Bühnenkunst in Afghanistan Kulturwunder Kabul

Die afghanische Hauptstadt steht im Krieg. Dennoch werden »Othello« und »Der Wolf und die sieben Geißlein« gespielt. Denn die Kunst ist hier die größte Hoffnung

Frauen auf einem Markt in Kabul. Restriktionen der Taliban schränken das kulturelle Leben in Afghanistan stark ein

Frauen auf einem Markt in Kabul. Restriktionen der Taliban schränken das kulturelle Leben in Afghanistan stark ein

Es gibt einen bösen Wolf in Kabul, der hat einen roten Kopf und ein Maul, so groß, dass darin ein ganzes Haus Platz fände. Es gibt eine Ziege in Kabul, die hat Hörner wie Stoßstangen und ein braunes Fell aus Frottee. Es gibt einen Raben in Kabul, der krächzen kann, dass den Menschen kalte Schauer durch Mark und Bein jagen.

In wenigen Wochen werden sie sich den Kindern von Kabul zeigen. Der Wolf wird die Zicklein fressen und schließlich doch elend zugrunde gehen. Die Kinder werden gesehen haben, dass das Böse nicht immer gewinnt. Vielleicht gehen sie dann zu ihren Eltern nach Hause und überbringen ihnen diese Nachricht wie eine unerhörte Neuigkeit, denn es ist in den vergangenen Jahrzehnten ja selten geschehen, dass in Kabul die Wölfe nicht am Ende die Sieger blieben. Die Kinder werden jetzt von den scharfen Zähnen des Wolfes träumen und trotzdem ruhig schlafen können. Denn Rettung ist ihnen gewiss – das wissen sie vom Puppentheater.

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Was zählen schon Kinderträume, möchte man sagen, in einer Stadt, in der die Weltpolitik blutige Aufführung hält? Was sollen schon Puppen ausrichten, wenn bis zu den Zähnen bewaffnete Männer die Straßen beherrschen? Was überhaupt soll die Kultur, wenn der Stacheldraht in der Stadt wuchert wie giftiges Unkraut und den Bewohnern die Luft abschnürt? Der Krieg, ließe sich antworten, wird vorbeigehen. In der einen oder anderen Weise geht er immer vorbei, die Soldaten werden verschwinden, der Stacheldraht, der Beton, doch die Träume der Kinder werden überdauern. Sie werden ihnen Kraft spenden, auch noch in den dunkelsten Stunden.

Die Männer, die den Wolf und die sieben Geißlein in einem alten, ehrwürdigen, heruntergekommenen Haus mitten in Kabul proben, sind allesamt jung, um die Mitte zwanzig. Sie sind hier, weil sie fest daran glauben, dass es möglich ist, den Kreislauf aus Krieg und Zerstörung zu brechen. Sie sind schmächtig geraten, rauchen gern, und in ihren Gesichtern spiegelt sich diese leicht entflammbare Mischung aus kindlicher Begeisterung und tiefem Ernst.

Es ist ja nicht einfach, in einer von der Kalaschnikow geprägten, bitterarmen Gesellschaft zu sagen: »Ich werde Schauspieler! Ich mache Puppentheater!« Dazu muss man erst einmal die Kraft haben und natürlich auch die Fähigkeit zur Verdrängung besitzen. Während die Schauspieler nämlich den Wolf und die sieben Geißlein proben, fahren weniger als hundert Meter entfernt schwere, bedrohliche Humwees der amerikanischen Armee auf und halten mit brüllenden Motoren vor einem Haus.

Was die Soldaten dort tun, kann keiner sagen, doch die Menschen, die neugierig stehen bleiben, werden mit Gewehr im Anschlag auf Distanz gehalten. Die Luft füllt sich sofort mit Angst. Mancher Passant flüstert: »Nicht stehen bleiben! Geht weiter! Geht weiter!« Denn es könnte ja sein, dass einer der Soldaten sich bedroht fühlt und auf den Abzug drückt oder dass ein Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengt, um eben diese Soldaten zu töten.Menschenansammlungen sind immer gefährlich in dieser Stadt. Das ist eine irritierende Tatsache gerade für die Theatermacher, die doch nichts lieber hätten als Publikum, die Menschen brauchen, viele Menschen an einem Ort. Und Attentäter suchen genau das.

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