Bayern Ein gesegneter Landstrich

Das Stiftland in der bayerischen Oberpfalz ist reich an Kreuzen und Kapellen, Wundern und Wallfahrtskirchen. Hier kann man dem Chorgebet der Nonnen zuhören oder die Stille des Waldes genießen

Die Wallfahrtskirche zur Heiligen Dreifaltigkeit, auch "Kappl" genannt, bei Waldsassen in der Oberpfalz

Die Wallfahrtskirche zur Heiligen Dreifaltigkeit, auch "Kappl" genannt, bei Waldsassen in der Oberpfalz

Der dichte Schneefall ist längst in Regen übergegangen, als sich Doris Tscherwig zum Friedhof aufmacht. Er rinnt über die Stufen des Kirchenportals, rinnt von den Dächern der niedrigen Häuser rund um den Marktplatz von Konnersreuth und lässt das dunkelbraune, verwitterte Holz der angrenzenden Ställe vor Feuchtigkeit glänzen. Der Geruch von Feuer und Kuhdung zieht durch die Gassen. In der Ferne blökt ein Schaf. Die Dämmerung hat sich wie ein schmutziger Wischlappen über den Ort gelegt.

Das Stiftland in der bayerischen Oberpfalz ist ein armer, heute würde man sagen: ein strukturschwacher Landstrich. Grenzregion. Kein Landkreis Bayerns ist so dünn besiedelt und liegt so fernab aller Aufmerksamkeit. Die Winter hier sind lang, die Böden karg, größere Industrie hat es nie gegeben. Umso wichtiger war hier seit je der Glaube. Das Stiftland ist reich gesegnet mit Stationswegen und Marienkapellen, Flurkreuzen und Wallfahrtskirchen. Und noch immer gehört die Frömmigkeit zum Alltag der Menschen.

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Der Friedhof von Konnersreuth liegt verlassen da. Einzelne Grablichter flackern im Wind. Doris Tscherwig drückt behutsam die Pforte auf. Seit ihr Vater starb, geht die Grundschullehrerin jeden Tag zu seinem Grab. Meist nach Einbruch der Dunkelheit. »Der Friedhof ist immer offen«, sagt sie, »und wer unbehelligt beten will, der kommt nachts.« Tagsüber parken Reisebusse mit Pilgern vor der Friedhofsmauer. Rund zehntausend Katholiken aus aller Welt pilgern jedes Jahr nach Konnersreuth, um das Grab von Therese Neumann zu besuchen – einer Bauernmagd, die von 1926 bis zu ihrem Tod im Jahre 1962 wiederholt die Leiden Jesu am eigenen Leib empfunden haben soll.

Die Gläubigen bitten die »Resl« um Fürsprache bei Gott oder danken ihr für eine Wunderheilung. Sie hinterlassen selbst gemachte Votivtafeln, Fotos der Geheilten, Kerzen, kleine Engelsfiguren, Rosenkränze oder auch mal Teddybären. Vor drei Jahren, erzählt Doris Tscherwig, war das Grab so übersät mit Devotionalien, dass man beschloss, eine eigene kleine Kapelle auf dem Friedhof zu errichten. Eine Ruhebank steht hier, ein Kerzenständer, die Wände sind dicht behangen mit Dankestafeln in allen Varianten mühevoller Heimwerkertechnik: Birkenbretter, gestochene Blechtafeln, Tafeln aus Sauerteig. Selbst getöpfert, selbst bemalt – aber immer mit dem Schriftzug: »Resl hat geholfen.«

Bis auf dieses Friedhofskapellchen wird man in Konnersreuth nicht viel finden, das auf die wundersame Bauernmagd aufmerksam macht: keine großen Schilder am Ortseingang, keine Souvenirläden wie in anderen Wallfahrtsorten. Nur ein unscheinbarer Postkartenautomat mit Fotos der sanftmütig blickenden Resl steht verloren an einem Gartenzaun.

Seit die katholische Kirche 2005 beschlossen hat, die Seligsprechung von Therese Neumann zu prüfen, wird auch ihr Geburtshaus mit dem Leidenszimmer wieder für Besucher geöffnet. Es ist eines der geduckten Häuser am unteren Markt, direkt gegenüber der Kirche. Wer es in den Wintermonaten besichtigen will, muss vorher im Pfarrbüro um Einlass bitten. In einer Vitrine im Erdgeschoss ist eine Garnitur Wäsche ausgestellt, die sie bei einem ihrer Karfreitagsleiden getragen haben soll: ein Kopfkissen mit den Abdrücken der Dornenkronenwunden, eine Herzkompresse von der Seitenwunde, die Nachtjacke mit dem Blut aus den Dornenkronenwunden und der Schulterwunde vom Kreuztragen. Noch drastischer sind die Fotos dazu: Sie zeigen eine Frau, der das Blut aus Stigmata am Handrücken und in Strömen aus den Augen rinnt.

Von den knapp 2000 Konnersreuthern sind 1800 katholisch. Täglich wird im Ort eine Heilige Messe gelesen, am Sonntag sind es drei. »Wir haben einen besonderen Draht zum lieben Gott da oben«, sagt Doris Tscherwig, während sie ein zweites Grablicht entzündet. Im hellen Schein der Flamme ist ein Lächeln zu erkennen. Aber das nimmt nichts von dem, was sie gerade gesagt hat. In Konnersreuth glaubt man fest an Wunder. »Man wächst einfach damit auf. Viele haben die Resl ja noch persönlich gekannt.« Auch die Lehrerin kann sich gut daran erinnern, wie sie an einem Karfreitag Anfang der sechziger Jahre als kleines Mädchen vorm Haus der Resl anstand und sah, wie ihr das Blut in Strömen aus den Augen rann. Keine Frage, dass sie bei jedem Friedhofsbesuch auch am Grab der Resl vorbeigeht, mit ihr spricht, zu ihr betet oder Weihwasser spendet.

Gemächlich windet sich die Straße hinter Konnersreuth durch Fichtenwälder den sanft geschwungenen Höhenzug hinauf. Bis sich plötzlich der Wald lichtet und den Blick freigibt auf eine Senke voller Wasser: die Tirschenreuther Teichpfanne. Weiher fügt sich hier an Weiher wie die Glasscherben eines Kirchenfensters. Jeder einzelne dieser 3700 Teiche wurde von Hand angelegt. Im Jahr 1133 hatten sich die ersten Zisterziensermönche im Stiftland niedergelassen und mit dem Kloster Waldsassen auch die Teichwirtschaft in der Region gegründet. Damals untersagte die strenge Ordensregel den Verzehr von Fleisch fast völlig. Außerdem war die Fischzucht im Mittelalter eine hoch rentable Form der Landnutzung. Einen Karpfen konnte man viel teurer verkaufen als die gleiche Menge Rind- oder Schweinefleisch. Heute sind die meisten Teiche in Familienbesitz, eine Folge der Säkularisation: 1803 hatte man die Abtei vorübergehend aufgelöst und ihre Ländereien verkauft.

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    • Quelle DIE ZEIT, 17.12.2009 Nr. 52
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