Glaube Auch ein Wunder

Am Beten halten sogar viele von denen fest, die sich von der Kirche längst verabschiedet haben

Es gibt nicht viel, was heute noch peinlich ist. Der Satz »Ich bete« gehört dazu. Er zieht scheele Blicke nach sich und den Verdacht, auch sonst nicht ganz von dieser Welt zu sein. Beten ist eine Zumutung für alle, die es nicht tun: Solange Glauben als eine Ansichtssache unter vielen daherkommt, vermeidet er gesellschaftlichen Anstoß. Doch wer betet, bekennt sich – und provoziert Fragen einer säkularen Welt: Muss das sein? Und wozu? Aber eine Zumutung ist das Bekenntnis zum Beten auch für den, der es tut: Sogar den meisten Christen fällt es leichter, über Sex zu reden als über das Beten.

Was den zerbrechlichen Zauber des Betens ausmachen kann, davon sprechen selbst diejenigen kaum, die es praktizieren. Denn im Beten, in der Verbindung zu Gott, ist eine eigene Intimität angelegt. Hier öffnet der Gläubige sich seinem Gott und kann doch nicht gewiss sein, ihn zu finden. Hier ist er am verletzlichsten, hier begegnet er allen Unwägbarkeiten in sich – und in seinem Glauben. Das Gebet ist nicht der Ort der Selbstgewissheit, die Agnostiker an Gläubigen so schwer zu ertragen finden, sondern ein Ort der Suche.

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So exotisch das Beten einer ungläubigen Welt erscheint, so vertraut ist es ihr trotzdem. Beten ist meist immer noch das Erste, was Menschen im Leben vom Glauben begegnet, und das Letzte, wovon sie lassen. Vom kindlichen Abendgebet mit der Oma bis zum Stoßgebet des gestressten Teilzeitgläubigen, vom Fußballer, der sich vor dem Elfmeter bekreuzigt, bis zum Geschäftsreisenden, der beim Landeanflug verschämt die Hände faltet gegen seine Flugangst – selbst wer der Institution Kirche schon lange den Rücken gekehrt hat, ertappt sich in Momenten der Not bei der Suche nach innerem Zuspruch.

Dem Gebet wohnt damit etwas seltsam Antiquiertes inne, aber eben auch etwas bemerkenswert Beharrliches: Es findet immer wieder zu Formen, die in die Zeit passen. Von alters her hatte das Gebet einen Doppelcharakter: In ihm trifft in Jahrtausenden verdichtete Theologie auf vielfältige Formen von Volksfrömmigkeit. Darum steckt im Beten eine ungebrochene Lebendigkeit, auch wenn die Kirchen, die es lehren, sich in der Krise befinden.

Sucht man heute Orte moderner Volksfrömmigkeit, muss man wahrscheinlich nicht in Kapellen am Wegesrand blicken, sondern in den Kleinanzeigenteil von Stadtmagazinen. Dessen spirituelle Sonderangebote zwischen Yoga und Jakobsweg richten sich an Sinnsucher der Art: Ich glaube schon, ich weiß nur nicht genau, woran. Zwischen ihnen und traditionellen Gläubigen scheint es kaum mehr Brücken zu geben.

Doch beten lässt es sich auch in dem unübersichtlichen Gelände zwischen den Supermärkten der Spiritualität und den Ruinen eines institutionellen Kirchenglaubens. Das Gebet ist offener für den eigenen Weg, die eigene Suche, als es die Kirchen oft sind, die es lehren. Aus dem Wirbel der Worte herauszutreten, der uns täglich umtost, das ist der Anfang aller Andacht. Das macht Beten zugänglicher, auch freier von Dogmen, Vorschriften, Verboten, mit denen Glaube sonst vielfach verbunden wird. Umgekehrt gelten für das Beten all die Hinderungsgründe nicht – vom Papst bis zur Kirchensteuer –, die viele gerne nennen, wenn sie sich auf den Glauben nicht mehr einlassen wollen. Das Beten erlaubt weniger Ausreden.

Und Beten kann eine Antwort auf eine spezifische Überforderung unserer Zeit sein. Du musst dein Leben ändern heißt das neue Buch von Peter Sloterdijk, und er meint seine Aufforderung ernst. Sein Werk ist ein Plädoyer für die stete Arbeit des Menschen an sich selbst – zur Verbesserung des Einzelnen wie der Welt.

Doch längst ist der Ruf nach permanenter Ego-Veredelung der schwer erträgliche Imperativ des 21. Jahrhunderts geworden. Allenthalben werden wir bombardiert mit Aufrufen, uns zu ändern: Die Buchregale quellen über mit Ratgeber-Literatur, die Wirtschaft verlangt lebenslanges Lernen, die Lage der Welt fordert sofortige Umkehr. Aber wenn es so einfach wäre, wären wir dann nicht schon alle neue Menschen?

