Die Schweiz ist ein glückliches Land. Sie ist die Heimat der Freiheitsliebe und ein Musterschüler direkter Demokratie, von Bergen umstellt und von Freunden umzingelt. Wir bewundern die Schweiz. Doch vor Kurzem hat die glückliche Schweiz in einer Volksabstimmung beschlossen, ihre Bundesverfassung um einen kleinen, unscheinbaren Artikel zu ergänzen. Über diese Volksabstimmung ist viel geschrieben worden, denn das Ergebnis verblüffte die Weltöffentlichkeit: Die kompakte Majorität der Schweizer Bürger hat sich dafür entschieden, dass die Religionen künftig nicht gleich, sondern ungleich behandelt werden. »Artikel 72 Absatz 3 neu« heißt schlicht: »Der Bau von Minaretten ist verboten.«

Aber nicht nur die Volksabstimmung, in der eine Mehrheit die Rechte einer Minderheit beschneidet, ist erstaunlich. Erstaunlich ist auch der Umstand, dass Intellektuelle die Schweizer Entscheidung nicht nur gutheißen, sondern sie sogar feiern: als tapfere Widerstandshandlung gegen den allmächtigen Islam, als Fanal gegen die Gleichgültigen, die Feigen und Angepassten.

Wer sind diese Intellektuellen? Es sind nicht bedrängte Christenmenschen. Es sind auch nicht klerikale Konservative, die am Matterhorn das Abendland gegen die Türken verteidigen. Es sind vielmehr säkulare Intellektuelle, die in der Tradition von Liberalismus und Aufklärung stehen und für die ein Lessing, ein Heinrich Heine oder Ludwig Börne ein Vorbild abgibt. Auch die neuen Aufklärer kämpfen mit der Fackel der Vernunft gegen den Fanatismus, genauer: Sie kämpfen gegen den Islam, gegen seine Dunkelmänner und falschen Freunde. Die Schweizer, sagen sie, haben Mut. Eifern wir ihnen nach.

Die Schweizer Stimmen waren kaum ausgezählt, da meldete sich der Publizist Henryk M. Broder zu Wort und fand an der Abstimmung spontan Gefallen. Nicht die Muslime hätten verloren, schreibt er; verloren hätten die »Appeaser« und die »Gutmenschen, die eine andere Kultur immer verteidigenswerter finden als die eigene«. Broder, der seit Jahren vor der Islamisierung Europas warnt, gibt sich stets große Mühe, lustig zu schreiben, aber er meint es bitterernst: Er will die westliche Toleranz vom Maß der Religionsfreiheit in islamischen Diktaturen abhängig machen (siehe zu diesem Argument auch Gustav Seibt in der SZ vom 14.12.2009) »Tit for tat«, ruft Broder, und das heißt: Solange in den arabisch-islamischen Ländern christliche Gebetshäuser untersagt seien, so lange müsste Muslimen auch hierzulande der Bau von Moscheen verboten werden. »Wenn iranische Frauen in Vollverschleierung durch München flanieren können, müssen europäische Frauen in der Kleidung ihrer Wahl durch Teheran oder Isfahan gehen dürfen, ohne von den notgeilen Greifern der Sittenpolizei belästigt zu werden«.

Wie Broder, so begrüßt auch die amerikanische Historikerin Anne Applebaum in der Washington Post die Schweizer Abstimmung. Es mag sein, schreibt sie gut gelaunt, dass gut integrierte Muslime das Minarettverbot als Provokation empfänden, aber alles in allem sei das Ergebnis doch eine gute Vorbeugung gegen den fundamentalistischen Missbrauch der eidgenössischen Religionsfreiheit.

