Wenn aber dieses Hobby so umfassend gesund ist – warum wird es dann nicht von mehr Menschen gepflegt? Schließlich rangiert das Musik hören ja in allen Umfragen unter den liebsten Freizeitbeschäftigungen. Währenddessen suchen Chöre händeringend nach Mitgliedern. Sie kämpfen dabei gegen einen ganzen Haufen von Vorurteilen an: 60 Prozent der Menschen gaben in Umfragen an, sie könnten nicht singen – bei den meisten ist das nachweislich falsch. Peter Pfordresher von der University of Texas kam 2007 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass tatsächlich die meisten zumindest die Töne treffen – nur 15 Prozent sangen wirklich schief. Und selbst bei denen muss nicht Hopfen und Malz verloren sein: Pfordresher kam zu dem Schluss, dass der größte Teil von ihnen mit etwas Üben die Umsetzung der gedachten Töne mit dem Stimmapparat lernen könne.

Aber wer einmal in der Schule aus dem Chor geschmissen wurde, weil er angeblich »brummt«, der findet auch später nur schwer den Weg zurück zum Gesang. Die meisten Mitglieder von Chören, das zeigen Erhebungen, machen seit ihrer Jugend aktiv Musik. Mittlerweile legen viele Chorleiter die Latte niedriger, machten zum Beispiel Notenkenntnisse nicht mehr zur Aufnahmebedingung. Es gibt inzwischen auch Chöre für alle Musikrichtungen von Klassik bis Jazz, vom Volkslied bis zum Top-40-Hit. Aber soziologisch gesehen bleibt der Chorgesang vor allem ein Hobby von Mittelschichtmenschen.

Während aber Chöre und Gesangsvereine von Nachwuchssorgen geplagt werden, erlebt das gemeinsame Singen auch in partiturfernen Schichten eine Renaissance – zum Beispiel in Form von Karaoke-Videospielen wie Singstar. Vor dem Fernseher singen die Spieler zum Playback und können in Echtzeit verfolgen, ob sie Tonhöhen und -längen treffen und wie nahe ihr Gesang der aus dem Radio bekannten Vorlage kommt.

Die Spiele profitieren auch von der Popularität von Castingshows wie Deutschland sucht den Superstar, die von Bewerbern regelrecht überlaufen werden. Auch wenn manche Musiklehrer das mit gemischten Gefühlen – Kommerzialisierung! Konkurrenzdruck! Fragwürdige Vorbilder! – sehen: Das Bedürfnis zu singen bricht sich auch hier Bahn. Der Musikpädagoge Wolfgang Pfeiffer von der Universität Erlangen-Nürnberg erfuhr am Beispiel seiner 14-jährigen Tochter, dass vor allem junge Mädchen sich für die Karaoke-Spiele begeistern – und versucht das nun für den Schulunterricht fruchtbar zu machen, mit Unterrichtseinheiten, in denen das Klassenzimmer zur Castingbühne wird. »Letztlich«, davon ist Pfeiffer überzeugt, »ist alles gut, was die Kinder wieder zum Singen bringt!«

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