Martenstein "Pro Tag schaffe ich maximal zehn Dinge"
Harald Martensteins "To-do-Liste" wird immer detaillierter. Er führt darin auch Dinge auf wie "spazieren gehen" oder "E-Mails lesen".
Seit ungefähr meinem 16. Lebensjahr führe ich eine Liste, ich schreibe auf, was ich erledigen muss. Heute, diese Woche, irgendwann. Ich nenne dies "meine To-do-Liste". Ich möchte übrigens keine Briefe von Menschen bekommen, die gegen die Verwendung der englischen Sprache im deutschen Sprachraum sind. Die Liste wird immer auf einer hellblauen Karteikarte geschrieben. Sie muss hellblau sein. Warum? Gott allein weiß es.
Am Anfang hatte ich eine einzige Karte. Auf der Karte gab es Kolonnen für "dringend", für "diese Woche" und für "irgendwann". Wenn ich etwas erledigt hatte, strich ich diese Sache durch, wenn die Karteikarte unübersichtlich geworden war, schrieb ich eine neue Karte. Beim Schreiben der neuen Karte erinnerte ich mich staunend an all die Dinge, die ich noch nicht erledigt hatte.
Manchmal sortierte ich etwas aus, weil es sich von selbst erledigt hatte oder weil ich es nun doch nicht tun wollte. Manchmal gruppierte ich beim Neuschreiben etwas um, etwa "Autosteuer überweisen" von "irgendwann" in "dringend".
Im Laufe der Zeit sind meine Karten immer detaillierter geworden. Ich schreibe alles auf, auch "spazieren gehen", "E-Mails lesen" oder "Geld abheben". Wenn es nicht in der Liste steht, vergesse ich es, außer Essen und Schlafen. Ich schreibe auch auf, welche Bücher ich kaufen will und welche von den gekauften Büchern ich lesen möchte, wen ich wieder mal anrufen sollte oder möchte, in welchem Lokal ich gerne mal speisen oder wo ich gerne mal hinfahren würde.
Ich würde gerne mal wieder nach Sylt fahren. Seit vielen Monaten steht folglich "Sylt" auf der Liste, jedes Mal beim Neuschreiben denke ich: "Ach ja, stimmt, Sylt." Das muss nichts heißen. Ich hatte jahrelang, echt jahrelang, "Frankreich" auf der Liste, ich wollte nicht vergessen, mal wieder Urlaub in Frankreich zu machen, aber dann ist diese Lust, vielleicht durch das Karteikartenschreiben, eines Tages verschwunden gewesen.
Inzwischen habe ich fünf hellblaue Karteikarten. Auf einer stehen die Dinge, die ich beruflich tun sollte, geordnet nach Dringlichkeit, Nummer zwei enthält alles, was in Wohnung und Haushalt ansteht. Wenn in der Küche eine Glühbirne ausfällt, hole ich die Karte und notiere: "Birne Küche". Das beruhigt mich, ich kann dann eine ganze Weile mit der kaputten Birne leben. Nummer drei ist die Liste möglicher Kolumnenthemen. Nummer vier enthält alles, was nicht in die anderen drei Kategorien passt, zum Beispiel "Augenarzt", "Friseur" oder "neues Fitnessstudio suchen". Nummer fünf ist die Tagesliste. Jeden Morgen schreibe ich die Tagesliste, mithilfe des Terminkalenders und der anderen vier Karten.
- Datum 14.12.2009 - 12:49 Uhr
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- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 17.12.2009 Nr. 52
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werter Herr Martenstein, oder Schellack?
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
So fängt der WAHNSINN an! Oder ist er bereits unheilbar fortgeschritten?
Seit einigen Jahren führe ich ganz ähnliche Listen. Nur dass meine eher unstrukturiert (nicht nach Dringlichkeit sortiert) sind und sich nicht auf Karteikarten, sondern (als ökologisch nützliche Art der Wiederverwendung) auf DIN-A6-Größe zurechtgeschnittenem einseitig bedrucktem Papier befinden.
