Allenfalls in der Kirche wird noch ausgiebig zur Weihnachtszeit gesungen. Bei den meisten Menschen kommen die Weihnachtslieder von der CD © Peter Macdiarmid/Getty Images

Durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah…« – bloß, wer tönt da? Unter deutschen Weihnachtsbäumen dominiert die Klangkonserve. Drei von fünf Bundesbürgern lassen sich an den Feiertagen mit Weihnachtsliedern von der CD beschallen. Demgegenüber singt nur ein Fünftel selbst Weihnachtslieder, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ears and Eyes.

Und Hand aufs Herz: Wer ist schon noch textsicher in der dritten Strophe von Stille Nacht oder Süßer die Glocken nie klingen? Ganz zu schweigen von weniger präsenten, aber wunderschönen Weihnachtsliedern wie Maria durch ein Dornwald ging oder Tochter Zion? Selten sind Familien geworden, in denen es an Weihnachten ohne Gesang keine Geschenke gibt. Selbst wenn sie wollten, könnten die Generationen kaum noch zusammen singen, weil Alt und Jung kein gemeinsames Repertoire mehr haben. Und so allgegenwärtig jahreszeitliche Musik in den Wochen vor Weihnachten aus den Radios und durch die Geschäfte tönt – Singen unterm Weihnachtsbaum, das hat für viele einen arg spießigen Beigeschmack.

Doch all den Nichtsängern entgeht dabei einiges. Jeder kennt die Macht, mit der die Musik schon beim passiven Hörer andächtige, euphorische oder melancholische Stimmungen auslösen kann. Noch viel mächtiger ist Musik, wenn man sie selbst erzeugt, vor allem in ihrer ursprünglichsten Form, dem reinen Gesang. Laiensängerinnen und -sänger schwärmen von den starken Emotionen, vom Gemeinschaftsgefühl, vom körperlichen Kick, den ihnen die wöchentliche Chorprobe gibt. Dass dies mehr ist als die subjektive Begeisterung für ihr Hobby, zeigen neue Ergebnisse von Wissenschaftlern, die der Frage nachgehen, warum die Menschen so gern zusammen singen.

Rhythmus synchronisiert Gruppen und euphorisiert den Einzelnen

Warum die Evolution des Menschen die Musik überhaupt hervorgebracht hat, dazu gibt es unterschiedliche Theorien. Als plausibelste gilt derzeit jene, die in ihrer Funktion als »sozialer Kitt« den Hauptgrund sieht: Mit wem ich musiziere, dem gehe ich nicht an die Gurgel – das gilt heute unterm Weihnachtsbaum genauso wie früher am Lagerfeuer unserer Urahnen. Freilich lässt sich die gemeinschaftsstiftende Funktion von Musik auch für aggressive Zwecke nutzen – böse Menschen haben, entgegen dem Sprichwort, auch ihre Lieder. Noch heute nutzen Militärs in aller Welt Musik in ihrem Sinne, und auch die Nazis und Kommunisten mobilisierten ihre Massen mit Musik – und brachten damit zumindest in Deutschland das gemeinsame Singen nachhaltig in Misskredit.

Wie entfaltet Musik ihre Gruppenwirkung? Im Wesentlichen über den Rhythmus, glauben Wissenschaftler. Der amerikanische Historiker William H. McNeill hat ein Buch mit dem Titel Keeping Together in Time geschrieben, in dem er die Funktion von »Tanz und Drill in der menschlichen Geschichte« (so der Untertitel) beschreibt. Darin geht er von seiner eigenen Erfahrung als Rekrut aus. Der rhythmische Drill durch einen gnadenlosen Ausbilder habe da eine wesentliche Rolle gespielt: Sogar scheinbar sinnlose kollektive Übungen hätten ihn in einen Zustand von Euphorie versetzt, ein Gefühl allgemeiner Wärme hervorgerufen. Muscular bonding, eine »muskuläre Verbundenheit« nennt McNeill das so erzeugte Gemeinschaftsgefühl. Es ist der Grund, warum noch heute am Gleichschritt festgehalten wird, obwohl dieser im tatsächlichen Kampfeinsatz überhaupt keine Funktion mehr erfüllt.