Familienpolitik Hinterm Wickeltisch geht’s weiter
Mehr Babys war gestern – Kristina Köhler muss Politik machen für die Kinder, die wir schon haben
© John MacDougall/AFP/Getty Images

Neuorientierung in der Demografiepolitik: Die Deutschen sollten mehr für ihren Nachwuchs tun
Eine Gruppe renommierter Wissenschaftler aus aller Welt, die sich regelmäßig an der Akademie Leopoldina in Halle an der Saale trifft, gab ihrer Arbeitsgruppe kürzlich einen neuen Namen. Sie heißt jetzt Zukunft mit Kindern statt wie bisher Gesellschaftliche Entwicklung und Fertilität.
Das müsste niemanden interessieren, wenn die Umbenennung nicht typisch für eine weitreichende Trendwende wäre: Selbst Demografieexperten interessieren sich neuerdings immer weniger dafür, wie sich die Zahl der Geburten am besten steigern lässt. Stattdessen geht es ihnen um gute Bedingungen für die Kinder und Jugendlichen, die bereits geboren sind. Sollten die Deutschen zuletzt vor allem mehr Kinder bekommen, sollen sie nun mehr für ihren Nachwuchs tun.
Eine Begründung für diesen Perspektivwechsel hat selbst die Bundeskanzlerin in ihre Reden aufgenommen: Der demografische Wandel, der Doppeltrend aus Geburtenmangel und Alterung, ist immer weniger ein Thema von morgen oder übermorgen. Die damit verbundenen Probleme rücken näher oder schlagen sich schon heute nieder, Bevölkerungspolitik wirkt jedoch nur sehr langfristig. Angela Merkel hat in ihrer Regierungserklärung nach der Kanzlerwahl betont, dass schon in diesem Jahr in Deutschland erstmals mehr 65-Jährige als unter 20-Jährige leben – und auf heute relevante Folgen wie den Fachkräftemangel hingewiesen.
Im Handwerk zum Beispiel ist der Bedarf an gut ausgebildetem Nachwuchs derart groß, dass der Zentralverband des Deutschen Handwerks sich mit Strategien frühkindlicher Förderung beschäftigt und Memory-Spiele mit Handwerker-Motiven für Kleinkinder verteilt. Traditionelle Berufe wie Bäcker oder Metzger sollen nicht vergessen werden. Diese Geisteshaltung wollen viele Experten nun stärken.
Eigentlich sollten Geburten- und Jugendpolitik ohnehin zusammenpassen. Tatsächlich jedoch konkurrieren sie oft miteinander. Etwa in den Kommunen, wo Angebote für Kleinkinder und für Jugendliche, die Sandkästen einerseits und die Jugendtreffs andererseits, oft aus denselben Etats finanziert werden. Aber auch in der Bundespolitik kann eine Ministerin kaum mit gleicher Inbrunst für beides kämpfen.
Und wenn Schulen wegen des Geburtenrückgangs kleinere Klassen haben und die Lehrerzahl gleich bleibt, die Kinder also besser betreut werden, dann ist das für Bevölkerungspolitiker eine traurige Entwicklung, während Bildungspolitiker sich eher über die sogenannte »demografische Dividende« freuen.
Möglicherweise hat die Neuorientierung der Demografiepolitik – die sich bislang erst andeutet – auch ihrerseits demografische Gründe. Die vor allem in Politik und Medien sehr präsenten geburtenstarken Jahrgänge wachsen langsam aus der Familiengründungsphase heraus. Selbst wenn einige Männer dieser überwiegend in den sechziger Jahren geborenen Babyboomer noch im Alter von siebzig Kinder zeugen könnten – das kollektive Erleben dieser Jahrgänge wird zunehmend weniger von den ersten Versuchen am Wickeltisch als vom Elternabend oder der Abifeier geprägt.
- Datum 19.12.2009 - 16:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
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nur wohin? auf alle Fälle endet die Sorgepflicht nicht im Kindergarten oder nach der Schule. Das müssen sich viele Eltern vergegenwärtigen, dass sie einen Lifetimejob angetreten haben. [Link entfernt] (Bitte nutzen Sie das Forum nicht als Werbeplattform. Die Redaktion /ft)
Neben diesem Artikel sind in der "Zeit" weitere relevante Familienthemen angesprochen, was bedeutet, das die Auseinandsersetzung um die "Familie" - die Kernzelle der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt, nachdem in den letzten 40 Jahren der Familienbegriff aufgelöst wurde. Seit einiger Zeit sind nach den Vätern auch die Großeltern wieder da - und als wichtig erkannt.
Dennoch werden diese Zeichen der "Zeit" von der Politik noch nicht in der Form wahrgenommen, wie es eigentlich erforderlich ist.
Nachdem die Politik und die Familiengerichtsbarkeit sich darin ausgetobt hat, Familien zu zerstören (ca. 200.000 Scheidungen pro Jahr, 400 Kinder pro Tag, die einen Elternteil verlieren, Umgang für Großeltern mit ihren Enkeln nur, wenn es den Richtern und Jugendämtern passt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Angebot an die Wirtschaft, Alleinerziehen durch Mütter als eine heroische Tat bei Ausgrenzung der Väter), ist alles nicht damit zu fassen, was Familie als bewusste, auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft ausmacht und zur Kernzelle der Gesellschaft macht.
Es würde ausreichen, wenn die Familien in ihrem Erhalt gestärkt würden, statt sie zu zerstören. Hierfür die Sicherheiten schaffen, dass Familien erhalten bleiben, auch in Krisenzeiten, statt diese dann fluchtartig zu verlassen -dafür sind Einrichtungen der Beratung erforderlich, nicht solche, die die Zerstörung und Ausgrenzung von Teilen der Familienmitglieder fördern.
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