Schön, dass ich mich bei der Verwendung externer, analoger Speichermedien in guter Gesellschaft befinde und mir darüber hinaus noch Verbesserungspotenzial aufgezeigt wird! ;)
Bereits mit 16 Jahren haben sie begonnen? Ich schreibe auch fast täglich eine Liste und streiche Erledigtes (keine Spaziergänge/gehe nie so einfach spazieren...) durch. Bei mir hat das allerdings erst um die 40 Jahre angefangen. Ansonsten kann ich meinen Alltag in ihrem Artikel wieder finden(war allerdings noch nie auf Sylt - nur dreimal auf Juist..ist das ein Ersatz?), besonders die "Birne Küche" ist bei mir schon länger defekt.
Wenn die "To-do-List" abgearbeitet ist - final?
Und nicht mehr honoriert wird?
Wäre traurig für mich als ZEIT-Leser.
Die Idee gefällt mir ! To do Listen bestanden für mich vormals aus Arbeit und Unannehmlichkeiten, ja, ich habe das Vergnügen vergessen.
Herzlichen Dank
Jemand hat soeben meinen Tag gerettet.Harald Martenstein hat mir soeben aus der Seele gesprochen.Der Mensch braucht jemanden, der ihn versteht. Ich bin also kein Freak!
Auf meinem Listenblock gibt es alles auf einmal zu sehen, - zugegebenermaßen in vier Spalten unterteilt:Die Linien trennen Tag/Woche/Irgendwann und Utopia von einander.Unerledigtes Blau hebt sich von erledigtem Rot ab.Die Utopiaspalte(mein Traumhaus mitten im Wald bauen,beim Yoga den Kopfstand schaffen,endlich die richtige Frisur finden...)gestaltet sich demnach purpurfarben.Beim Neuschreiben zerkritzelter Altlisten erfreue auch ich mich immer wieder an längst entsorgten Plänen.Der alte zerfledderte Schreibblock ist sozusagen mein persönliches Denkarium der Zukunft, wenn man so möchte.Beim Zurückblättern aber lese ich in meinem mal mehr,mal weniger real berichtendem Tagebuch.Bisher habe ich dem verlockenden Gedanken auf Excel-Tabellen umzusteigen ja noch standgehalten. Angeregt durch Ihre Ausführungen jedoch wächst in mir der Wunsch nach Perfektion: Verehrter Herr Martenstein, zusammen können wir die Welt verändern!Wir könnten Statistiken erstellen: Erledigt 2009, Unerledigt 2010, Prozentualer Überhang der Utopia- Spalte zur Tagesliste...-Ein verführerischer Gedanke, dem Sie wohl kaum widerstehen werden können,nicht wahr?
Eine weiterhin so flinke Feder und ein straff organisiertes Jahr 2010 wünscht Ihnen
Ihre S.Z.
Jemand hat soeben meinen Tag gerettet.Harald Martenstein hat mir soeben aus der Seele gesprochen.Der Mensch braucht jemanden, der ihn versteht. Ich bin also kein Freak!
Auf meinem Listenblock gibt es alles auf einmal zu sehen, - zugegebenermaßen in vier Spalten unterteilt:Die Linien trennen Tag/Woche/Irgendwann und Utopia von einander.Unerledigtes Blau hebt sich von erledigtem Rot ab.Die Utopiaspalte(mein Traumhaus mitten im Wald bauen,beim Yoga den Kopfstand schaffen,endlich die richtige Frisur finden...)gestaltet sich demnach purpurfarben.Beim Neuschreiben zerkritzelter Altlisten erfreue auch ich mich immer wieder an längst entsorgten Plänen.Der alte zerfledderte Schreibblock ist sozusagen mein persönliches Denkarium der Zukunft, wenn man so möchte.Beim Zurückblättern aber lese ich in meinem mal mehr,mal weniger real berichtendem Tagebuch.Bisher habe ich dem verlockenden Gedanken auf Excel-Tabellen umzusteigen ja noch standgehalten. Angeregt durch Ihre Ausführungen jedoch wächst in mir der Wunsch nach Perfektion: Verehrter Herr Martenstein, zusammen können wir die Welt verändern!Wir könnten Statistiken erstellen: Erledigt 2009, Unerledigt 2010, Prozentualer Überhang der Utopia- Spalte zur Tagesliste...-Ein verführerischer Gedanke, dem Sie wohl kaum widerstehen werden können,nicht wahr?
Eine weiterhin so flinke Feder und ein straff organisiertes Jahr 2010 wünscht Ihnen
Ihre S.Z.
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