Galaxien Logenplatz im WeltallSeite 4/4
Der Mensch als Beobachter im Zentrum des Universums? Diese Konsequenz der Leere-Lehre löst schnell Unbehagen aus, erinnert sie doch an ein vormodernes Weltbild. Tatsächlich arbeitet Célérier daran, die zentrale Position der Milchstraße zu relativieren: Könnte nicht das unendliche Universum auch außerhalb unseres Horizonts von riesigen, materiearmen Löchern durchsetzt sein? Vom »Schweizer-Käse-Modell« sprechen die Experten.
Célérier brütet noch darüber, ob es mit den bisherigen Beobachtungen der Astronomen übereinstimmt. Falls ja, gäbe es eben viele Leeren. Aber auch die wären mit dem Standardmodell unvereinbar.
Steht also ein antikopernikanischer Paradigmenwechsel bevor? Jedenfalls werden die Thesen der Konterrevolutionäre ernsthaft diskutiert. »Das kopernikanische Prinzip in allen Ehren, aber es ist im Grunde unbewiesen«, sagt George Ellis. Er halte es zwar für »extrem unwahrscheinlich«, dass die Erde wirklich im Zentrum einer Leere sitze. »Aber warum sollte das Universum nicht unwahrscheinlich sein?« Ähnlich argumentiert Timothy Clifton. Das neue Weltbild sei unästhetisch, »aber es geht ja nicht darum, ob wir es schön finden oder nicht«.
Nein, so richtig zu mögen scheint kaum ein Kosmologe die These von der Leere. »Dieses Modell ist ein Biest«, sagt Torsten Enßlin vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching: »Es wird so schnell nicht totzukriegen sein.«
Manch einer fürchtet schon um lieb gewonnene Gewissheiten. »Wenn man das kopernikanische Prinzip aufgibt, muss man neu anfangen«, warnt der Astronom Bruno Leibundgut von der Europäischen Südsternwarte in Garching, der 1998 an den Zollstockmessungen beteiligt war. Physikstudenten, sagt Leibundgut, »wird von klein auf eingebläut, dass das kopernikanische Prinzip ganz vernünftig ist«. Ohne dieses lasse sich aus Einsteins Formeln nicht mehr die Geometrie der Raumzeit berechnen, könne man das Universum nicht mehr als Ganzes verstehen.
Allerdings hat auch das Standardmodell der Kosmologie seinen Haken. Ihm zufolge befinden wir uns zwar an einem typischen Ort im Universum, aber nicht in einer typischen Zeit. Denn Sterne, Planeten und Leben können nur zum jetzigen Zeitpunkt (plus/minus ein paar Milliarden Jahre) existieren. In hundert Billionen Jahren werden die Sterne unserer Milchstraße nur noch als ausgebrannte Materieklumpen oder Schwarze Löcher durch den Weltraum geistern. Andere Galaxien werden dann außer Sichtweite geraten, weil die Dunkle Energie den Raum enorm dehnt. Für Astronomen gäbe es dann nichts mehr zu tun.
Wer heute Himmelsforschung betreibt, kann sich also glücklich schätzen – und an die Arbeit machen. Ob wir wirklich auf einem Logenplatz im Universum sitzen, soll nun mit neuester Satellitentechnik entschieden werden. Einige Astronomen wollen schon Anzeichen für die große Leere gesehen haben – in Form driftender Galaxienhaufen, die sich alle in die gleiche Richtung zu bewegen scheinen, als würden sie von einer Materie am Rand des sichtbaren Weltalls angezogen. Diese Beobachtung ist aber umstritten.
Einfacher scheint es, die Verteilung der Galaxien im Universum kurzerhand nachzumessen. Dieser Aufgabe dient die Sloan Digital Sky Survey (SDSS) in New Mexico, eine Art Volkszählung der Sterne. Anfang Dezember veröffentlichte Torsten Enßlin mit einigen Kollegen die bislang größte dreidimensionale Landkarte des Universums, basierend auf den SDSS-Aufnahmen von 463.000 Galaxien. Die Karte reicht 2,1 Milliarden Jahre tief ins All – und enthält keine Hinweise auf eine ausgedünnte Region. Allerdings soll die kosmische Leere ja auch eher zehn bis zwanzig Milliarden Lichtjahre durchmessen. Bis die Karte so weit reicht, werden nach heutigem Tempo noch ein paar Jahrzehnte verstreichen. So lange kann der Streit um ein postkopernikanisches Weltbild nicht warten.
Enßlin denkt nun darüber nach, ob man mit dem im Mai gestarteten Planck-Satelliten der Esa* schneller zum Ziel käme. Der vermisst das Echo des Urknalls, die Mikrowellenstrahlung. Ein Teil davon wird von fernen kosmischen Gaswolken reflektiert. Gäbe es die Leere tatsächlich, wären die Frequenzen des reflektierten Lichts leicht verschoben. Wenn Planck diese schwachen Signale in ein paar Jahren empfinge, wäre das zwar noch kein Foto von weit draußen, aber immerhin eine Art schwacher Widerschein in einem fernen Spiegel.
Der Frauenburger Nikolaus Kopernikus veröffentlichte sein Werk, als er im Sterben lag. Nach seinem Tod vergingen 100 Jahre, bis begnadete Astronomen wie Tycho Brahe, Galileo Galilei und Johannes Kepler die kopernikanische Revolution vollendet hatten. Mit der Lehre von der Leere könnte es schneller gehen.
Mitarbeit: Tobias Hürter
*Anm. d. Red.: im Artikel war zunächst vom Planck-Satelliten der US-Weltraumbehörde Nasa die Rede. Planck ist jedoch ein Satellit der europäischen Weltraumbehörde Esa. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
- Datum 19.12.2009 - 13:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
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@Redaktion:
Da die Kommentarfunktion in den letzten Tagen leider deaktiviert war, habe ich die paar von mir bemerkten Ungenauigkeiten in einem separaten Leserartikel festgehalten:
http://community.zeit.de/...
Gruß
PGMN
Wenn Sie schon auf die ersten paar von mir bemerkten Fehler, die einem Kosmologen den Blutdruck anheben würden, nicht reagieren, dann würde ich Sie bitten, den Artikel zumindest dahingehend zu korrigieren, dass Sie den Planck-Satelliten als das Projekt der ESA, nicht der NASA, bezeichnen, das er ist. Fehler dieser Art ziemen sich nicht für ein Qualitätsmedium, wie die ZEIT es ist.
Gruß PGMN
Sie haben recht, die Nasa ist bei der Planck-Mission nur Juniorpartner, federführend ist die Esa. Wir ändern das in der online-Fassung des Artikels.
Danke für den Hinweis,
Max Rauner
Sie haben recht, die Nasa ist bei der Planck-Mission nur Juniorpartner, federführend ist die Esa. Wir ändern das in der online-Fassung des Artikels.
Danke für den Hinweis,
Max Rauner
Sie haben recht, die Nasa ist bei der Planck-Mission nur Juniorpartner, federführend ist die Esa. Wir ändern das in der online-Fassung des Artikels.
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