Du musst dein Leben ändern, sagt Sloterdijk. Es hängt nicht alles von dir ab, sagt dem Nichtgläubigen die Lebenserfahrung und dem Gläubigen die Transzendenz-Erfahrung.

Wer betet, wird ein anderer – aber er wird es nicht restlos aus eigener Kraft. Das ist das Versprechen, das das Christentum dem Wahn der Ich-Optimierung entgegensetzt. Ohne den Funken von außen, ohne das Gegenüber, das der Gläubige Gott nennt, ist tiefe Veränderung nicht zu haben.

Bete wild und gefährlich!, riet einmal ein geistlicher Lehrer seinen Schülern, doch der Rat war eigentlich überflüssig. Fast unweigerlich führt Beten auf einen abenteuerlichen Weg. Beten ist Glauben für Einsteiger – bis man sich ohne Vorwarnung mit den Prüfungen für Fortgeschrittene konfrontiert sieht. Schon wer einfach das Vaterunser nachspricht, das Zentralgebet der Christenheit, stößt auf die Provokation jedes Monotheismus: Vater unser im Himmel – bist du wirklich da?

Und, ist er? Ihr müsst werden wie die Kinder, heißt es dazu in der Bibel. Es ist die Forderung, nicht so lange am Gebäude seiner Gewissheiten zu zimmern, bis auch das letzte Schlupfloch zur eigenen Erschütterbarkeit verbaut ist. Beten braucht einen Rest an Kindlichkeit, ein Zutrauen, dass sich die Lücke zwischen dem, was gewiss, und dem, was nur erhofft ist, schließen kann ohne unser eigenes Zutun.

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Leser-Kommentare
  1. Was hat das eine bitte mit dem anderen zu tun ? Was hat Gott
    mit dem Äußeren zu tun ? Was hat Transzendenz mit dem Äußeren zu tun ?

    Das edelste Gebet ist, wenn der Beter sich in das, vor dem er kniet, verwandelt inniglich.

    Angelus Selenius

    Wer das beten nicht versteht, versteht nicht was Evolution
    ist ... und Gebet birgt. Ego ist Ausschöpfung der bewußten
    Fähigkeiten. Gebet ist Hingabe an die unbewußten Fähig- keiten.

    • bibber
    • 24.12.2009 um 20:17 Uhr

    Glauben und Kirche hat etwas mit Massenhypnose zu tun: der Mensch neigt dazu, in einer Gruppe seine Eigenverantwortung ganz schnell aufzugeben und das Denken zu synchronisieren. Da die Menschheit sich zu mehr Eigenverantwortlichkeit entwickelt, werden Gruppen wie Kirchen und Spiri-Gruppen immer mehr obsolet.
    Beten als Gruppenerlebnis ist eine Massensuggestion, in der bestimmte Archetypen in uns aktiviert werden, bestimmte Symbole wirken. Das war gut, um über Menschen herrschen zu können, um große Reiche zusammenhalten zu können.
    Beten als spitirtuelles Erlebnis ist eine rein private Angelegenheit, genau wie Sex, warum sollte man darüber sprechen. Gleichwohl ist es natürlich eine gute, sehr wirksame Sache, sich selbst, seine eigenen normalerweise verborgenen Kräfte zu wecken und einzusetzen. Hände zu falten gibt Energie, und noch mehr Energie wird frei, wenn nur die Fingerspitzen zusammen gehalten werden. Damit kann man eine ungeheure Konzentration erreichen, und mit einer großen Konzentration gelingt manches, das man nicht für möglich hält und das einen retten kann. Da sind keine Grenzen gesetzt. Das weiß jeder Mensch instinktiv, und wenn ihm nichts mehr bleibt, tut man es eben. Menschen, die herrschen, tun es viel öfter als einfache Mitläufer. Diese Konzentration bringt Lösungen. Das weiß auch jeder Handwerker, der es mit kniffligen Situationen zu tun hat und jeder Künstler, jeder Autor. Nur so ist es möglich, Grenzen zu überwinden.

