Andrea Ypsilanti "Da war Scham"

Mit den Stimmen der Linkspartei wollte Andrea Ypsilanti (SPD) einst hessische Ministerpräsidentin werden. Damit endete ihre Karriere. Ein Gespräch über gebrochene Versprechen und Fehler in der Politik


DIE ZEIT: Ihr Name hat mittlerweile die Qualität eines Synonyms. Ich mache nicht die Ypsilanti, heißt es, wenn jemand versichern will, dass er sein Wort hält.

Andrea Ypsilanti: ...was wehtut, wenn ich das lese. Das verzerrt und verletzt mich deshalb jedes Mal. Aber andererseits bin ich auch für viele ein Synonym für eine offensivere sozialdemokratische Politik. Das ermutigt.

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ZEIT: Schon mal drüber nachgedacht, Ihren Mädchennamen wieder anzunehmen?

Ypsilanti: Ich bitte Sie. Das war der infame Vorschlag mancher Betreiber der politischen und medialen Kampagne gegen mich, damit ich meine politische Existenz auslösche. Ich kapituliere nicht.

»Ich bin der Sohn eines Opel-Arbeiters«

Wie geht es Andrea Ypsilanti? Kaum jemand in der Politik ist so tief gestürzt wie sie – von der gefeierten Wahlsiegerin zum verhöhnten Feindbild, alles in nur einem Jahr. Wie hält man das aus? Erster Eindruck: Ihr geht es ganz gut. Sie habe in den letzten Wochen viel Sport gemacht, sei im Fitness-Center, in der »Muckibude« gewesen. »Es war wichtig, den Kopf freizubekommen«, sagt sie. Das Interview findet in ihrem Wahlkreisbüro in Frankfurt und in Wiesbaden im Abgeordnetenbüro statt. Der Eindruck dieser Büros: Schlichter und enger geht es nicht. Die Atmosphäre aber ist angenehm, manchmal sogar lustig. Sie muss sehr lachen, als sie von einem Wahlkampfauftritt vor Opel-Arbeitern erzählt, den sie mit dem Satz begann: »Ich bin der Sohn eines Opel-Arbeiters...« Zur Erinnerung: Nach einer Kampfkandidatur gegen den innerparteilichen Konkurrenten Jürgen Walter wurde sie im Dezember 2006 zur Spitzenkandidatin der SPD gewählt. Bei der Landtagswahl im Januar 2008 feierte sie einen großen Sieg: Die SPD lag nur 0,1 Prozent hinter der CDU von Amtsinhaber Roland Koch. Das Problem: Ypsilanti hatte im Wahlkampf jegliche Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen. Sie brach dieses Versprechen und versuchte, mit Grünen und Linken eine Regierung zu bilden. Einen Tag vor der entscheidenden Abstimmung erklärten die SPD-Abgeordneten Silke Tesch, Carmen Everts und Dagmar Metzger unter Führung von Walter ihre Ablehnung. Ypsilanti trat als Partei- und Fraktionsvorsitzende zurück. Ihr Nachfolger wurde Thorsten Schäfer-Gümbel.

ZEIT: Anfang 2009 haben Sie sich aus der großen Politik verabschiedet. Jetzt geht das Jahr zu Ende, ein guter Zeitpunkt für die Frage »Was war gut?« oder erst recht »Was habe ich falsch gemacht?«.

Ypsilanti: Es wäre sicher besser gewesen, erst einmal drei Wochen in Urlaub zu fahren und dann zu entscheiden. Nach der Wahl im Januar 2008 war schnell erkennbar, dass es real nur zwei Möglichkeiten gab: entweder den Wahlverlierer Koch ohne Mehrheit weiterregieren zu lassen oder mit den Stimmen der Linkspartei eine rot-grüne Regierung zu bilden für den Politikwechsel, für den wir gewählt worden waren. Letzteres konnte in der Partei und in der Öffentlichkeit nicht mehr angemessen kommuniziert werden, als diese Erwägung aus einem Hintergrundgespräch mit Kurt Beck öffentlich gemacht wurde.

ZEIT: Also haben andere Schuld, dass Sie nicht Ministerpräsidentin geworden sind?

Ypsilanti: Dennoch habe ich die politische Verantwortung übernommen. Mit dem Durchstechen der Äußerungen Becks ging eine Kampagne los, auf die wir nicht vorbereitet waren. Wir hätten über das weitere Vorgehen einen Diskussionsprozess innerhalb der Partei gebraucht. Aber ich behaupte, all das hätte die drei Abweichler, die im Herbst 2008 gegen mich gestimmt haben, auch nicht von ihrem Tun abgehalten, wie wir nach einem solchen Diskussionsprozess später feststellen konnten.

ZEIT: Vielleicht hätten Sie sich überzeugen lassen, bei Ihrem Versprechen zu bleiben, mit der Linkspartei nicht zu verhandeln?

Ypsilanti: Wir hätten dann ja gar keinen Regierungswechsel in Angriff nehmen können. Zum anderen war das mit der Linkspartei für die drei Abweichler nur ein Vorwand. Die Frage ist vielmehr, ob ich es früher hätte merken müssen, dass mir die drei Abgeordneten die Mine legen. Irgendwann gab es aber einen Point of no Return, von da an konnte ich nicht mehr sagen: Ich vertraue denen nicht, also mache ich es nicht. Sie hätten das mit gespielter Empörung bestritten.

