DIE ZEIT: Herr Scherf, singen Sie an Weihnachten?

Henning Scherf: Ja, ich bin in einem großen Chor, dem Bremer Ratschor. Wir singen drei Konzerte: am Sonntag vor Weihnachten, am Heiligabend und dann noch Silvester. Und überall singe ich mit – ist das nicht schön?

ZEIT: Ich nehme an, Sie singen Bass.

Scherf: Zweiten Bass sogar. Das finden die vor uns stehenden Frauen schön, wenn da ein großer, dicker, verlässlicher Bass im Hintergrund singt.

ZEIT: Und sicher werden auch bei Ihnen zu Hause Weihnachtslieder gesungen?

Scherf: Klar, dann kommen die sieben Enkelkinder. Wir brauchen kein Tonband und keine CDs, wir machen das selber. Unser Heiligabend geht gar nicht ohne Singen. Und natürlich gibt es auch keine Geschenke ohne Singen.

ZEIT: Seit wann singen Sie im Chor?

Scherf: Seit meiner Kindheit. Ich habe früher ersten Sopran gesungen im Knabenchor! Manchmal bin ich nach den Proben so euphorisch, dass ich mich fühle, als hätte ich eine Spritze mit Adrenalin verpasst bekommen. Die Leute, die meinen, sie könnten durch Wellness und Ölmassagen in Schwung kommen – die haben überhaupt keine Ahnung, wie schön Chorsingen sein kann. Das macht nicht nur dem Kopf Freude, sondern dem ganzen Körper, bis in die Fußsohlen. Nach dem Sport falle ich ins Bett, aber nach dem Singen bin ich so mobilisiert, dass ich ganz lange brauche, um einzuschlafen.

ZEIT: Wenn es solche Gemeinschaftsgefühle erzeugt – sollten Politiker vor Koalitionsverhandlungen nicht erst einmal zusammen singen?

Scherf: Wir in Bremen waren immer schon ganz stolz, dass wir vor dem politischen Streit zusammen gefrühstückt haben. Aber Singen wäre noch viel besser gewesen.

ZEIT: Ist Chorgesang ein Mittelschichtphänomen mit Barrieren für Menschen, die keine Noten lesen können?

Scherf: Nein, das stimmt nicht. Wir beobachten bei den Felix-Kindergärten, die unser Gütesiegel tragen, dass die Kinder dort mit Begeisterung singen. Die eigene Stimme zu mobilisieren ist etwas, was so gut wie alle können. Wenn man diese Lust und Neugierde, die Kinder ja haben, klug und kompetent fördert, dann lernen sie sich zu artikulieren und zu atmen, das ist eine Riesenhilfe für die Zunge, den Kopf und natürlich auch die Seele. Die Eltern stehen Schlange, weil sie kapiert haben: Wenn man im Kindesalter singen gelernt hat, kommt man besser über die Runden.

ZEIT: Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Liedgut ist aber ein gespaltenes.

Scherf: Wir haben das jahrzehntelang falsch eingeschätzt. Daran ist die Apo schuld, die hat das Singen als reaktionär und bildungsbürgerlich denunziert. Die Nazis und die Kommunisten mit ihrer Grölerei haben es instrumentalisiert. Jetzt beobachten wir, dass es aus der Talsohle heraus wieder ein großes Interesse gibt. Wir schrumpfen nicht, wir wachsen wieder.

Die Fragen stellte Christoph Drösser

Henning Scherf, 71, ist Präsident des Deutschen Chorverbands. Von 1995 bis 2005 war er Bürgermeister von Bremen