Ich habe einen Traum "Unter Wasser bin ich in meiner eigenen Welt"

Der Profischwimmer Paul Biedermann kämpft und lebt mit dem Wasser. Ein Rennen ist für ihn wie ein kurzer, intensiver Wachtraum.

Man braucht Willenskraft, wenn man morgens um sieben am Beckenrand steht. Für mich sind es aber nur wenige Sekunden der Überwindung. Ich empfinde immer noch Freude, wenn ich ins Wasser springe. Nicht jedes Mal, aber meistens. Die Frage ist, ob man das Wasser als Freund betrachtet oder ob man dagegen kämpfen will. Man kann nicht gegen das Wasser schwimmen. Man muss mit dem Wasser schwimmen. Es gibt Gleiter, die machen einen langen Abdruck und kommen trotzdem vorwärts. Und es gibt Wühler, die sich einfach durchs Wasser hauen. Jeder muss für sich seine Technik finden.

Wasser ist mein Trainingsgerät. Damit arbeite ich, zwölf Kilometer am Tag, 2500 Kilometer im Jahr. Unter Wasser bin ich in meiner eigenen Welt, ich habe Zeit für mich.

Anzeige

In meiner Kindheit war ich in den Ferien mit meinen Großeltern oft am Wasser. Sie hatten ein Segelboot, und damit sind wir auf Binnenseen oder auf der Ostsee gefahren. Immer wenn wir auf das Ufer zusteuerten, sagte ich irgendwann: Von hier aus schwimme ich an Land. Ich hatte schon immer den Antrieb, mir zu beweisen: So weit komme ich. Noch heute, wenn ich am Strand liege und eine Insel sehe, frage ich mich: Komme ich da rüber oder nicht? Mein Trainer sagt, ich hätte den Killerinstinkt. Mir ist egal, wer neben mir auf dem Startblock steht.

Paul Biedermann

23, geboren in Halle an der Saale, stellte im Juli Schwimmweltrekorde über 200 und 400 Meter Freistil auf, die er im November auf der Kurzbahn noch einmal unterboten hat. Über 400 Meter wurde er vorige Woche in Istanbul Europameister

Ich möchte mein Bestes geben und kann mich in ein Rennen reinsteigern. Wenn jemand anzieht, bleibe ich dran. Wenn ich an einer Wende etwas Zeit gutgemacht habe, will ich auch an der nächsten Wende vor ihm sein. Damit kann ich das Letzte aus mir herausholen. Natürlich ist es auch aufregend, Weltrekorde von Sportlern zu brechen, die man schon als Kind bewundert hat. Doch mir geht es darum, das mir maximal Mögliche zu leisten. Wenn mir das gelingt, stellt sich eine unglaubliche Zufriedenheit ein.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Als ich im Juli bei den Schwimmweltmeisterschaften in Rom bemerkte: Michael Phelps ist nicht mehr neben mir, er ist hinter mir, hat mich das enorm beflügelt. Du bist vor einem 14-fachen Olympiasieger, und du merkst: Er hat jetzt keine Chance mehr gegen dich. In einem solchen Moment bin ich nur auf dieses eine Rennen fokussiert. Absolute Konzentration, nur für diese 200 Meter. Das ist wie ein Rausch. Ein kurzer, intensiver Wachtraum. Ich komme dabei allerdings nicht in einen Trancezustand. Da ist ja immer noch der Schmerz, der Muskelschmerz durch die Übersäuerung. Je länger die Strecke, desto stärker wird er. Entweder du nimmst ihn an, oder du lässt dich davon leiten.

Entweder willst du weitermachen, oder du kapitulierst. Oft habe ich nach einem Rennen gar keine Vorstellung davon, wie es gelaufen ist. Unmittelbar danach ist mein Bewusstsein nicht in der Lage, viele Informationen zu verarbeiten. Wenn ich aus diesem Zustand erwache, bin ich meist schon wieder zu Hause.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenshanslüke

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service