Der Mensch ist zur Zusammenarbeit begabt. Nichts unterscheidet uns so sehr vom Affen wie die soziale Intelligenz. Wir können uns in andere hineindenken, mit ihnen kommunizieren und gemeinsam handeln. Der Mensch, so drückt es der Anthropologe Michael Tomasello aus, sei "das Tier, das ›Wir‹ sagt". Doch zur selben Zeit, als Tomasello für seine Verhaltensstudien vergangene Woche in Stuttgart der Hegel-Preis verliehen wurde, schien in Kopenhagen die These vom kooperationsfähigen Homo sapiens krachend widerlegt zu werden. Der Weltklimagipfel, vorab von manchen zur "wichtigsten Konferenz der Menschheitsgeschichte" erklärt, scheiterte spektakulär. Gibt es einen besseren Beweis für die Unausrottbarkeit des menschlichen Egoismus?

Die Enttäuschung über das Nichtergebnis von Kopenhagen ist jedenfalls groß. Von einer "Schande für die Industrieländer" und einer "Ohrfeige" für die Entwicklungsländer sprechen Umweltverbände, das Resultat komme "einer Sterbehilfe für das Weltklima gleich", klagt der Klimaforscher Mojib Latif. Selbst Bundeskanzlerin Merkel spricht von "sehr gemischten Gefühlen", EU-Kommissionschef Barroso gibt seine "Enttäuschung" offen zu. So viel war von "Hopenhagen" erhofft worden, so wenig kam am Ende zustande. In der "Vereinbarung von Kopenhagen" einigte sich die Staatengemeinschaft nur auf das vage Bekenntnis, die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen zu wollen, ohne konkrete Schritte zur Erreichung dieses Ziels zu vereinbaren. Dabei reichte es noch nicht einmal zu einer offiziellen Deklaration; lediglich "zur Kenntnis" genommen haben die Staaten am Ende das Abschlusspapier. Damit steht es jedem Teilnehmerland frei, sich an den Copenhagen Accord zu halten oder nicht. Unverbindlicher geht es kaum.

Ist die Menschheit also doch unfähig zur Zusammenarbeit, jedenfalls solange ihr das Wasser noch nicht überall in gleichem Maße bis zum Hals steht? Oder lässt sich aus dem Scheitern der Gipfeldiplomatie auch etwas lernen?

Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind wir alle Teil eines nie da gewesenen Experiments: Zum ersten Mal muss die Menschheit versuchen, globale Bedrohungen durch koordiniertes Verhalten zu bewältigen. Am Ende des ersten Jahrzehnts, der "nuller Jahre", fällt die Bilanz in dieser Hinsicht gemischt aus. In der Finanzkrise hat die Weltgemeinschaft erstaunlich rasch und einmütig reagiert, bei der Bekämpfung des Terrorismus und des Klimawandels jedoch hat sie Geschlossenheit vermissen lassen. Und so geht die erste Dekade des 21. Jahrhunderts, der mit dem 11. September gleich zu Beginn ein dunkler Stempel aufgedrückt wurde, nun mit dem kläglichen 19. Dezember in Kopenhagen zu Ende.

Vielleicht ist beim Klimaschutz eine wichtige Voraussetzung für ein globales Miteinander nicht gegeben. Wie Tomasellos Untersuchungen zeigen, beruht die Kooperationsfähigkeit von Menschen auf ihren gemeinsamen lebensweltlichen Erfahrungen, auf die sie sich unausgesprochen beziehen. Dieser Grundstock gemeinsamer Erfahrungen fehlt uns offenbar.

Während die Bewohner kleiner Inselstaaten sich um den ansteigenden Meeresspiegel sorgen, eifern Chinesen und Inder dem Wohlstandsversprechen des Westens mit all seinen Folgekosten nach, und die Bürger der USA plagen derzeit die Auswirkungen der Finanzkrise, die Angst um ihren Arbeitsplatz und die Frage nach einer bezahlbaren Gesundheitsversorgung; für sie kann der Klimawandel warten. Unter solchen Umständen ist es fast unmöglich, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen; und dafür sind längst nicht nur die Politiker verantwortlich zu machen.

Das Zwei-Grad-Ziel bleibt Gegenstand internationaler Diplomatie

Andererseits hat Kopenhagen zweierlei gezeigt. Erstens wird der Klimawandel definitiv nicht mehr von der politischen Agenda verschwinden, und das (erstmals offiziell benannte) Zwei-Grad-Ziel bleibt zumindest Gegenstand internationaler Diplomatie, so wie Ozonloch, Abrüstung, Handelsschranken oder Terrorismus. Zweitens sollte der kurzfristige Misserfolg nicht darüber hinwegtäuschen, dass längst ein langfristiger Wandel im Verhalten eingesetzt hat; immer mehr Unternehmen erkennen, dass "grüne" Techniken ihnen keine Nachteile, sondern Wettbewerbsvorteile bescheren, die sich über kurz oder lang auszahlen. Und kommunale Initiativen und Städte schließen sich, über alle Grenzen hinweg, beim Kampf gegen den Klimawandel zusammen.

Auch wenn der Klimagipfel vorerst gescheitert ist (nächstes Jahr werden die Verhandlungen in Bonn und Mexiko fortgesetzt), wird dieser Klimaschutz "von unten" weitergehen. Initiativen wie die zwischen China und den Vereinigten Staaten vereinbarte Kooperation zur sauberen Energie, die jeden Monat Dutzende amerikanischer Firmen nach China bringt und so den Austausch von Know-how und Energiespartechnik fördert, tragen möglicherweise mehr zur CO₂-Reduktion bei als jede noch so wohlklingende Gipfelresolution.

Das Ergebnis des globalen Experiments namens Klimaschutz ist also noch offen. Nie hatten wir mehr wissenschaftliche Einsicht, nie bessere Techniken und Kommunikationsmittel, die uns in Lichtgeschwindigkeit mit dem anderen Ende der Welt verbinden. Vielleicht lernt es die Menschheit im 21. Jahrhundert ja doch noch, dass sie auch im globalen Maßstab von einer besseren Kooperation nur profitieren kann.

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