Seit ungefähr meinem 16. Lebensjahr führe ich eine Liste, ich schreibe auf, was ich erledigen muss. Heute, diese Woche, irgendwann. Ich nenne dies "meine To-do-Liste". Ich möchte übrigens keine Briefe von Menschen bekommen, die gegen die Verwendung der englischen Sprache im deutschen Sprachraum sind. Die Liste wird immer auf einer hellblauen Karteikarte geschrieben. Sie muss hellblau sein. Warum? Gott allein weiß es.

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Am Anfang hatte ich eine einzige Karte. Auf der Karte gab es Kolonnen für "dringend", für "diese Woche" und für "irgendwann". Wenn ich etwas erledigt hatte, strich ich diese Sache durch, wenn die Karteikarte unübersichtlich geworden war, schrieb ich eine neue Karte. Beim Schreiben der neuen Karte erinnerte ich mich staunend an all die Dinge, die ich noch nicht erledigt hatte.

Manchmal sortierte ich etwas aus, weil es sich von selbst erledigt hatte oder weil ich es nun doch nicht tun wollte. Manchmal gruppierte ich beim Neuschreiben etwas um, etwa "Autosteuer überweisen" von "irgendwann" in "dringend".

Im Laufe der Zeit sind meine Karten immer detaillierter geworden. Ich schreibe alles auf, auch "spazieren gehen", "E-Mails lesen" oder "Geld abheben". Wenn es nicht in der Liste steht, vergesse ich es, außer Essen und Schlafen. Ich schreibe auch auf, welche Bücher ich kaufen will und welche von den gekauften Büchern ich lesen möchte, wen ich wieder mal anrufen sollte oder möchte, in welchem Lokal ich gerne mal speisen oder wo ich gerne mal hinfahren würde.

Ich würde gerne mal wieder nach Sylt fahren. Seit vielen Monaten steht folglich "Sylt" auf der Liste, jedes Mal beim Neuschreiben denke ich: "Ach ja, stimmt, Sylt." Das muss nichts heißen. Ich hatte jahrelang, echt jahrelang, "Frankreich" auf der Liste, ich wollte nicht vergessen, mal wieder Urlaub in Frankreich zu machen, aber dann ist diese Lust, vielleicht durch das Karteikartenschreiben, eines Tages verschwunden gewesen.

Inzwischen habe ich fünf hellblaue Karteikarten. Auf einer stehen die Dinge, die ich beruflich tun sollte, geordnet nach Dringlichkeit, Nummer zwei enthält alles, was in Wohnung und Haushalt ansteht. Wenn in der Küche eine Glühbirne ausfällt, hole ich die Karte und notiere: "Birne Küche". Das beruhigt mich, ich kann dann eine ganze Weile mit der kaputten Birne leben. Nummer drei ist die Liste möglicher Kolumnenthemen. Nummer vier enthält alles, was nicht in die anderen drei Kategorien passt, zum Beispiel "Augenarzt", "Friseur" oder "neues Fitnessstudio suchen". Nummer fünf ist die Tagesliste. Jeden Morgen schreibe ich die Tagesliste, mithilfe des Terminkalenders und der anderen vier Karten.