Günter Wallraff "Es geht nicht um Schwarze. Es geht um Weiße."Seite 3/3



Wallraff: Aber das alles auf einmal zu berücksichtigen, kann ich allein nicht leisten. Ich bin der Türöffner. Wenn die Menschen aus dem Film herauskommen oder meine Texte gelesen haben, kommen sie anschließend mit anderen ins Gespräch, diskutieren weiter und merken dann: Ja, so ähnliche Einstellungen hatte ich auch. Zuvor hatten sie sich zum Teil mit denen identifiziert, die hier entlarvt werden.

Campbell: Was mich an der Diskussion um Ihre Rolle erschreckt hat, war der Vorwurf, Sie hätten bestimmte Reaktionen provoziert, weil Sie zum Beispiel in Cottbus in einen Zug mit Fußballfans eingestiegen sind. Da wurde ja wirklich gesagt, auch von Schwarzen, man könne als Schwarzer nicht ganz bei Trost sein, wenn man an bestimmte Orte gehe. Für mich klingt das fast nach einer Anerkennung von persönlichen Einschränkungen.

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Wallraff: Nach dem Film und dem Buch geht es ja zum Glück weiter, für mich ist die Arbeit mit dieser Rolle nicht zu Ende. Da fängt die therapeutische Nacharbeit an. Ich gehe zum Beispiel in diesen Fanclub nach Dresden und zwinge die Leute zur Diskussion.

Endrias: Ich diskutiere nicht um der Diskussion willen. Sie sind nicht der Erste, der das versucht, aber bis jetzt hat es gar nichts gebracht. Täterorientierte Arbeit gibt es genug. Es fehlt nur die Perspektive der zahlreichen Opfer Ihrer Gesprächspartner. Hoffentlich diskutieren Sie darüber auch mit ihnen.

ZEITmagazin: In Deutschland werde Rassismus negiert, haben Sie gesagt. Warum spielen die Deutschen in Europa eine Sonderrolle?

Endrias: Die rassistischen Übergriffe werden hier nicht als Problem wahrgenommen, obwohl das Ausmaß beängstigend hoch ist. Das wurde von den UN wie auch vom Europarat festgestellt, und Deutschland wurde hart kritisiert. Aber es wird nichts dagegen unternommen. In Deutschland heißt es, wir hätten ein Problem der Randgruppen, aber Rassismus gebe es nicht. Gerne spricht man auch von Ausländerfeindlichkeit und verniedlicht damit das Problem: Menschen werden zu Ausländern gemacht. Frau Campbell wird dann aber sagen, ich bin gar keine Ausländerin, und trotzdem werde ich angegriffen. Nehmen Sie Großbritannien oder die Niederlande, dort wird das Thema beim Namen genannt. Jede Behörde befasst sich damit. Hier sind die Leute sauer, wenn man es anspricht. Ich bin Mitglied des Landesbeirats für Migrations- und Integrationsfragen des Berliner Senats, oft musste ich hören: Wie kann der es wagen, über Rassismus in der Verwaltung zu reden? Im Grundgesetz steht das Diskriminierungsverbot, ein deutscher Beamter diskriminiert nicht. Deshalb habe ich mich zuerst sehr gefreut, als Ihr Film kam, Herr Wallraff. Leider hat die Presse entschieden, über Sie zu schreiben und nicht über Ihre Botschaft. Sie scheinen auch nichts dagegen zu haben. Manchmal frage ich mich, ob Sie sich wirklich für das Thema Rassismus interessieren – in Interviews reden Sie jedenfalls kaum darüber.

Wallraff: Doch, in meinen Veranstaltungen regelmäßig. Auch in meinem Buch Ich, der andere habe ich ausführlich darüber berichtet. Aber Sie haben recht, bestimmte Medienvertreter prügeln den Boten, um seine Botschaft nicht an sich ranzulassen.

Endrias: Die Medien spielen eine wichtige Rolle. Nehmen Sie die angebliche "Asylantenflut", da wurde eine Situation Anfang der neunziger Jahre so übertrieben dargestellt, dass man denken musste, Deutschland werde überrannt von Migranten. Und danach wunderte man sich, dass junge Leute Flüchtlingsheime angriffen. Für Rostock und Hoyerswerda muss die Presse Verantwortung übernehmen.

ZEITmagazin: Gibt es in der Berichterstattung über Migranten nicht Unterschiede zwischen der seriösen Presse und den Boulevardmedien?

Campbell: Da kann man sich heutzutage sehr vertun. Jedenfalls kann ich die Bedeutung der Medien aus dem Film- und Fernsehgeschäft nur bestätigen. Seit Jahren versuchen wir mit dem Verein Schwarze Filmschaffende in Deutschland etwas zu bewegen. Schwarze Menschen werden im deutschen Kino und Fernsehen immer noch fast ausschließlich in Stereotypen dargestellt. Wo ist der Alltag, das echte Leben? Ich habe hier bis heute, 2009, noch nicht einmal eine schwarze deutsche Familie im Fernsehen gesehen. Bilder haben eine unglaublich starke Macht, deshalb wäre es so wichtig, dass Programmmacher, Redakteure, Caster und Autoren die multiethnische Gesellschaft abbilden und darüber hinaus Visionen schaffen – zum Beispiel Schwarze mehr im öffentlichen Dienst zeigen und mit einer Selbstverständlichkeit auch als Anwälte, Dozenten, Kindergärtner, Hausfrauen und Kfz-Mechaniker. Wir haben jetzt drei Jahre lang versucht, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, haben mit einflussreichen Leuten geredet und in etlichen Diskussionsrunden gesessen. Aber unterm Strich muss ich sagen, dass sich kaum jemand dafür interessiert. Dabei haben wir eine multiethnische Realität. Dass das in den Medien negiert wird, ist wirklich unfassbar.

ZEITmagazin: Herr Wallraff, kürzlich hat sich die schwarze Musikerin Noah Sow als Reaktion auf Ihre Rolle als Schwarzer einen Scherz erlaubt und sich als Günter Wallraff verkleidet. Wie hat Ihnen das gefallen?

Wallraff: Das war herzerfrischend, und so was lockert die teilweise ziemlich verbissen geführten Debatten auf. Zuvor hatte Noah Sow mich ja noch attackiert. Alles, was mit Satire zu tun hat, finde ich gut, und Satiren hat es ja jetzt eine Menge gegeben. Auch Titanic fand ich klasse: Wallraff als Baum in Deutschland unterwegs. Da werde ich von Hunden angepinkelt. Toll gemacht, die haben mich gut getroffen, aber sie haben mich nicht verletzt. Das gehört dazu.

Das Gespräch führten Annabel Wahba und Wolfgang Büscher

 
Leser-Kommentare
  1. Was auffällt: Sonst sind wir ja sehr kommentarfreudig. Beim Thema Rassismus scheint das jedoch nicht der Fall zu sein. Ist das also in Deutschland doch ein Tabu-Thema?
    Es will mir manchmal scheinen, dass Politik und diverse Medien oft ostentativ Andersrassige auf ihr Schild malen, um uns weiszumachen, dass es das Problem nicht gibt.

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