Bildung Die Phantomschüler
Kinder von illegalen Einwanderern können nur heimlich zur Schule gehen. Offiziell müssen Lehrer die Papierlosen sogar melden. Das könnte sich nun ändern
Wenn es an der Tür klingelte, zuckte sie zusammen. Jetzt holen sie uns, dachte sie. Nur einmal am Tag verließ sie ihren Unterschlupf, für wenige Minuten, möglichst heimlich in der Dunkelheit. »Damit mich niemand fragt, warum ich nicht in der Schule bin«, sagt Hülya Demiroglu. Die meiste Zeit verbrachte sie vor dem Fernseher oder dem Computer. Oft starrte sie nur aus dem Fenster. Hinaus in jene Welt, die nicht mehr die ihre sein durfte.
1994 waren Hülya und ihre Familie als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Aus der Türkei, wo Vater Demiroglu als Sympathisant der PKK galt. Als nach Jahren der Asylantrag abgelehnt wurde, drohte die Abschiebung. Die Familie ging in den Untergrund. Erst dachte Hülya, sie müssten nur einige Wochen so leben: zu viert in einem Zimmer, fast ohne Kontakt zur Außenwelt. Am Ende wurden es vier Jahre.
Einige Hunderttausend Menschen leben in Deutschland ohne amtliche Erlaubnis, ihre genaue Zahl kennt niemand. Sie kommen aus Ecuador, der Ukraine oder Ghana, putzen in Einfamilienhäusern, pflegen Demenzkranke und spülen Teller. Viele reisen als Touristen ein und bleiben. Andere leben viele Jahre legal als Geduldete oder Asylbewerber hierzulande und werden durch den Verlust ihres gültigen Aufenthaltsstatus zu Illegalen.
Je länger sie hier sind, desto häufiger haben sie auch Kinder. Rund fünf bis zehn Prozent aller heimlichen Einwanderer sollen Minderjährige sein. Die bislang einzige Studie zum Thema, durchgeführt an der Evangelischen Fachhochschule in Ludwigshafen, nennt für eine Stadt wie Frankfurt die – überraschend hohe – Schätzung von etwa tausend papierlosen Minderjährigen. Keiner weiß, wie viele dieser Phantomkinder eine Schule oder Kita besuchen oder sich wie Hülya zu Hause verbergen. Von einem Tag auf den anderen blieb das Mädchen dem Unterricht fern. »Ich hatte Panik, jemand würde mich verraten.«
Streng genommen wären ihre Lehrer sogar dazu verpflichtet. Das Aufenthaltsgesetz schreibt allen öffentlichen Stellen vor – auch Pädagogen oder Erziehern –, jeden ohne gültige Papiere den Ausländerämtern zu melden. Die Logik lautet: Wer keine Erlaubnis vorweisen kann, darf keine Leistungen vom Staat beanspruchen, auch nicht als Minderjähriger. Flüchtlingsinitiativen, Lehrerorganisationen und Kirchen geißeln diese weltweit einmalig strenge Regelung seit Langem. »Es kann nicht angehen, dass Kinder für die Lebensumstände ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden«, sagt Gerd Mascher von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hamburg.
Diese Sippenhaft könnte nun bald enden. Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung hat die Abkehr von der Hartherzigkeit bereits Niederschlag gefunden. Danach will Schwarz-Gelb Schulen von der Meldepflicht entbinden. »Das wird kommen. Darauf können Sie sich verlassen«, sagte die CDU-Abgeordnete Kristina Köhler Ende November im Bundestag. Jetzt, als neu bestellte Familienministerin, will sie sich erst mal nicht äußern.
Tatsächlich tönte es bis vor Kurzem aus ihrer Partei noch anders. So warnte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl, vor einer »Kumpanei mit Illegalen«. Hamburgs einstiger Justizminister Roger Kusch (damals noch CDU) bezichtigte Anhänger einer Schulpflicht für Illegale »rechtsstaatswidriger Larmoyanz«. Doch nun mehren sich die Zeichen für ein Umdenken, auch wenn die Opposition skeptisch bleibt. »Schon die Große Koalition wollte die Meldepflicht kippen. Nur die CDU-regierten Länder sperrten sich«, sagt Rüdiger Veit, der migrationspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.
Allerdings hat in Nordrhein-Westfalen die schwarz-gelbe Landesregierung ihren Lehranstalten regelrecht verboten, bei der Anmeldung nach Aufenthaltspapieren zu fragen. Selbst Hessen hat sich bewegt. Bislang drohten dort Lehrern, die das offizielle Petzgebot missachteten, dienstrechtliche Konsequenzen. Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) machte nun klar, dass auch Illegale zur Schule gehen dürfen.
Sie wehren sich nicht, selbst wenn man ihnen die Zähne ausschlägt
Die Lockerungen sollen diesen Kindern einen Weg zum Lernen ebnen. Die Angst vor Entdeckung können sie jedoch nicht beseitigen. Wenn Mascha Tomics* Unterricht vorbei ist, weiß sie, dass gleich ihr Handy klingelt: »Mascha, ist alles in Ordnung? Kommst du jetzt?« Der nächste Anruf ihrer Mutter folgt kurz darauf im Bus, der übernächste, wenn sie aus der U-Bahn steigt. Bis zu acht Telefonate begleiten das Mädchen und ihren Bruder vom Schulhof nach Hause, ebenso morgens von der Haustür bis in den Klassenraum. »Ich muss immer wissen, wo Mascha gerade ist«, sagt Elena Tomic. Verspätet sich ihre Tochter um ein paar Minuten, wird sie unruhig, geht ihr entgegen.
