Alan Pauls Das Gift der Anhänglichkeit

Keine Rettung für das Paar: Alan Pauls hat mit »Die Vergangenheit« einen radikalen Roman über die Liebe geschrieben

Die Liebe auf Dauer zu stellen, ist schwierig. Aber eine Liebe, die lange gedauert hat, zu beenden, kann noch schwieriger sein. Denn dort, wo sie länger geblüht hat als einen Frühling, ist sie vor allem eines: Zeit, Lebenszeit. Nach der Trennung müssen sich die Partner der Frage stellen, wie sie sich zu dieser Zeit, damit sie im Rückblick nicht zu einer vergeudeten wird, verhalten wollen. Wenn sie ihre Liebe als ein einziges Missverständnis verwerfen, erklären sie einen Teil ihrer Biografie für nichtig. Umgekehrt aber bleibt es auch eine paradoxe Aufgabe: Denn wenn sie dieser Zeit, wie es das erfüllte Leben verdient, gerecht bleiben wollen, ist es mit der Wirksamkeit der Trennung vorbei. Wenn man nicht bereit ist, die Vergangenheit durchzustreichen, entkommt man ihren Fängen nicht.

Alan Pauls, 1959 geboren, ist ein argentinischer Schriftsteller. Roberto Bolaño hat ihn einmal zu einem »der größten lebenden Autoren Südamerikas« ausgerufen. In Deutschland war er bisher unbekannt, jetzt liegt sein großer Roman Die Vergangenheit aus dem Jahr 2003 in der brillanten Übersetzung von Christian Hansen auf Deutsch vor. Und man muss zugeben: Hier ist ein furchtloser, ein radikaler Autor am Werk, dem es ums Ganze geht. Der Roman erzählt von den pathologischen Obsessionen der Liebe. Aber auch seine Sprache, die weit ausholenden Satzperioden, sein Beobachtungsfuror, der Detail für Detail aufeinandertürmt, um ein schillernd-düsteres Schlachtengemälde der Gefühle zu entwerfen, ist selbst hochgradig obsessiv. Ein Buch für die Jünger des Maßlosen.

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Der Roman erzählt die Geschichte von Sofía und Rímini. Sie sind seit Schulzeiten ein Paar, das so sehr eine sich selbst erfüllende Einheit bildet, dass ihnen die Versuchungen der Untreue fremd sind. Man darf sie sich ein bisschen wie Platons Kugelwesen vorstellen: lebendige Bilder einer perfekten Urform. Sofías und Ríminis Freunde, liberal-promiskuitive Bohemiens, beobachten dieses gelebte Denkmal der Monogamie anfänglich misstrauisch, wie eine empörende, reaktionäre Verbohrtheit oder Uneinsichtigkeit, aber irgendwann gewöhnen sie sich an den beruhigenden Zustand, dass in einem Leben permanenter Veränderungen zumindest auf die unverbrüchliche Einheit von Sofía und Rímini Verlass ist.

Zwölf Jahre währt die Ehe von Sofía und Rímini, dann kommt auch bei ihnen das Ende. Was es genau ist, das schließlich die Ehe scheitern lässt, interessiert den Autor nicht sehr. Das Unwahrscheinliche hatte schon lange genug gedauert, nur normal, dass es irgendwann zu Ende geht. Sofía und Rímini sind ja nicht Philemon und Baucis. Obwohl sie selbst in der Trennung noch wie das perfekte Paar agieren: »Wie alles planten sie sie (die Trennung) gemeinsam, mit der Gewissenhaftigkeit, dem Fleiß, der handwerklichen Genauigkeit, womit sie über die Jahre die Trophäen der Liebe geschmiedet hatten.«

Und damit ist Alan Pauls bei seinem Thema: Wie kann man ohne einander weiterleben, nachdem man so lange miteinander gelebt hat? Im Spanischen heißt der Roman El Passado . Das deutsche »Vergangenheit« ist vielleicht ein bisschen zu sehr geschichtspolitisch und psychoanalytisch aufgeladen, als Wort zu wenig in die Gegenwart des Alltags eingebunden: Denn bei Alan Pauls ist einfach das Geschehene, das gemeinsam Erlebte gemeint, das, was passiert ist und nun das eigene Leben ausmacht. Rímini und Sofía mögen sich trennen, aber sie haben eine gemeinsame Vergangenheit, die ihr Leben ist.

In ihrem Bekanntenkreis schlägt die Nachricht ein wie eine Bombe: »Einige – die wenigen, die sich noch immer rühmten, die Trennung vorhergesehen zu haben – bedauerten die Nachricht mit melancholischer Befriedigung, wie jemand, der das Verschwinden einer hinfälligen, aber lieb gewonnenen Institution beklagt, die niemand mehr aufsucht, die aber Teil eines atavistischen Erbes ist. Andere drückten ihre Überraschung in einer Tonlage aus, die Wundern angemessen gewesen wäre, als handelte es sich bei Rímini und Sofía um siamesische Zwillinge, die endlich chirurgisch individualisiert und dabei vermutlich liquidiert worden waren.«

Wenn man den Roman zusammenfassen wollte, müsste man sagen: Die Operation misslingt. Die Patienten verbluten. Als autonome Individuen haben sie keine Überlebenschance. Aber vorher hat der Roman in einem aberwitzigen Bogen aus Handlungsstillstand und seelischer Tiefenbohrung bewiesen, dass es kein philosophischeres Thema gibt als die Liebe.

Leser-Kommentare
  1. Ich habe das Buch in der original Sprache gelesen .
    Leider werden südamerikanische Autoren viel zu überdreht und sprachlich zu anspruchsvoll übersetzt.
    Das Spanisch der Argentinier ist bleiern und kitschig , vulgär und im Grunde wenig komplex .
    Almodovar ist sogar noch näher als vorher beschrieben.
    Proust hingegen könnte nicht weiter weg sein , von der schábigen und narzistischen Weltanschaung Argentinischer liebender.
    Das Buch ist,bedingt durch die viel zu brillante Übersetzung,überbewertet und kann dem guten Ruf der Schriftsteller in Argentienen leider nichts hinzufügen .
    In einem Land in dem es mehr Psychonalythiker als Geschlechtverkehr gibt kann kein Buch geschrieben werden was den neorothischen Dialektik ansprüchen der Deutschen gerecht wird . Das Buch ist zu gut übersetzt.
    Trotzdem hat es Spass gemacht es zu lesen

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