird, einen Raum und die Zeit für diesen Film zu suchen.
Nachdem man diesen Artikel gelesen hat möchte man in diesen Film sehen, und das ist wohl viel sagend....
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