Nicht anders die bekannte Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali. Auch sie betrachtet das Minarettverbot als verdiente Niederlage der kosmopolitischen Träumer, die die Furcht der kleinen Leute, der Arbeiter und Angestellten, schmählich vergessen hätten. Was den Islamismus angeht, weiß Hirsi Ali allerdings, wovon sie spricht. Die gebürtige Somalierin war Abgeordnete des niederländischen Parlaments, als fundamentalistische Killer ihr Morddrohungen ins Haus schickten und sie zwangen, unterzutauchen. Aber auch schon vorher weigerte sich Hirsi Ali beharrlich, in einem Minarett ein religiöses Zeichen zu sehen. Für sie handelt es sich um ein brandgefährliches politisches Symbol, vergleichbar nur dem Hakenkreuz der Nazis oder Hammer und Sichel des Kommunismus. Entsprechend betrachtet sie den Islam als religiös getarnten Kampfverband, als eine totalitäre politische Theologie, die unter dem Schleier spiritueller Erbauung auf faktische Welteroberung zielt. Deshalb muss die Religion, die keine ist, aufgeklärt und, so darf man ergänzen, zum Verschwinden gebracht werden.

Nicht ganz so radikal, aber mit viel polemischem Überschuss argumentiert die Berliner Soziologin Necla Kelek. Sie nennt die Schweizer Entscheidung »tragisch« und lehnt es ausdrücklich ab, Minarette verbieten zu lassen. Aber auch für Kelek ist der Islam eine subversive Theologie, die auf die Gesellschaft im Ganzen zielt, auf ihre Freiheit und ihre Lebensweise. Der Islam, schreibt sie in einer Antwort auf Gerhard Schröder (ZEIT Nr. 51/09), sei beileibe »nicht nur der Glaube an den Einen Gott«, wer das annehme, lebe auf dem Mond. »Das Misstrauen der Schweizer gegenüber den Moscheevereinen rührt auch aus der Konspiration, die in den Moscheen gepflegt wird… Von den Muslimen erfahren die Schweizer so wenig wie die Deutschen. Aber läuft sicher auch unter Religionsfreiheit« (FAZ vom 11.12.2009). Für Kelek gibt es keinen Zweifel: Die Mehrheitsgesellschaften verdrängen die islamische Gefahr und lassen sich vom esoterischen Zauber des Heiligen betören. In Wirklichkeit, schrieb sie an anderer Stelle, sei die Nächstenliebe dem Islam »genauso fremd wie die Seelsorge.«

Was ist an diesen Sätzen falsch? Und ist überhaupt etwas falsch? Haben die Mahner und Warner nicht recht – zumal dann, wenn man an den infamen Präsidenten Ahmadineschad denkt, der die iranische Theokratie mit Mord und Folter verteidigt und Israel mit atomarer Vernichtung droht? Und verdient die leidgeprüfte Aayan Hirsi Ali nicht Bewunderung dafür, wenn sie die schwache Stimme der liberalen Vernunft gegen den Fanatismus der Orthodoxie erhebt?

 

Und doch: Bei aller berechtigten Angst vor dem Islamismus verdienen die säkularen Aufklärer Widerspruch. In ihrem Religionsbegriff steckt ein großer, unaufgeklärter Rest, ein Hochmut der Vernunft, der ihrer liberalen Sache mehr schadet als nutzt. Vor allem in den Büchern und Interviews Hirsi Alis erscheint die religiöse Welt des Islams oft genug als blanker »Un-Sinn« – als dunkle Verirrung, die in erratischer Unversöhnlichkeit aus einer archaischen Wüstenlandschaft in die Gegenwart des taghellen Liberalismus hineinragt. Weil der Islam für Hirsi Ali das »ganz Andere« der säkularen Vernunft ist, darf es nur ein Entweder-oder geben: Die Muslime müssten eine »Wahl treffen zwischen den Werten der Länder, in die sie gekommen sind, und den Werten der Länder, die sie verlassen haben«. Muslime, heißt dies, müssen ihrer Religion abschwören; sie müssen sie radikal privatisieren und sich in andächtiger Einkehr jeder Aussage über die Welt enthalten. Nur wer seinen Glauben aufgibt oder ihn im privaten Seelenwinkel stumm vor der Gesellschaft verbirgt, nur der ist ein guter Bürger.