  2. Buda-Bertalan Weisenstein-Neumann:
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    Liebe, Verzeihe – übe Gnade
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    Gnadenlos sind nur – die Schwachen,
    Frieden versprechen Sie – mit Feuer-Waffen,
    Gnade und Toleranz für Global-Frieden,
    Um den Völker-Freundschaft, Freiheits-Willen!
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    Fantasie für MEHR Toleranz und Frieden,
    Nicht für Töten-Foltern-Ausspielen-Knebeln,
    Lieben und Verzeihen – gegen Blut-Rachen,
    Versöhnung, Mahn-Wörter sind Gottes-Waffen!
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    Zeige nicht nur am Weihnachten Liebe,
    Verzicht’ lange Jahre auf Glaubens-Rache,
    Dies wäre Gottes erneute, wahre Geburt,
    Achtung für Mitmenschen aus Ehre, Demut!
    .
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    Mißbrauche nicht – im Namen deines Gottes,
    Friedlicher Glaube ist – was du, damit tötest!
    Alle Menschen glauben an Gottes-Gnade,
    Toleriere, achte Leben – und – Verzeihe!!!

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    .
    .
    Fortsetzung:
    http://Weisenstein-Neuman...
    http://community.zeit.de/...

    Copyright 2004-2009, Urheberrecht bei Buda-Bertalan Weisenstein-Neumann, reg.: 4910...

  3. .
    "So exotisch das Beten einer ungläubigen Welt erscheint [...]."

    Wer sagt, dass die Welt "ungläubig" ist?

    • rvn
    • 24.12.2009 um 21:09 Uhr

    unabhängig von der Mitgliedschaft in einem Verein ist. Die unterschwellige Unterstellung, dass Glaube nur in der kath. / ev. Kirche "wahr" wäre, ist wirklich anmaßend.

    Kirche, Religion und Glaube, sind 3 unabhängige Dinge, und der Glaube wird durch das Fehlen der ersten beiden nicht weniger wert. Das müssen sich die aufgeblasenen Pfaffen erst einmal klarmachen.

  4. und sein wie die Kater.

    Der Held aus meiner Weihnachtsfreude stellt sich den fortgeschrittenen Herausforderungen des Glaubens an einen gütigen Gott adäquat: "... Die geistige Kraft, die mir [mein Leben] aufgedrungen hat, kann unmöglich schlechtere Gesinnungen haben, als der freundliche Mann bei dem ich in Kondition gegangen und der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt."

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • luccas
    • 25.12.2009 um 17:27 Uhr

    Herr-Belcampo schrieb:
    "Ihr müsst werden wie die Kinder ...und sein wie die Kater."

    Miau.

    • luccas
    • 25.12.2009 um 17:27 Uhr

    Herr-Belcampo schrieb:
    "Ihr müsst werden wie die Kinder ...und sein wie die Kater."

    Miau.

  5. doch was ist beten? da gibt es wohl keine pauschalantworten, denn für jeden ist beten etwas anderes.

    gott weiß doch schon alles, warum sollten wir es ihm also erzählen?

    und ist er wirklich im himmel. sitzt er dort oben auf einer watteweißen wolke und schlürft behaglich tee, während hier und da ein: "nimm mir dieses höllische kopfweh" weg
    oder "lass mich bitte die mathematikarbeit bestehen"
    wahlweise an sein rechtes oder linkes ohr tönt.

    und ist er so willkürlich, dass er sich beim einen überlegt:
    o.k. gebongt, dein wunsch sei mir befehl!

    während er die menschen in erdbebengebieten weiter obdachlos lässt?

    fragen über fragen.

    Schöner Artikel, denn er zeigt, dass in unserer Gesellschaft etwas aufbricht, weg vom "aus mir" hin zum
    "durch dich".

    transzendenz ist das, was übersteigt und was immanent ALLEM innewohnt zugleich

  6. Von klein an zu Gott dem Vater, Sohn und Heiligen Geist erzogen,Als Christ von Eltern,Lehrer,Kirche zur Religion erzogen,War alles heilig, der Papst,der Patriarch,der Bischof, die Religion, Es kamen Fragen,Widerspruch zwischen Glaube und Religion,Es offenbarte Prophezeiung,Johannes,Savonarola,Reformation und Glaubenskreuz, Die Kirche, Doktrin ohne Reue, Vergebung wider Gottesglauben,Christusglauben, Im Angesicht des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus,Als christliche Kirche, doktrinäre Religion über den christlichen Glauben, Alles mit Ostern,Pfingsten und Weihnacht und Kirchenglauben, Wider Gottesglauben und Christusglauben der uns trägt,Gegen gesagtes, gelebtes, erlebtes des Gekreuzigten und Auferstandenen, Als Christ zu Gott dem Vater, Sohn und Heiligen Geist gewogen, ist alles heilig, die Bibel, Jesus Christus, der christliche Glaube,Das Evangelium, die Offenbarung.Veröffentlich auf Seite Glauben von www.klartext-arena.ch

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