ZEITmagazin: Frau Mutter , es gibt Hunderte von Interviews mit Ihnen, haben Sie in etwa den Überblick, was Sie alles schon von sich gegeben haben?

Anne-Sophie Mutter: Es muss unzählige Dubletten geben, Gedankengänge, die sich über Jahre hinweg in erschreckender Weise nicht ändern, und andere, die sich sprunghaft ins Gegenteil umkehren – eine gespaltene Persönlichkeit sitzt vor Ihnen. (lacht) Seit 30 Jahren die gleichen Fragen und der verzweifelte Versuch, schlüssige Antworten zu finden!

ZEITmagazin: Und dann gibt es noch die unzähligen Porträts und Rezensionen. Was haben Sie für ein Bild von sich, wenn Sie die Artikel über sich lesen?

Mutter: Oh, ich will mir eigentlich gar kein Bild machen müssen.

ZEITmagazin: Darf ich Ihnen schildern, welches Medienbild ich von Ihnen habe?

Mutter: Bitte!

ZEITmagazin: Es ist das eines Menschen, der wie von einem anderen Stern zu kommen scheint, so perfekt wirkt die Inszenierung.

Mutter:(lacht schallend) Nahezu perfekt – ich fühle mich hier ertappt! Wären wir nicht alle gern nahezu perfekt?

ZEITmagazin: Es muss wahnsinnig anstrengend sein, immer perfekt sein zu wollen.

Mutter: Es ist sinnlos, zu denken, man könne auch nur in die Nähe davon kommen. Aber das Streben nach Perfektion finde ich durchaus spannend.

ZEITmagazin: Kritiker werfen Ihnen vor, dass das Streben nach Perfektion sich bei Ihnen sogar musikalisch auswirkt, weil die Interpretationen manchmal ins Glatte abrutschten.

Mutter: Musik kann man ja nicht in Worte fassen. Ich versuche eigentlich nur, mich einem Werk immer wieder aufs Neue zu nähern und dem Zuhörer etwas zu vermitteln, was unter die Haut geht, was eine Erinnerung an das Werk hinterlässt. Natürlich ist das immer ein subjektiver Blick auf das Werk, durch meine Lebenserfahrung gefärbt. Aber für Glätte und Oberflächlichkeit war in meinem Leben nie Platz, das hat meine Lebensgeschichte gar nicht zugelassen.

ZEITmagazin: So einen Satz wie diesen sprechen Sie fast nie aus, Sie verbitten sich einen Blick in Ihr Inneres. Und doch spielt in den Rezensionen Ihre Person immer wieder eine Rolle.

Mutter: Zuhören erfordert sehr viel Feingefühl und Offenheit. Es ist auch für mich als Zuhörer nicht leicht, unvoreingenommen, sozusagen reinen Ohres ins Konzert zu gehen. Natürlich sind wir alle vorbelastet: Was erwarten wir von dem Abend, in welcher Interpretation fanden wir das Stück bislang besonders schön? Wir wollen dann zum Beispiel, dass es so klingt wie vor 30 Jahren, als wir Furtwängler hörten. Aber dann klingt es auf einmal ganz anders! Dann sind wir enttäuscht, vielleicht sogar schockiert.

ZEITmagazin: Kann man den Hörgenuss wirklich komplett loslösen vom Erscheinungsbild eines Musikers?

Mutter: Bei einem Dirigenten müssen Körperlichkeit und Charisma, das physische Einswerden mit der Musik, absolut untrennbar verbunden sein. Bei einem Sänger, der natürlich auch Schauspieler ist, trifft das ebenfalls zu. Bei uns Interpreten eher nicht – wir sind ja keine Schauspieler.

ZEITmagazin: Aber einige haben Charisma und andere nicht.

Mutter: Bei den Instrumentalisten kommt es am allerwenigsten auf die körperliche Umsetzung im Sinne von flamboyanten Gesten an. Charisma schadet nicht, aber es hat nichts mit langen blonden Haaren zu tun. Charisma ist der innere Wille, das dringende innere Mitteilungsbedürfnis, die persönliche Sichtweise, die sich unverrückbar und unentrinnbar mitteilt. Es ist die absolute Leidenschaft und Hingabe an die Sache, das Innere, was nach außen leuchtet. Das ist sehr wichtig für einen Geiger, eigentlich für jeden Musiker.

ZEITmagazin: Warum sprechen Sie immer vom »Geiger« und nie von einer »Geigerin«?

Mutter: Das ist für mich eine völlig geschlechtsfreie Bezeichnung. Für mich existiert diese Trennung zwischen einem weiblichen und einem männlichen Geiger nicht. Wenn ich Geiger sage, meine ich uns alle.