Für eine Handvoll Kakaobohnen: Viele Kosumenten wissen nichts über die widrigen Produktionsbedingungen. In vielen Ländern schuften Kinder, von leckerer Schokolade können sie nur träumen © Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

Gut elf Kilogramm Schokolade pro Kopf gönnen sich die Deutschen im Jahr und belegen damit Platz eins auf der Welt. Deutschlands Hersteller setzten 2008 allein mit weihnachtlichen Schoko-Artikeln fast 500 Millionen Euro um. Allerdings hat der Genuss auch einen bitteren Beigeschmack, von dem viele Verbraucher gar nichts ahnen. Noch immer werden Kakaobohnen häufig von Kindern angebaut, unter menschenunwürdigen Bedingungen.

An der Elfenbeinküste – von dort stammen 40 Prozent des weltweit gehandelten Rohkakaos – arbeiten laut Schätzungen der Organisation Anti-Slavery International rund 200.000 Kinder im Kakaoanbau. Und obwohl sich die Schokoladenindustrie vor rund zehn Jahren verpflichtet hat, derlei Missstände zu beseitigen, kommen jüngste Berichte zu einem anderen Schluss: Eine im September erschienene Studie des kirchennahen Instituts Südwind belegt, dass sich die Lage in den betroffenen Staaten, wenn überhaupt, nur unwesentlich gewandelt hat. Zur Verbesserung der Situation gebe es »bislang nur ein paar Pilotprojekte«, so Friedel Hütz-Adams, Autor der Studie.

Auch die Umweltorganisation Greenpeace stieß auf alarmierende Zustände. Sie berichtet von Zehnjährigen, die im Kakaogürtel der Elfenbeinküste durch die harte Arbeit wie müde Alte aussehen und unter Hautkrankheiten sowie schweren Verletzungen leiden, teils zugefügt von Arbeitgebern. Sie müssten ohne Schutzkleidung mit Macheten und Pestiziden hantieren, stundenlang unter sengender Hitze für Hungerlöhne arbeiten, würden teils aus Mali und Burkina Faso verschleppt und auf Plantagen eingesperrt, nur mit einem Minimum an Essen und Trinken.

Ein zentraler Grund für die Missstände liegt im Kakaomarkt selbst. Er ist oft geprägt von ruinöser Konkurrenz und Korruption und damit unberechenbar. Die Preise schwanken stark und bieten den Bauern keine Verlässlichkeit. Allein in Westafrika sind 1,2 Millionen Kleinbauernfamilien abhängig von ihren sensiblen Kakaobäumen, die nur unter tropischer Hitze gedeihen und besonders anfällig für Pflanzenschädlinge sind. Das bedeutet immer wieder Ernteausfälle – und hohe Kosten für Pestizide sowie riesige Mengen an Wasser.

Für diese Plackerei erhält der Bauer an der Elfenbeinküste nur ein Drittel des Exportwertes der Kakaobohnen. In Ländern wie etwa Ghana ist die Quote meist höher, weil hier nicht so viel von Zwischenhändlern, Rebellen oder korrupten Beamten abgeschöpft wird. In vielen Fällen reicht der Erlös nicht einmal für den Kauf von Pflanzenschutzmitteln. So bleibt den Bauern nichts anderes übrig, als bei den Erntehelfern zu sparen. Das aber heißt: »Wenn die Eltern zu wenig verdienen, müssen die Kinder mithelfen«, so Hütz-Adams von Südwind. Oder es werden billige Arbeitskräfte aus Nachbarstaaten geholt – immer wieder Kinder, die von Menschenhändlern an die Kakaobauern verkauft werden.

Die politische Lage an der Elfenbeinküste verschärft die Situation auf den Plantagen. Bis 2007 herrschte dort Bürgerkrieg. Laut einer noch unveröffentlichten Studie der Vereinten Nationen sollen seit 2005 große Mengen Kakao aus der Elfenbeinküste nach Togo geschmuggelt worden sein, um die Bewaffnung von Rebellen zu finanzieren. Im November wurden lange geplante Wahlen erneut verschoben. Für ausländische Käufer ist es schwierig, ein Bild von den Anbaubedingungen im Land zu bekommen. »Man lässt uns dort nicht rein«, sagt der Unternehmer Alfred Ritter von Ritter Sport. Ganz anders in Lateinamerika und Asien , wo Qualitätskontrolleure prüfen können, ob Kinder wie Sklaven für Hungerlöhne beschäftigt werden. »Wenn man Kakaobohnen aus Westafrika kauft, sind das Mischungen, und niemand kann garantieren, dass hier keine Kinderarbeit im Spiel ist«, sagt Ritter.

Ein schier undurchdringliches Handelssystem, das von Land zu Land und von Produkt zu Produkt variiert, bestimmt den Weg der Bohne, bis sie zur Schokolade wird. Oft verdienen auch Zwischenhändler am Kakao. An der Elfenbeinküste sammeln zum Beispiel die sogenannten Pisteurs bei den Kleinbauern den Rohstoff ein und bringen ihn zu den Händlern. Andere Bauern haben sich zu Genossenschaften zusammengeschlossen. Dann läuft der Verkauf an die Exporteure über diese Organisationen. Doch das hilft nur bedingt. Denn garantierte Mindestpreise gibt es in der Regel nicht.