Museumsführer (33) Sächsische HeiligeSeite 2/2

Dem Silber blieben aber nur wenige Jahrzehnte, um seine segensreiche Wirkung zu tun. Das Auftreten Luthers und der Bilderstürmer beendete das sächsische Kunstwunder ebenso jäh, wie es begonnen hatte. Wobei das Wort Kunst fragwürdig ist. So wie die Vorführung astralweißer griechischer Marmorgötter in unseren Museen eine Illusion des deutschen Idealismus war, so wäre die Vereinnahmung dieser Holzheiligen als reine Kunstwerke die Anmaßung einer kunstbesessenen Gegenwart. Reine Kunst waren sie durchaus nicht. Sie waren fester Teil des Ritus, des Kirchenjahres und seiner heilsgeschichtlichen Ereignisse.

Das Heilige Grab etwa – und Chemnitz ist zurecht stolz darauf, ein so prächtiges, gut erhaltenes Exemplar zu besitzen – wurde in jeder Karwoche aus der Sakristei in die Kirche gerollt, um den vom Kreuz genommenen Christus aufzunehmen. Und dass mancher Christus in Chemnitz keine Arme hat, liegt einmal nicht an den Untaten radikaler Bilderstürmer, sondern an der praktischen Notwendigkeit, den Leichnam Christi nach der frommen Imitatio der Kreuzesabnahme mit angelegten, also beweglichen, nur angesetzten Armen ins Grab zu betten. Es ist eine Bilderwelt, aus der diese Figuren kommen. Jedes Detail hat Bedeutung.

Eine andere faszinierende Gestalt ist Christus in der Rast aus der Nikolaikirche in Grimma. Sitzend, bedrückt von der Kreuzeslast, den Kopf auf die Rechte gestützt, ist er seiner originalen Farben entkleidet, seiner naturalistischen Dornenkrone, seiner Rosshaarperücke. So gefällt er uns, so ist er uns nahe, der ferne Heiland: ein überzeitlicher Ecce-Homo, ein Weiser ohne die Attribute der Passion und den Skandal der Göttlichkeit. Über dieses Rätsel kann man nun nachsinnen. Steckt im gotischen Schmerzensmann letztendlich dieser Weise, läuft also alle frühere Religion auf unsere spirituelle world music hinaus, oder ist gerade die metaphysische Nacktheit der Verlust?

 
Leser-Kommentare
  1. da wohnt man gar nicht so weit weg und muss erst die Zeit lesen, um so schön auf diesen Schatz und Dokument sächsischer Geschichte hingewiesen zu werden.

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