ZEIT: Mit Dagmar Metzger waren es insgesamt vier Abgeordnete, die Ihnen die Unterstützung versagt haben. Der Journalist Volker Zastrow hat in seinem Buch Die Vier aufgeräumt mit der Vorstellung, bei den vier Abweichlern sei vor allem Idealismus im Spiel gewesen.

Ypsilanti: Sie können sich denken, dass dies für mich keine Überraschung war. Mehr möchte ich dazu nicht mehr sagen.

ZEIT: Wir wollen nicht alles wieder aufwärmen, aber Sie haben in jenen Wochen ein Wahlversprechen gebrochen.

Ypsilanti: Natürlich ist das alles ohne die Vorgänge drum herum schwierig zu erklären. Auch ich habe mich damals damit gequält. Die Glaubwürdigkeit, auf die ich im Wahlkampf so sehr gesetzt hatte, ist ein hohes Gut. Aber ich weiß, die Menschen haben uns für unser Programm gewählt und nicht wegen unserer Koalitionsaussage.

Leser-Kommentare
    • xpol
    • 20.12.2009 um 20:40 Uhr

    Für ganz Begriffsstutzige:

    SPD-Parteiprogramm für Hessen MIT Abgrenzung zur SED-Nachfolge: Gutes Wahlergebnis, dass für eine Grosse Koalition gute Ausgangposition geboten hätte.

    SPD-Parteiprogramm für Hessen OHNE Abgrenzung zur SED-Nachfolge: Katastrophales Wahlergebnis und Schwarz-Gelb mit komfortabler Mehrheit.

    (Und das Gleiche bei der Bundestagswahl noch mal ganz dick für die Bundespartei.)

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    Im Bund gilt: SPD-Wahlkampf MIT geradezu zwanghafter Abgrenzung zur Linkspartei = Schlechtestes SPD-Wahlergebnis seit der Weimarer Republik.

    Passt das auch in Ihr Raster für Begriffsstutzige?

    Im Bund gilt: SPD-Wahlkampf MIT geradezu zwanghafter Abgrenzung zur Linkspartei = Schlechtestes SPD-Wahlergebnis seit der Weimarer Republik.

    Passt das auch in Ihr Raster für Begriffsstutzige?

  1. Im Bund gilt: SPD-Wahlkampf MIT geradezu zwanghafter Abgrenzung zur Linkspartei = Schlechtestes SPD-Wahlergebnis seit der Weimarer Republik.

    Passt das auch in Ihr Raster für Begriffsstutzige?

    Antwort auf "Nichts gelernt."
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    • xpol
    • 21.12.2009 um 13:38 Uhr

    Die Abgrenzung der Bundes-SPD zur SED-Nachfolge war nicht zwanghaft, sondern bemüht.
    Das hat nach der Y-Lügenvorstellung keiner mehr geglaubt.

    Die Vorgänge nach der Wahl, als die SPD in allen anschliessenden Landes-Koalitionsverhandlungen den Hintereingang der SED-Nachfolger heimgesucht hat, haben den Verdacht der Wähler bestätigt.

    • xpol
    • 21.12.2009 um 13:38 Uhr

    Die Abgrenzung der Bundes-SPD zur SED-Nachfolge war nicht zwanghaft, sondern bemüht.
    Das hat nach der Y-Lügenvorstellung keiner mehr geglaubt.

    Die Vorgänge nach der Wahl, als die SPD in allen anschliessenden Landes-Koalitionsverhandlungen den Hintereingang der SED-Nachfolger heimgesucht hat, haben den Verdacht der Wähler bestätigt.

    • xpol
    • 21.12.2009 um 13:38 Uhr

    Die Abgrenzung der Bundes-SPD zur SED-Nachfolge war nicht zwanghaft, sondern bemüht.
    Das hat nach der Y-Lügenvorstellung keiner mehr geglaubt.

    Die Vorgänge nach der Wahl, als die SPD in allen anschliessenden Landes-Koalitionsverhandlungen den Hintereingang der SED-Nachfolger heimgesucht hat, haben den Verdacht der Wähler bestätigt.

    Antwort auf "Äh, falsch!"
  2. Dann müssen Sie mir jetzt nur noch erklären, warum die SPD der Linkspartei in Thüringen einen Korb gegeben hat. Oder warum es eben in Hessen doch nicht geklappt hat, wo doch eigentlich alles schon in trockenen Tüchern gewesen war. Oder warum die SPD vier Jahre lang Frau Merkel Pfötchen gegeben hat, wo es doch eine rotrotgrüne Kanzlermehrheit für Steinmeier (Schröder, Platzeck, Beck, Müntefering) gegeben hätte.
    Übrigens, auch ich bin Wähler und ich hege nach den Debakeln der jüngeren Vergangenheit nicht mehr die Spur eines Verdachts, dass in absehbarer Zeit SPD und Linke (und Grüne) die Merkel-Regierung oder eine schwarzgelbe Länderregierung auf den Müllhaufen der Geschichte befördern könnten.

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