Im Sommer vergangenen Jahres ist Elena Tomic mit ihren beiden Kindern aus Belgrad nach Deutschland gekommen. In Serbien sah sie keine Zukunft mehr. Als Alleinerziehende könne sie ihren Kindern dort »kein würdiges Leben ermöglichen«. Also kauften sie drei einfache Tickets und stiegen in Hamburg aus dem Zug. Bekannte mieteten eine Wohnung an. Über eine Anzeige fand sich eine Familie, die Hilfe suchte bei der Pflege ihres Großvaters. Nur wohin mit den Kindern? Eine lange Suche führte zu einem Gymnasium im Hamburger Süden. Als Elena Tomic sich vorstellte, fragte der Direktor nach Namen und Adresse der neuen Schüler. Und vergaß einfach, sich ihre Meldebestätigung zeigen zu lassen.
»In der Regel sind nur der Rektor und die Klassenlehrerin über den Status der Kinder informiert«, sagt Klaus Pelzer*, Sozialarbeiter einer Hamburger Schule, die seit mehr als zehn Jahren Illegale unterrichtet. Sie bekommen einen Schülerausweis, viele haben selbst eine Monatskarte. Nur bei Klassenreisen ins Ausland dürfen sie nicht mit. Am Ende des Schuljahres erhalten sie wie ihre Klassenkameraden ein Zeugnis. Pelzer sagt: »Viele dieser Kinder gehören im Unterricht zu den eifrigsten.«
Dennoch bewohnen sie eine Schattenwelt. Immer wieder hat Elena Tomic ihren Kindern die Überlebensregeln in dieser Welt eingeimpft. Lass dich nicht mit falschen Freunden ein! Meide Streit – selbst wenn du im Recht bist! Als Mitschüler Maschas Bruder drei Zähne ausschlugen, behielt der 16-Jährige den Vorfall für sich, um sein unauffälliges Leben nicht zu gefährden.
Für jüngere Kinder illegaler Mütter ist die Lage schlechter. Es sei »nahezu aussichtslos«, ihnen bei der Suche nach einem Kindergarten zu helfen, sagt Inger Hamdorf von der Initiative Mujeres sin Fronteras (Frauen ohne Grenzen), die sich um lateinamerikanische Migrantinnen kümmert. Seit Wochen versucht sie, einen Jungen aus Ecuador unterzubringen. Der Vierjährige hockt mit einer Nuckelflasche auf dem Schoß seiner Mutter, er wirkt zwei Jahre jünger. Das Kind sei nicht geplant gewesen, erzählt Carmen González*, die vor Jahren über Spanien nach Hamburg kam. Eine Abtreibung kam für sie nicht infrage.
Die beiden leben nun wie aneinandergekettet. Jeden Morgen verlässt sie gegen halb sieben das Haus, den Jungen auf dem Arm. Während sie Toiletten putzt und Parkettfußböden poliert, schaut der Junge Zeichentrickfilme. Die Mutter weiß: Ohne Kontakt zu Gleichaltrigen wird sich ihr Sohn niemals richtig entwickeln. Aber alle Anrufe bei Kindergärten waren bislang vergeblich. Mal gibt es keinen Platz, mal fehlt der Mut, sich über die Vorschriften hinwegzusetzen. Und Kitas müssen in immer mehr Kommunen pro Kind und Stunde abrechnen. Illegale bringen kein Geld.
»Für solche Kinder brauchten wir eine Art Härtefallfonds«, fordert Sozialarbeiterin Inger Hamdorf. Sie könne nicht zurück nach Ecuador, sagt González, ihre Familie dort benötige ihre Überweisungen aus Deutschland. So versucht sie selbst, ihrem Sohn notdürftig etwas beizubringen, liest ihm vor, singt, wiederholt Abzählreime.
Erst versteckt, dann Superschülerin und nun droht ihre Ausweisung
Auch für Hülya Demiroglu war ein Selbstlernprogramm die einzige Möglichkeit, ihren Tagen im Untergrund einen Sinn zu geben. Jeden Morgen las sie in alten Schulbüchern ihrer größeren Brüder. Im Internet suchte sie nach neuen Aufgaben. Ihr Fleiß wurde belohnt, als im vergangenen Jahr Familie Demiroglu ihr Versteck verließ, um auf legalem Weg einen Bleibeantrag zu stellen. Damit durfte auch Hülya wieder zur Schule.
Was folgte, wäre ein modernes Weihnachtsmärchen – stünde das glückliche Ende nicht noch aus. Denn die Zeit im Verborgenen hatte Hülya nicht zermürbt, sondern stark gemacht. In sechs Monaten holte sie ihren Hauptschulabschluss nach und wechselte auf die Realschule. Schnell war das ehrgeizige Mädchen auch hier wieder die Klassenbeste. Als sie sich zum neuen Schuljahr bei der Start-Stiftung um ein Stipendium für besonders begabte Migrantenschüler bewarb, wurde sie prompt ausgewählt.
Abitur möchte die 19-Jährige nun machen, dann Psychologie oder Sozialpädagogik studieren, um später selbst einmal Flüchtlingen zu helfen. Ob sie die Chance dazu erhält, ist indes ungewiss. Der hessische Petitionsausschuss hat den Aufenthaltsantrag der Familie Anfang November bereits abgelehnt. Nun muss die Härtefallkommission des Landes darüber befinden. In den kommenden Wochen fällt die Entscheidung.
* Name geändert
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- Datum 08.01.2010 - 15:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
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