Bühnenkunst in Afghanistan Kulturwunder Kabul
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Eine Musikschule zu gründen, ist ein sehr ehrgeizoges Projekt in Kabul

Die Musikschule ist ein sehr ehrgeiziges Projekt, dessen Verwirklichung deshalb möglich sein könnte, weil Sarmast nicht nur über beträchtliche Energie verfügt, sondern auch sehr gut vernetzt ist. Denn bei aller Umwälzung, die Kabul erfahren haben mag, die informellen Netze sind nie gerissen, im Gegenteil, sie haben durch den Krieg und die Zerstörung formeller Netze an Bedeutung gewonnen. Sarmast weiß sich offensichtlich darin zu bewegen wie auf einer unsichtbaren Straßenkarte. Das Ziel hat er fest vor Augen, und wenn er es nicht erreicht, dann – könnte man sagen – ist Kabul wirklich in seinem Kern beschädigt.

Man muss sich einen Begriff machen von der Riesenhaftigkeit der Zerstörungskräfte, die hier jahrelang wirkten. Es waren die Mudschahedin, die – nachdem sie die Sowjets besiegt hatten – diese Stadt in rasender Wut kaputt schlugen; doch war es eine tektonische Verschiebung geopolitischer Erdplatten, die diese fürchterlichen Gotteskrieger erst freisetzte.

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1979 kamen die Sowjets, und Afghanistan wurde zum Schauplatz des gar nicht »kalten« Krieges zwischen den Supermächten. 1979 war auch das Jahr der islamischen Revolution in Iran, und 1980 brach in der Folge der Krieg zwischen diesem revolutionären Iran und dem Irak des Diktators Saddam Hussein aus. Die ganze Region war in Aufruhr. Kultur in Kabul spiegelt auch dies.

Sehr oft ist das Dilemma dieses Weltenteils in einem einzigen Menschen verdichtet. Der Filmemacher Mehdi Zafari zum Beispiel ist hier geboren; 1986, da war er vier Jahre alt, flüchtete seine Familie nach Iran, wo Mehdi aufwuchs. Die Iraner kämpften gerade gegen die irakische Armee. Dieser Krieg dauerte acht Jahre lang – von 1980 bis 1988 – und forderte wahrscheinlich eine Million Tote. Mehdi schaute damals wie alle Schüler in Iran Kriegsfilme an, die Heldenmut und Opferbereitschaft der Iraner feierten. »Ich habe viele Tränen vergossen«, sagte Mehdi, »ich war ja ein Kind. In den Filmen zeigte man uns, wie die irakischen Panzer über Kinder hinwegrollten, die ihr Land verteidigen wollten!« Damals hatte er keine Ahnung, ob diese Filme gut oder schlecht waren, es waren die einzigen, die er zu sehen bekam. Als er 2003 nach Kabul kam, sah er zum ersten Mal Filme aus dem Westen. Einer der ersten war Saving Private Ryan – das Zweiter- Weltkriegs-Epos von Steven Spielberg. Mehdi sagt heute ganz trocken dazu: »Der war von der Qualität her viel besser!« Er wollte lernen, wie man solche Filme macht. Mehdi besuchte Ausbildungskurse, die von den Studios Varan aus Paris in Kabul angeboten wurden. Seinen ersten Dokumentarfilm machte er über die Kinder von Kharabat, das alte Musikerviertel Kabuls. Mehdi selbst weiß, dass er noch vieles besser machen könnte, dass sein Film noch lange nicht perfekt ist. Irgendwann im Laufe des Gespräches sagt er: »Ich lerne doch erst. Ich bin noch gar kein Filmemacher!« In diesem Moment wirkt er zart wie eine Pflanze, die gerade aus der Erde sprießt. Das ist das Irritierende an der Kultur in Kabul: Sie steht auf jungen, zerbrechlichen Beinen und muss doch das ganze Gewicht eines gewaltigen Krieges tragen.

 
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