Säkularisten wie Broder, Kelek oder Hirsi Ali sind der Auffassung, dass der liberale Staat erst dann zufriedenstellend funktioniert, wenn er von einer säkularen Gesinnung getragen wird; wenn der Einfluss der (islamischen) Religion auf die politische Willensbildung so weit wie möglich eingedämmt wird. Anders gesagt: Die historische Säkularisierung des Staates muss in der Säkularisierung der Gesellschaft ein Fundament haben. Alles andere ist für Hirsi Ali ein Einfallstor für den islamischen Feind – einen Feind, in dem sie umstandslos einen neuen Totalitarismus erkennt, nicht minder gefährlich als Faschismus und Kommunismus.

Gegen diesen Säkularismus lässt sich alles Mögliche vorbringen, aber der wichtigste Einwand lautet: Er wird das Gegenteil bewirken. Schon aus diesem Grund lohnt es sich, eine aufregende Kontroverse nachzulesen, die vor knapp zwei Jahren im Perlentaucher geführt und in Thierry Chervels Buch Islam in Europa (Suhrkamp Verlag) wieder abgedruckt wurde. Pedantisch zerpflücken darin der Historiker Timothy Garton Ash und der Kulturwissenschaftler Ian Buruma die Argumente der Säkularisten und zeigen, dass ihr Kampf gegen den Islam selbst eine fundamentalistische Schlagseite hat. Niemand, schreiben sie, könne von den Muslimen verlangen, mit ihrer Religion Tabula rasa zu machen. »Wenn wir religiösen Extremismus besiegen wollen, müssen wir den Mainstream der Muslime als Verbündete gewinnen« – und dann könne man nicht erwarten, dass sie dem Glauben ihrer Väter abschwören.

Und was nun? Vielleicht ist der Weg, den die Deutsche Islam Konferenz beschreitet, der Erfolg versprechende. Diese fordert nicht den Verzicht auf religiösen Selbstausdruck und kämpft nicht gegen Minarette. Die Islamkonferenz reduziert Muslime auch nicht auf ihre religiöse Identität; sie spricht sie vielmehr als Bürger an und fordert von ihnen das Selbstverständliche: dass sie ihre Glaubenswahrheiten mit den Menschenrechten vereinbaren und die Verfassungsgrundsätze ebenso achten wie die Freiheit der Gewissensentscheidung. Dieses Programm zielt nicht auf die säkularistische Privatisierung der Religion, sondern auf ihre demokratische Entschärfung. Niemand muss seinen Glauben verleugnen; jeder kann aus seiner religiösen Überzeugung heraus Einfluss auf die politische Willensbildung nehmen.

Zugegeben: Was ist das verschlissene Wort »Integration« gegen eine Division von Plakaten, auf denen Minarette sich wie iranische Atomraketen in den westlichen Himmel recken? Auch wer sich über das islamistische Gewaltpotenzial keine Illusionen macht, der muss doch über eine mentale Radikalisierung erschrecken, die von der Schweiz ausgeht und in anderen Ländern vermutlich dankbar aufgenommen wird. Dankbar deshalb, weil der Affekt gegen den Islam nicht nur religiöse, sondern auch gesellschaftliche Gründe hat. Die Finanzkrise erschüttert die ökonomische Weltbildsicherheit, und es ist keineswegs Zufall, dass in der finanzstärksten Partei der Schweiz, in der rechtspopulistischen SVP, Marktfundamentalismus und Aufklärungsfundamentalismus eine schlagende Verbindung eingehen. Kurzum, die erschütterte Identität soll nun neu befestigt werden, und dafür braucht man einen äußeren Feind, von dem man behaupten kann, er habe längst von der nationalen Seele Besitz ergriffen. Diese Saat ist aufgegangen; die meisten Befürworter des Minarett-Verbots leben in Gegenden, wo sich gar keine Muslime finden.

Übrigens, Thilo Sarrazin hat sich wieder gemeldet: Nun fordert er ein Kopftuchverbot an Berliner Schulen.

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