Museumsführer (33) Sächsische Heilige

Der ZEIT-Museumsführer (33): Das Schlossbergmuseum in Chemnitz

Noch vor Kurzem konnte, wer nach Meißen kam und hinauf zur Albrechtsburg stieg, eine Entdeckung machen. Er trat in einen schummrigen Saal der Burg und fand sich unter lauter gotischen Heiligen, Marien, Heilanden wieder. So unmuseal, so dicht gedrängt standen, knieten, hingen sie da, dass der Besucher denken mochte, er habe die geheime Zuflucht der Nothelfer des vorreformatorischen Sachsen entdeckt. Was nicht ganz falsch war.

Nach dem Bildersturm der Reformation senkten sich der Staub und die Ignoranz der Jahrhunderte auf die sakrale Kunst, die ihn überstanden hatte, oft auf den Dachböden von Dorfkirchen. Erst das romantische frühe 19. Jahrhundert besann sich auf den Skulpturenschatz und holte ihn wieder ans Licht. Der Königlich Sächsische Altertumsverein von 1825 zog, wie ähnliche Vereine anderswo im Land, über die Dörfer und barg, was übrig war, staunenswerte Kostbarkeiten darunter. Aus dieser Schatzsuche ging die Dresdner Sammlung hervor, die dort von 1891 bis 1945 im Palais im Großen Garten gezeigt wurde. Dann kam das verheerende Bombardement Dresdens vom 13. Februar 1945. Der Feuersturm, der eben auch ein Bildersturm war, dezimierte den Bestand der alten Heiligen noch einmal. Und etliche derer, die man wiederum hatte retten können, fanden dann Zuflucht auf der Burg in Meißen.

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Serie Museumsführer
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Dort sind sie nicht mehr. Letzten Sommer sind sie abermals weitergezogen, nach Chemnitz. Hier haben sie nun, vereint mit Beständen von dort und aus Dresden, Asyl in einem gut ausgeleuchteten, wohlklimatisierten Haus gefunden, auf dessen ebenmäßige Temperaturkurven auch jetzt bei Frost die Museumsleute stolz sind – dem Schlossbergmuseum. Es ist ein passender Ort. Sein Kern ist die rekonstruierte Klausur des mittelalterlichen Benediktinerklosters. Ihm verdankt Chemnitz seine Stadtgründung. Und ihm geschah in der Reformation das Gleiche, was auch den Skulpturen geschah. Man besucht sie gewissermaßen daheim: Nothelfer a. D. in einem aufgehobenen Kloster. Das Heilige ist Kunst geworden, das Kloster ein Museum.

Eine ungemein reiche Sammlung: Lindenholzleiber, halb nackt oder in Goldmäntel gehüllt. Lächelnde, metaphysische Madonnen des Weichen Stils neben einem zermarterten Christus am Kreuz oder kurz davor »in der Rast«. Antlitze, die entzücken oder zur Imitatio einladen sollten, zum kontemplativen Nachfühlen des Kreuzestodes. Die Gotik hat, gerade dort, wo sie Skulptur wurde, nichts von ihrer eindringlichen Schönheit verloren. Ihre spirituelle Kraft hallt nach. Lange vor Rilke, in einer Zeit, in der die wenigsten lesen konnten und das Wort – fremd und schwer begreifbar ohnehin – zudem in einer fremden Kirchensprache verkündet wurde, sagten diese Heiligen dem, der sie anschaute: Du musst dein Leben ändern!

Es liegt in der Natur des Materials, dass eher die steinernen Plastiken der Gotik erhalten sind, die Werke der Holzschnitzer brannten nun einmal leichter. Manchen sieht man den Brand, den Hieb mit der Blankwaffe noch an. Fast harmlos der abgeschlagene Hut des heiligen Bonaventura; drastischer schon die abgehackten Hände des heiligen Nikolaus; den 13. Februar hat eine Figurengruppe nur halb verkohlt überlebt.

Zu den schönsten Stücken der Sammlung gehört der heilige Georg, der den Drachen so tänzerisch-elegant besiegt, als habe er sich das bei Shiva abgeschaut, dem Hindu-Gott, der tanzend Dämonen tötet. Das Silber der Rüstung des heiligen Ritters ist über die Jahrhunderte gedunkelt, sonst fehlt ihm nichts. Er war Teil einer Altarbekrönung, vermutlich in Neukirchen an der Pleiße bei Zwickau. Was die Frage aufwirft, wieso eine sächsische Dorfkirche sich kurz vor 1500 derart begabte Künstler, derart prächtige Plastiken leisten konnte. Und es war kein Einzelfall, das Beispiel steht für viele. Die Antwort ist: Silber.

Der plötzliche Reichtum sächsischer Dorfkirchen kam mit dem Bergsegen – den Silberfunden im Erzgebirge um 1470. Die Silberstädte ließen ihre Kirchen schöner ausstatten und gaben, was ersetzt wurde, dörflichen Kirchen. Und sächsische Holzschnitzer konnten es sich nun leisten zu reisen, sie wurden besser, Einflüsse aus dem Rheinland, ja sogar aus Italien und Byzanz finden sich.

Dem Silber blieben aber nur wenige Jahrzehnte, um seine segensreiche Wirkung zu tun. Das Auftreten Luthers und der Bilderstürmer beendete das sächsische Kunstwunder ebenso jäh, wie es begonnen hatte. Wobei das Wort Kunst fragwürdig ist. So wie die Vorführung astralweißer griechischer Marmorgötter in unseren Museen eine Illusion des deutschen Idealismus war, so wäre die Vereinnahmung dieser Holzheiligen als reine Kunstwerke die Anmaßung einer kunstbesessenen Gegenwart. Reine Kunst waren sie durchaus nicht. Sie waren fester Teil des Ritus, des Kirchenjahres und seiner heilsgeschichtlichen Ereignisse.

Das Heilige Grab etwa – und Chemnitz ist zurecht stolz darauf, ein so prächtiges, gut erhaltenes Exemplar zu besitzen – wurde in jeder Karwoche aus der Sakristei in die Kirche gerollt, um den vom Kreuz genommenen Christus aufzunehmen. Und dass mancher Christus in Chemnitz keine Arme hat, liegt einmal nicht an den Untaten radikaler Bilderstürmer, sondern an der praktischen Notwendigkeit, den Leichnam Christi nach der frommen Imitatio der Kreuzesabnahme mit angelegten, also beweglichen, nur angesetzten Armen ins Grab zu betten. Es ist eine Bilderwelt, aus der diese Figuren kommen. Jedes Detail hat Bedeutung.

Eine andere faszinierende Gestalt ist Christus in der Rast aus der Nikolaikirche in Grimma. Sitzend, bedrückt von der Kreuzeslast, den Kopf auf die Rechte gestützt, ist er seiner originalen Farben entkleidet, seiner naturalistischen Dornenkrone, seiner Rosshaarperücke. So gefällt er uns, so ist er uns nahe, der ferne Heiland: ein überzeitlicher Ecce-Homo, ein Weiser ohne die Attribute der Passion und den Skandal der Göttlichkeit. Über dieses Rätsel kann man nun nachsinnen. Steckt im gotischen Schmerzensmann letztendlich dieser Weise, läuft also alle frühere Religion auf unsere spirituelle world music hinaus, oder ist gerade die metaphysische Nacktheit der Verlust?

 
Leser-Kommentare
  1. da wohnt man gar nicht so weit weg und muss erst die Zeit lesen, um so schön auf diesen Schatz und Dokument sächsischer Geschichte hingewiesen zu werden.

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