ZEITmagazin: Frau Campbell, Herr Endrias, wir sitzen hier zusammen mit Günter Wallraff, der über ein Jahr als Schwarzer durch Deutschland reiste. Decken sich die Erfahrungen, die er als Kwami Ogonno gemacht hat, auch mit Ihren Erfahrungen?

Carol Campbell: Leider ist mir nichts davon fremd. Wobei ich sagen muss: Meine Erfahrungen im Alltag als biethnische Frau mit einem schwarzen und einem weißen Elternteil sind oft unterschwelliger als die von Kwami Ogonno. Zum Beispiel höre ich gerne mal Sätze wie: "Du bist doch gar nicht richtig schwarz, lass dir das nicht einreden." Schlimm, wenn das als Kompliment gemeint ist. Zum einen wird mit Schwarzen jede Menge assoziiert, positiv wie negativ. Zum anderen glauben viele, dass die Bezeichnung Schwarz etwas mit einer Farbe zu tun hätte, es also eine optische Beschreibung wäre, dabei ist es eine gesellschaftspolitische Kategorie.

Yonas Endrias: Genau diese Äußerlichkeiten sind es, auf die Sie mit Ihrer Rolle gebaut haben, Herr Wallraff! Die Methode des "Blackface", dass sich ein Weißer als Schwarzer verkleidet und ihn damit letztlich karikiert, hat ja eine rassistische Vergangenheit. Als Schwarze in Amerika noch nicht selbst schauspielern durften, haben Weiße sie in sehr stereotyper und negativer Weise dargestellt. Schon als Kind, wenn ich diese Filme sah, empfand ich das als degradierend und schmerzhaft.

Günter Wallraff: Ich muss gestehen, das wusste ich nicht. Aber so wie ich die Rolle angelegt habe, ist das doch die totale Verkennung meiner Intention und der Wirkung, die ich erreicht habe. Wie ich daherkam – das bin ich selbst, freundlich und zuvorkommend. Nur die Pigmentierung der Haut war anders. Ich mache nicht mich, den Schwarzen, lächerlich, sondern locke die Borniertheit und rassistischen Ressentiments der weißen Bevölkerung hervor.

ZEITmagazin: Sie fühlen sich von Herrn Wallraff diskriminiert, Herr Endrias?

Endrias: Nun ja – ich bin ihm dankbar dafür, dass er das Thema in die Presse gebracht hat. Denn der Rassismus, den er erlebt hat, kommt der Wahrheit schon sehr nahe. Viele Menschen sind dadurch verkrüppelt worden, einige haben ihr Leben verloren. Nehmen Sie zum Beispiel Hamburg, da wurde Mitte November ein Schwarzer Opfer von rassistisch motivierter Gewalt und so brutal zusammengeschlagen, dass er in Lebensgefahr schwebte. Aber kaum jemand hat darüber berichtet. Das passiert regelmäßig. Hier werden die Opfer hierarchisiert. Aber auch wenn Sie es gut gemeint haben mögen, Herr Wallraff, so ist die Methode doch ungeeignet. Außerdem finde ich es problematisch, wenn ein Weißer daherkommt, um mir Rassismus zu erklären. Wie in diesen Tarzanfilmen, wo Tarzan alle Afrikaner rettet. Als wären wir dazu nicht selbst in der Lage.

Wallraff: Das sieht die Mehrheit der Schwarzen, die den Film gesehen haben, anders. Ich habe über hundert Zuschriften bekommen mit dem Tenor: "Dass es ein Weißer gemacht hat, ist ja gerade der Gag an der Sache." Ich bin immer wieder in Rollen von Menschen unterwegs, die ausgegrenzt werden. Deshalb steht die Rolle, stellvertretend mal als Schwarzer zu leben, in einer Kontinuität. Ich hatte bereits zur Zeit des Apartheidregimes in Südafrika vor, dort als Schwarzer durchs Land zu reisen. Alles war vorbereitet, da kam mir die Freilassung Nelson Mandelas zuvor. Aber das Thema ließ mich nie los. In der jeweiligen Rolle bin ich meist mehr ich selbst, als ich es zum Beispiel jetzt bin, denn in unbekannten Situationen verhalte ich mich spontaner und authentischer. Wenn der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung befindet, so sehe kein echter Schwarzer aus, dann frage ich mich, wie hat denn ein sogenannter echter Schwarzer auszusehen? Selbst in einem Münchner Asylbewerberheim, wo ich übernachtet habe, haben sie mich für einen der Ihren gehalten.