Wolfgang Schneiderhahn, ab dem 1. Januar General a.D. © dpa

Die Uniform mit den vier Sternen ist an diesem Morgen im Schrank geblieben, beim Spaziergang durch Berlin trägt Schneiderhan Touristenzivil. Hellbeige Jacke, Jeans, schwarze Schuhe. Er kommt direkt vom Hauptbahnhof, den Sonntag hat er bei seiner Mutter verbracht, die sich, fast neunzigjährig, auf eine schwere Operation vorbereitet. Der Sohn hat die Vollmacht, auch hier muss er entscheiden, was gemacht wird und was nicht. Sollte er ihr beichten, dass er in Berlin gerade entlassen worden war?

Weil man es ihr im Krankenhaus vermutlich geflüstert hätte, hat sich Schneiderhan zu ihr ans Bett gesetzt und Bericht erstattet. Artig erzählte er von seinem Rausschmiss und dass es nun vorbei sei mit den vielen Reisen nach Berlin und Kundus. Wie Mütter so sind: "Ich bin froh", habe sie nur gesagt.

So ganz ist er in seinem neuen Leben noch nicht angekommen. All die Briefe und Mails, die den General in diesen Tagen erreichen, sind neuerdings an Wolfgang Schneiderhan, "General a. D." adressiert. Der Zusatz "außer Dienst" ist vom 1. Januar an korrekt, er tut aber auch weh. "Was ist da passiert?" Diese Frage durchzuckt ihn, doch dann findet der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr wieder zu jener Gemütslage zurück, die er sich für die letzten Wochen in Berlin verordnet hat. Konzentriert zu sein, keine Schwäche zu zeigen. "Aussparen" wolle er, wie er es nennt, "dass ich jetzt zusammenbreche".

Mit unbewegter Miene hat er sich hingestellt und zu seiner eigenen Verabschiedung den Großen Zapfenstreich abgenommen. In seiner Rede hat er die Minister Struck und Jung erwähnt, aber kein Wort für den Minister gefunden, der im Trommelwirbel neben ihm stand. "Ich wüsste im Augenblick nicht, wofür ich mich bei Guttenberg bedanken sollte. Das wäre ja der Gipfel der Scheinheiligkeit gewesen, das durften andere machen." Lieber erwähnte Schneiderhan in seiner Dankesrede die enge Weste der Loyalität, die er nun ablegen dürfe. Dass diese Formulierung als "ein Warnschuss" zu verstehen war, lag wohl in seinem Interesse.

Dieser Tage eskaliert der Streit um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und damit auch die Diskussion um die militärische und politische Verantwortung für den Raketenangriff auf zwei Tanklastwagen in Kundus. Berlin ist zum Nebenkriegsschauplatz geworden, auf dem es um Deutungshoheiten geht, um Begriffe und Beurteilungen, die angemessen waren oder nicht.

Wer hat was zu welchem Zeitpunkt gewusst? Wer hat wann mit wem über welche Fragen gesprochen? Wer erinnert sich noch gut, und wer tut es nicht mehr?

Weil die Lage so kompliziert ist, spricht der beurlaubte General langsam und erwähnt nur das Wichtigste. Er möchte, dass man mitkommt, wenn er erzählt, man sich ein eigenes Bild machen kann. So will er es auch gehalten haben an jenem Morgen des 29. Oktober, als der neue Verteidigungsminister sein Amt antrat. Eine Kurzeinweisung für Guttenberg, "eine Tour d’Horizon", dazu eine eher allgemein gehaltene Einweisung in die Einsatzlage der Streitkräfte. Alle Vorträge komprimiert, zusammen dauerten sie nicht mehr als eineinhalb Stunden.