Bahn Auf der Billigschiene

Im nächsten Jahr muss die Bahn auf ihren Strecken mehr Konkurrenz zulassen. Der Anbieter Locomore Rail verspricht günstigere Fahrpreise

Wenn sich der Europaparlamentarier Michael Cramer in seiner Wahlheimat Berlin in den Zug setzt, hat er oft schlechte Laune. »Würden am Bahnhof Zoo Schnellzüge halten, wäre jede Fernreise für mich eine halbe Stunde kürzer«, klagt er. Immer wieder schrieb der Grüne, der sich als Verkehrspolitiker für die Interessen von Bahnfahrern einsetzt, Beschwerdebriefe. Doch die seien mit der Arroganz eines Monopolisten beantwortet worden, der genau weiß, dass der Kunde kaum eine Wahl hat. Mit dieser Vormachtstellung aber könnte bald Schluss sein, und dafür ist Michael Cramer mitverantwortlich.

Das Europaparlament setzte sich erfolgreich für die Liberalisierung auf Europas Fernverkehrsstrecken ein. Von Januar an kann jeder Anbieter überall in der Europäischen Union seine Züge rollen lassen – auch grenzüberschreitend und selbst gegen den Widerstand der Staatskonzerne. Die neue Reform soll ähnlichen Schwung in den Markt bringen wie in den neunziger Jahren die Liberalisierung im Flugverkehr. Der Verkehrspolitiker Cramer spricht vom lang ersehnten Fall des »letzten nationalstaatlichen Horts in Europa«.

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Schon haben sich die ersten Interessenten gemeldet. Die französische Staatsbahn SNCF etwa möchte 2010 in Deutschland aktiv werden: Sie will ihre Züge von Straßburg über Frankfurt nach Hamburg schicken und womöglich bald auch von Frankfurt über Erfurt nach Berlin.

Auch im eigenen Land bekommt die Bahn im nächsten Jahr einen ernsthaften Rivalen. Ihr innerhalb Deutschlands Konkurrenz zu machen ist zwar, anders als der grenzüberschreitende Verkehr, schon länger erlaubt. Bisher aber sind die Anbieter nur auf wenigen Strecken unterwegs. So fährt der vom Konzern Veolia betriebene Connex von Leipzig über Berlin nach Rostock-Warnemünde und der Metronom von Bremen nach Uelzen. Ab dem nächsten Jahr aber wird ein Konkurrent auf einer der wichtigsten Großstadtverbindungen unterwegs sein: Das in Berlin ansässige Unternehmen Locomore Rail plant, der Bahn auf der Strecke von Hamburg nach Köln Kunden abzujagen.

Die Betreiber Derek Ladewig und Carsten Carstensen haben alte Züge der Österreichischen Bundesbahn aufgekauft, die dreimal täglich von Nordrhein-Westfalen nach Hamburg rollen sollen. Sechs Wagen mit Platz für 350 Passagiere sollen an die Loks gehängt werden, es wird Ruhewagen geben, Familienabteile und Snacks für zwischendurch. Im Jahr 2011 sollen die Routen Frankfurt–Berlin, Berlin–Hamburg und Stuttgart–Hamburg in Betrieb genommen werden. »Wir konzentrieren uns anfangs auf Strecken mit vielen potenziellen Kunden«, sagt Derek Ladewig. Der Unternehmer will die Tickets günstiger verkaufen als sein großer Konkurrent. Eine erste Klasse soll es auf vielen Strecken nicht geben.

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